Veranstaltungsinfo

Fr, 09.10.2015
20.00 Uhr
Musik
Vielklang
18,00 €
Rainer von Vielen

Rainer von Vielen: Erden

Für nachhaltige Zerstreuung, regenerative Euphorie & die globale Erwärmung des Weltfriedens.
ERDEN
Für nachhaltige Zerstreuung, regenerative Euphorie & die globale Erwärmung des Weltfriedens. In Zeiten des Kulturpessimismus & der Gleichgültigkeit tritt die Allgäuer Band Rainer von Vielen für eine Erneuerung des Wertekanons der Menschheit ein. Um ihre Thesen unter das Volk zu bringen, sind Rainer von Vielen (Gesang, Programmiertes, Akkordeon), Mitsch Oko (Gitarre, Gesang), Dan le Tard (Bass, Gesang) und Sebastian Schwab (Schlagwerk, Percussion, Gesang) schon bis nach Sibirien gereist, um in ihrer Funktion als UNSL-Botschafter mit den Wölfen zu heulen. Rainer von Vielen erheben die Innovation zum ästhetischen Prinzip – US-Westcoast-Bass, Gandhi-Rap, Kingston-Akkordeon, Alhambra-Gitarre, Kilimandscharo-Drums, Himalaya-Kehlkopfgesang – die Band nennet es Bastard-Pop. Am 31. Januar 2014 erschien ihr fünftes von Jürgen Schlachter (Kinderzimmer Productions) abgemischtes und von And.Ypsilon (Die Fantastischen Vier) gemastertes Studioalbum. „ERDEN“ heißt das Werk. Entstanden ist der Großteil der 14 Titel unter revolutionärer Lagerstimmung am Staatstheater Hannover. Dort hat die Band im Jahr 2012 zusammen mit Intendant Florian Fiedler vom „Jungen Schauspiel“ das zeitkritische Theaterkonzert
„Mythen der Freiheit“ geschrieben. Die Band fordert darin die Abschaffung der Freiheit weltweit und die Unterwerfung aller unter die Diktatur der Verantwortung. „Empört Euch!“,
„Niedermauern“, „Du bist nicht allein“, „Wenn die Welt untergeht“ – Titel aus dem Bühnenstück, die ohne große Worte die Stoßrichtung erkennen lassen. Die zeitkritischen, fast zynischen Texte treffen auf klassische Liebeslieder und anscheinend leichte Popsongs, mit denen sich die Welt erklären lässt. „Nicht alles was man kann muss man!“, sagt die Band zum digitalen Konformismus und bleibt sich lieber selber treu. Das von der katholischen Kirche verhängte Auftrittsverbot als Reaktion auf das Lied „Großer Bla“ empfindet die Band als große Bestätigung. Die Initiative von Dr. Sigmund Freud, die Religion als gesellschaftliche Neurose entlarvt, wird weiterhin unterstützt.
Auf ihren Tourneen verwandeln Rainer von Vielen die Konzerthallen in ihre Wohnzimmer der Emotionalität, feiern Messen der Kreativität und erteilen der Ekstase die Absolution.

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
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2015

Nach(t)kritik 
„Du hältst mich wach die ganze Nacht...“, singt der Sänger. Könnte stimmen: Wer Rainer von Vielen beim Bosco-Auftritt erlebt hat, muss nicht zwangsläufig sofort in den Schlaf gefunden haben. So elektrisierend, ja geradezu aufpeitschend ist schon lange keiner mehr über Gauting gekommen – beim Kulturfestival im Juli hatte der Kemptener bereits aufhorchen lassen, aber da war der Rainer, sorry: Kalauer, einer von Vielen gewesen und hatte deshalb noch nicht diese Wucht entfalten können, die eben nur ein ganzer Live-Abend zuwege bringt. Tempo aufgenommen hatten von Vielen, sein Gitarrist Mitch Oko und der Bassist Dan Le Tard von der allerersten Sekunde an, als Rainers tiefes Bassröhren wie ein Didgeridoo die Gehörgänge kaperte und sogleich in sakraler Manier der „Große Bla“ beschworen wurde - „Rammstein“ ließ grüßen und bald auch andere Paten. Aus dem Wummern erhebt sich mit machtvollem Pathos immer wieder die Stimme, und die hat meist was Kompromissloses, Wütendes an sich. Entsprechend die Songtitel: „Alles verloren“ (ein strammer Reggae), „Kein Zurück“ oder das schön vorwärts treibende „Empört Euch“. Es sind nicht unbedingt analytische Texte, aber das braucht es bei solchem Drive gar nicht, der Sog entscheidet. Man muss irgendwie froh sein, dass diese fantastische, kraftvolle Band gerade nicht dem rechten Lager zuneigt, sondern im Gegenteil an die geballten Fäuste von „Ton, Steine, Scherben“ und Rio Reiser anknüpft, also an die Grundhaltung „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ bzw. „Keine Macht für niemand!“ Die alte Wut ist noch immer höchst lebendig, das ist schon mal ein gutes Zeichen. Zwischendurch werden solche Ahnen sogar zitiert, ehe Rainer & Co. wieder ihr eigenes Ding durchziehen: Dazu gehören auch unsentimentale Liebeslieder wie „Wenn Du mich nur lässt“ oder das politisch-ironische „Copy Paste“, das ausdrücklich einem gewissen Herrn zu Guttenberg gewidmet wurde, auch so ein Wütendmacher. Meistens sind aber Tempo und harter Beat angesagt, gefüttert von „dicken Bassdaumen“ und einfallsreichen Gitarren-Läufen, immer wieder den Stil variierend von Ska über Rap bis zu Elektro-Sound, der sich streckenweise nach „Kraftwerk reloaded“ anhört. Es ist wohl die Stimme einer weitgehend illusionslosen Generation, die hier hervorbricht, ein Brustlöser für Leute, die sich nichts mehr vormachen lassen.
Im Bosco fehlte zwar der erkrankte Drummer Sebastian Schwab, aber die Samples und Echo-Effekte gingen genauso runter wie Öl: Leicht auszusteuern war der ganze Furor bestimmt nicht, so ging zuweilen was von der Sangesbotschaft rettungslos im Sound unter, aber das machte den Konzertbesuchern wenig aus – sie tobten längst auf der frei geräumten Tanzfläche des Saals herum und skandierten Lieder wie „Es bleibt dabei“ (Die Gedanken sind frei). Rainer sang und röhrte Vielen offenbar aus dem Herzen oder besser aus dem Bauch, und dass er in seinen Hardcore auch mal Jodler und ein geschmeidiges Akkordeon und eine Bluesharp einbaut, ist als wahrer Geniestreich zu werten: Da gehen Form und Inhalt eine aufregende, explosive Symbiose ein, da reicht der Blues die Fackel innerhalb ein und desselben Stücks an den Rap weiter, und das alles mit ordentlich Saft und direkter Ansprache. Es tat und tut dem Bosco unbedingt gut, sich solchen Frischzellenkuren im Sinne eines jungen Publikums auszusetzen, denn die „Diktatur“ der Grauhaarigen gilt es zu brechen – keine Macht für niemand!  Thomas Lochte