Nach(t)kritik

Di, 09.01.2018
20.00 Uhr
Schauspiel
Tanztheater

For You my Love: Von Männern, welche Liebe fühlen

Veranstaltung: 
Künstler: 
Companie Johanna Richter

Der ganze Shakespeare in einem Abend, von Romeo und Julia bis Richard III. in gut eineinhalb Stunden. Die Companie Johanna Richter hat sich mit diesem Tanztheater viel vorgenommen. Von Poesie bis Persiflage, von Slapstick bis Pyrotechnik und Männerfantasie mit großem Wumms ist in diesem höchst verwegenen Unterfangen alles dabei. Aber, um das gleich vorwegzunehmen: Die fünf „Jungs“, die Johanna Richter auf die Bühne schickt, haben das ganz große Ding im Kreuz. Und wenn am Ende eine Zuschauerin in den vorderen Reihen stöhnt: „Es reicht jetzt, wir haben es verstanden!“ Ja, dann haben sie alles erreicht. Mit all seinem Hauen und Stechen ist das Stück ein großes Plädoyer für die Menschlichkeit. 

Aber, um auch das vorwegzunehmen, am besten ist dieser Abend in den Passagen, in denen Shakespeare wirklich nur als Inspiration dient, wie es das Programmheft ankündigt. Seine Schwächen (und auch Längen) offenbart er, wenn er zu viel erzählen will. Das Bühnenbild suggeriert zunächst eine Backstage-Situation, einen Theaterfundus vielleicht oder einen  provisorischen Probenraum inmitten von abgestelltem Krempel, verstaubten Requisiten aus Shakespeare-Dramen: Helme, Fahnen, Thronsessel, ein Pferdekopf, ein Kruzifix, ein Lampenschirm, auch leere Bilderrahmen, Stellagen und Leitern. Wie zufällig ziehen die Akteure im Lauf des Abends hier und da heraus, was sie brauchen, um Shakespeare buchstäblich zu „spielen“. Zunächst aber brauchen sie gar nichts, nur die Sprache ihrer Körper, die in Businessanzüge als „Kostüme“ des guten Benehmens gezwängt sind. Immer wieder knöpfen sie Jacken und Westen auf, werfen Krawatten weg und reißen Hemden aus den Hosen, wenn die Leidenschaft sie packt. Umgekehrt knöpfen sie zu, zurren und rücken zurecht, wenn sie Haltung bewahren wollen. Kein Blut, keine Flecken, keine Risse – Schmerz, Verletzung und Tod werden allein mit körperlichem Ausdruck dargestellt, dabei aber keine nackte Haut und keine Peinlichkeiten.

„Romeo und Julia“ setzt ganz auf den Tanz, beginnt zu harten Beats mit einem Bandenkrieg als Street Dance, es wird ebenso kraftvoller wie feinsinniger Ausdruckstanz und braucht zuletzt nichts als ein grünes Giftfläschchen. Bei „Hamlet“ hingegen sind die fünf Akteure, die in immer wieder neue Rollen schlüpfen und sich dafür buchstäblich vor den Augen des Publikums verwandeln, als Schauspieler gefragt: als dänisch nuschelnder Erzähler, als linkischer Hamlet, als schrille Ophelia, als rumpelnder Geist, als expressiver Fechtkämpfer und als quasselnder Sportreporter, wenn schließlich in der „Häagen-Dazs-Arena“ der finale Zweikampf ausgetragen wird. Für „König Lear“ brauchen sie dann nur noch kaum mehr als fünf Minuten: Eine Stimme aus dem Off fasst die Handlung zusammen, der Rest ist eine höchst kuriose Performance, ein Sitztanz sich räkelnder, schmollender, intrigierender „Damen“ und sterbender alter Herren. Das Intrigenspiel in „Othello“ beginnt als witzige Sprechcollage, erinnert zunächst an Gruppentherapie und wird dann an ein furioses Bäumchen-Wechsel-Dich, geht schließlich nahtlos über in das große Gemetzel, zu dem „Macbeth“ und „Richard III.“ verschmelzen. Das Ganze mit einem Flammeninferno als Videoprojektion und echtem Bühnenrauch, mit dem auch der Zuschauerraum eingenebelt wird. Jetzt nur noch große Schlägerei, zuletzt ein animalisches Abschlachten, jeder gegen jeden mit dem Schwert, was Männer halt so machen. Und alles natürlich aus Liebe: „For You my Love!“ 

Katja Sebald, 10.01.2018
Galerie 
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2018