Nach(t)kritik

Sa, 02.12.2017
20.00 Uhr
Kabarett

Haltung statt Leitkultur

Veranstaltung: 
Künstler: 
Christian Springer

Was genau ist eigentlich eine Leitkultur? Ist es die deutsche Nationalhymne und die Textsicherheit beim Singen derselben? Oder ist es doch eher der Sonntagsspaziergang? Christian Springer geht der Frage in seinem aktuellen Programm „Trotzdem“ nach - mit der ihn auszeichnenden Ungeduld, die ihn über die Bühne tigern und in atemberaubendem Tempo eine perfekt komponierte Mischung aus Erkenntnissen und Erinnerungen ausstoßen läßt.

Zum Beispiel die Hymne. Sollte sie als Beispiel deutscher Leitkultur dienen, müsste sie in Wort und Musik aus dem kulturellen Boden dieses Landes entsprungen sein. Nun hat aber der Dichter Hoffmann von Fallersleben die Strophen auf der damals englischen Insel Helgoland geschrieben, der Komponist Haydn war Österreicher und hat auch nicht ein Originalwerk geschaffen, sondern ein paar Notenblätter aus der Schublade recycelt. Dieses „Kaiserlied“ wiederum basiert auf der Melodie eines kroatischen Volksliedes. Ein wunderschönes Beispiel für europäischen Geist und vermutlich ganz und gar nicht das, was sich die Schöpfer des Begriffs „Leitkultur“ eigentlich bei diesem gedacht haben.

Zum Beispiel die philosophischen Säulen unserer Geistesgeschichte: Erasmus von Rotterdam und Thomas von Aquin. „Da kann ich jetzt jeden aus dem Saal heraus auf die Bühne holen und ihn die Hauptthesen von Erasmus erläutern lassen“, erklärt Springer, „wir haben das ja alle im Blut, diese Leitkultur.“ Zum Glück musste niemand auf die Bühne kommen.

Und wohin leitet diese Kultur eigentlich? Welche Wegweiser bekommt der Flüchtling, der zu seiner Anerkennung diese zu verinnerlichen hat? Haben diese Wegweiser auch die Nicht-Flüchtlinge hierzulande geleitet, und wenn ja, wohin? Es sind tiefgründige Überlegungen, die Christian Springer anstellt, und sie erzählen weit mehr vom Zustand dieses Landes als so mancher Leitartikel. Sie erzählen, warum selbiges Land nach der jüngsten Bundestagswahl noch immer keine Regierung hat und warum das im Grunde gar nicht zu bemerken ist. Sie erzählen von dem unbemerkten und unbeklagten Mangel an Kultur überall, an Gesprächskultur, Debattenkultur, Kultur im Umgang miteinander.

Es ist ein ganz anderer Kabarettabend, einer, der ohne Gags und nacherzählbare Nummern auskommt und der seine Pointen aus klugen Beobachtungen setzt als das, was sie sein sollten: Zuspitzungen, deutliche Punkte. Einem, der wie Christian Springer von der Beobachtung zur Tat schreitet und mit seinem Verein „Orienthelfer e.V.“ regelmäßig syrische Flüchtlingslager im Libanon aufsucht, einem solchen glaubt man, was er sagt. Und so könnte zur Leitkultur werden, was er am Ende wegweisend mitgibt: auf dem Weg zu bleiben, etwas, das auch ohne Geld funktioniert. „Haben Sie einfach ab jetzt eine Haltung!“

Sabine Zaplin, 02.12.2017
Galerie 
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2017