Veranstaltungsinfo

Do, 12.02.2015 bis Fr, 27.03.2015
Ausstellung
Eintritt frei

Herbert Pöhnel und Johannes Haslinger: Hinterbayern_Inside

Die Ausstellung ist zu den Abendveranstaltungen sowie zu den Öffnungszeiten bis 27.03.2015 zu besichtigen.

Herbert Pöhnl (Viechtach) beschäftigt sich in seinen Fotoarbeiten seit 1972 (und Texten seit 1989) mit den Spannungen von Alltag, Tradition, Klischee und Natur. Er versucht, die äußere Erscheinung der Region zu durchdringen und hinterlässt Fragezeichen, oft gepaart mit einem Schmunzeln. Pöhnl will nicht werten, er will Bekanntes nur anders vorstellen. Er will das Interesse wecken, sich selbst zu begegnen. Jeder ist Heimat. Viele der ausgestellten Arbeiten basieren auf den Buchprojekten DER HALBWILDE WALD und HINTERBAYERN_INSIDE. 

Johannes Haslinger (Frauenau/München/Wien) zeigt seine reduzierten, meist in klassischer Schwarz-Weiß-Technik gearbeiteten Porträts, häufig von Personen aus der Musik- und Kunstszene. Haslingers charmante, scharfkantige, ungekünstelte Einzel-Porträts zeigen Charaktere aus unterschiedlichsten Regionen und Milieus, die er mit brachialem Feingefühl fotografisch festhält. 
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2015

Nach(t)kritik 
Schmerzbewältigung muss wohl so ausschauen, wenn man aus dem Bayerischen Wald kommt oder besser gesagt dem, was noch davon übrig ist: Man nimmt also die Reste von "Heimat" und dreht sie ein Stück weit durch den Fleischwolf - mit Richtung Metal gesteigerten Traditionsklängen und mit Hilfe von Herbert Pöhnls fein beobachtenden Texten. Die "Hinterbayern", vier Musiker und ein Mann des Wortes (Pöhnl ist Autor und Fotograf), leiden am mehr oder weniger schleichenden Heimat- und Identitätsverlust also auf schön offensive Art und Weise: Sie hauen als "OriginalWaidlaBuamShowBänd" musikalisch drauf auf den bayerischen Bierzelt-Konsens-Krach, vergewaltigen eine unschuldige Gitarre (Christoph Pfeffer) derart, dass sie wie ein Waschbrett ächzt und überall Wundpflaster trägt; prügeln beim Schlagzeug (Johannes Maria Haslinger) fast nur auf der Basstrommel, spielen die Ziach (Roland Pongratz) zur Not auch mal so, als wäre Hans Albers auf dem Königssee unterwegs, spielen die Posaune (Anderl Weiß) schön mit Schlagseite, weil´s so gut zum bezechten Gesang passt. In der Übersteigerung des Vorgefundenen finden sie ihre Form, ihre Flucht nach vorne. Es ist ja auch kaum zu ertragen, was Herbert Pöhnl da mit fein gezeichnetem Spott beschreibt: Die ewigen "palastartigen Feuerwehrhäuser", die "eindrucksvollen Pflüge auf den Doppelgaragen", die "angedübelten Dreschflegel" an den Wänden - all diese vollkommen missverstandenen Ausdrucksformen angeblicher Heimatverbundenheit. Pöhnl führt im Wechsel mit dem musikalischen Säbel der Musiker das Florett. Spricht wie ein zu spät gekommener Poet vom "Gesang der Gartengeräte", der den Gesang der Waldvöglein längst abgelöst hat. Spart auch die pervertierte ländliche Strukturpolitik nicht aus, wenn er davon kündet: "Ein Regio-Manager hat die Dörfler im Kampf gegen sich selbst beraten." Er spürt mit solchen Beobachtungen "letzte Dorftrümmer" auf, lässt auch mal einen Heimatsuch-Hund von der Leine, trauert mit Gespür fürs längst Verlorene. Als Gesamt-Performance versuchen die "Hinterbayerischen", den Nicht-Waldlern irgendwie nahe zu bringen, wie sie ticken und woran sie unheilbar leiden - zwischen zum Erlebnisparkplatz umfunktioniertem Dorfanger und "Rehbock-Ragout, vom Öko-Jäger erschossen". Zwischen dem, was "Brauchtum" sein soll und doch nur Vermarktungsstrategien beinhaltet: Da wird auf dem Mittelalter-Markt "ein Pferd hinten 50 mal beschlagen und vorne schwindlig gestreichelt", und wenn der "Wolfausläuter" im ausgehenden Winter an der Haustür klopft, dann zahlt man besser. Zwischen den Zeilen und den Heavy-Metal-Gebärden wird freilich auch sichtbar, dass die fünf Mannsbilder aus dem fiktiven(?) Dorf Hinterkirchreuth nicht anders können, als ihre Heimat verzweifelt zu lieben, sie sozusagen Zähne fletschend zu verteidigen, noch im entstelltesten Zustand womöglich. Diese Form von Heimatkunde protokolliert, sie beschreibt, schaut hin - und weiß doch: Ein Entkommen wird es nicht mehr geben. Darauf ein schmerzstillendes Prosit - was sonst?
THOMAS LOCHTE