Veranstaltungsinfo

Do, 03.03.2016
20.00 Uhr
Schauspiel
28,00 / 15,00 €*
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Nico Holonics in "Die Blechtrommel" - Foto: Birgit Hupfeld
Nico Holonics in "Die Blechtrommel" - Foto: Birgit Hupfeld
Nico Holonics in "Die Blechtrommel" - Foto: Birgit Hupfeld
Nico Holonics in "Die Blechtrommel" - Foto: Birgit Hupfeld
Nico Holonics in "Die Blechtrommel" - Foto: Birgit Hupfeld

Schauspiel Frankfurt : Die Blechtrommel - nach Günter Grass

Ein ganzes Volk glaubte an den Weihnachtsmann.
Ein ganzes Volk glaubte an den Weihnachtsmann. Noch kaum geboren, erkennt Oskar Matzerath die Welt als universales Desaster – und lehnt sie ab. Einzig die von seiner Mutter versprochene Blechtrommel eröffnet ihm eine akzeptable Überlebensperspektive: die Existenzform als Trommler, ein groteskes Künstlerdasein mit ambivalenten Motivationen und Wirkungen. So beschließt Oskar an seinem dritten Geburtstag, nicht mehr zu wachsen, sondern zu beobachten und zu trommeln. Aus der Froschperspektive schildert er das Aufziehen des faschistischen Denkens und Handelns, berichtet von Ehebruch und Pogromnacht, verknüpft Privatgeschichte mit Zeitgeschichte. Er ist Zeuge, zugleich Außenseiter wie Beteiligter einer Welt, in welcher ein Zivilisationsbruch wie der Holocaust möglich ist.

Nicht schuldig, aber verantwortlich für das Grauen, das in deutschem Namen begangen wurde, hat Günter Grass sich zeitlebens gefühlt. »Die Blechtrommel« ist auch ein Versuch, die Mechanismen der eigenen Verführung durchsichtig zu machen. Trotz aller Kontroversen um den Roman und Nobelpreisträger Günter Grass, gilt der Text bis heute als Meilenstein der deutschen Nachkriegsliteratur. Regisseur Oliver Reese erzählt die Geschichte des ewigen Trommlers in einer ganz auf die Perspektive der Hauptfigur zugeschnitten Fassung.


   
Triumph für den Hauptdarsteller. [...] Also darf Nico Holonics ein darstellerischer Berserker sein, ein Teufelchen im Engelskleid und Engelchen mit teuflisch blauen Augen, ein kalter Zyniker und schlüpfriger Schelm mit Trommelstöcken. Man ist ganz auf der Seite dieses Schauspielers, der greint und grübelt, verführerisch flüstert und größenwahnsinnig schreit.
Süddeutsche Zeitung
 
Er setzt den Schauspieler Nico Holonics ein und beschert ihm das Solo seines bisherigen jungen Lebens. [...] Ein Schauspielertriumph.
Frankfurter Rundschau
 
Dem Schauspieler Nico Holonics gebührt Respekt [...]. Auch die mimische Energie, die er auf die Bühne [...] bringt, ist aller Ehren wert: Vom Herumrennen, Stillsitzen, Händeringen, Aufstampfen, Hochspringen, Runterhüpfen bis zum mal diabolischen und mal engelsgleichen Blick aus leuchtend blauen Augen reich das Arsenal.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
 
Oliver Reeses Inszenierung baut ganz auf die Leistung des Darstellers, nimmt sich zurück. Manchmal hört man Geräusche aus dem Off. Die Heil-Rufe einer Parteiversammlung. Einen Falter, der um eine Glühbirne kreist. Dann erklingt eine melancholische Melodica-Musik (von Parviz Mir-Ali). Oder die Lichtstimmung ändert sich. Im Mittelpunkt bleibt immer Nico Holonics. Seine One-Man-Show ist ohne Frage eine Meisterleistung. Das Premierenpublikum dankt es dem Schauspieler mit minutenlangem Beifall, Jubelrufen und Standing Ovations.
Die Welt kompakt
 
Das Jahr hat kaum angefangen – schon gibt es einen überzeugenden Kandidaten für den Titel »Schauspieler des Jahres«: Nico Holonics vom Schauspiel Frankfurt. Mehr als zwei Stunden lang gehört die Bühne des Großen Hauses ihm allein. Mehr als zwei Stunden lang meistert er einen großen Monolog. Und mehr als zwei Stunden lang fesselt er mit seinem enormen darstellerischen Facettenreichtum das Publikum. [...] Nico Holonics lässt die Brausepulver-Erotik Oskars schäumen. [...] So sinnlich ist Theater selten. 
Die Deutsche Bühne
 
Ständig hüpft Holonics zwischen den Charakteren hin und her, spielt liebestolle Frauen mit ebensolcher Hingabe wie nazistische Männer mit überzeugend gefährlicher Dämlichkeit, ist mal die bodenständige Großmutter und gleich ein sanfter jüdischer Spielwarenhändler, äfft die Erwachsenen nach und schlüpft zurück in seine Rolle als »Gnom«, verstellt die Stimme und verfällt in Dialekte. Keine Frage: Das ist hohe Kunst.
Spiegel online
 
Reduktion ist der Schlüssel zu Oliver Reeses theatralischer Übersetzung des Romans. Die Verwandlung von Grass' überbordendem kaleidoskopartigen Werk in eine Art Monodram. Statt auch nur zu versuchen, die Opulenz des Originals nachzuahmen – ein kühner Schnitt: eine Figur, ein Darsteller, eine Perspektive. Oskar Matzerath ist kein Erzähler, sondern in einer rasanten Stationen-Folge ebenso Nach-Spieler wie auch Opfer seiner eigenen Lebensgeschichte. In einem dramatischen Hochseilakt zwischen Identifikation und Distanz, bedrängender Vergegenwärtigungswut und leiser Andeutung gelingt Nico Holonics in einem Atemzug die Entwicklung vom rebellischen Kleinkind und greinenden Balg zum tückischen Strategen.
Deutschlandfunk
 
Holonics ist zwar schon mehr als 30 Jahre alt, doch die nur 94 Zentimeter, die er vorgibt groß zu sein, bezweifelt man keinen Moment. Dabei spielt er mit teuflisch vibrierender Energie, die dem Größenwahn wie dem Irrsinn der Figur, ihrer Kindsköpfigkeit wie ihren Manien gerecht wird. Mit einem ausgeklügelten Gespür für Rhythmus, Pausen, Tempowechsel gibt er nicht nur Oskar, sondern ist unter vielen anderen der Liliputaner Bebra und die kecke Maria. [...] Dabei gelingt es ihm, Oskar in all seiner Vielschichtigkeit zwischen Psychopath, Terrorist, Gnom, Rebell und Kleinkind zu simulieren. Mal ist er niedlicher Bubikopf, dann spuckender Teenager, mal arroganter Ironiker, dann obszöner Schelm.
Nachtkritik
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
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2016

Nach(t)kritik 

Das Ganze ist eine Sache der Perspektive. Die „Blechtrommel“ ist eine fiktive Autobiografie, erzählt aus der Perspektive eines Kindes, eines alten Kindes, das über ebenso erstaunliche wie beängstigende Einblicke in die Welt der Erwachsenen verfügt. Die Bühnenfassung, so wie sie das „Schauspiel Frankfurt“ in der Inszenierung von Oliver Reese umsetzt, fokussiert sich auf die sich  immer und immer wieder verändernde Perspektive und verhindert so, dass die Aufmerksamkeit der Zuschauer auch nur einen einzigen Moment lang nachlässt, im Gegenteil: Es entsteht ein Gefühl der Beunruhigung, Beklemmung. Anders als der Roman, der Günter Grass berühmt machte, beginnt das Stück nicht mit dem berühmten Satz: „Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt …“ Anders als der Roman hat es ein offenes Ende. Und anders als der Roman setzt das Bühnenstück nicht nur auf die Wirkung der Sprache, sondern auch auf die Wirkung der Bilder. 

Da ist zunächst das Bild des schwarzen Raums, dessen Größenverhältnisse einzig und allein mit einem überdimensionierten schwarzen Stuhl vorgegeben werden. Der riesige schwarze Raum, in dem der Schauspieler Nico Holonics zwei Stunden lang alleine agiert. Er ist ein Mann in Kinderkleidung, kurze Hose, Hosenträger, Kniestrümpfe. Er ist Oskar Matzerath, der die Geschichte seines Lebens erzählt und gleichzeitig ihr Akteur in allen Rollen ist. Der in seinen Erzählungen zwischen der dritten Person und der ersten Person hin und her springt, manchmal innerhalb eines einzigen Satzes, der dieses „Oskar oder ich“ schließlich sogar trommelt. Aber wer ist dieser Oskar? Das Kind, das zum dritten Geburtstag eine Blechtrommel bekommen hat und an diesem Tag beschlossen hat, nicht mehr zu wachsen? Das staunende Kind an der Hand der Mutter? Der junge Mann im Körper eines Kindes, 94 Zentimeter groß? Der Zyniker, der alles und jeden durchschaut? Der despotische Wahnsinnige, der über Leichen geht, um seinen Willen durchzusetzen? Der zurückgebliebene Gnom, ein Fall fürs Euthanasieprogramm?

Nico Holonics ist alles. Nacheinander, abwechselnd – und gleichzeitig. Und er ist auch jene Großmutter mit den vier Röcken, die in die Weltliteratur einging. Er ist seine eigene Mutter. Er ist der einfältige Kolonialwarenhändler Alfred Matzerath, dem er seinen Namen verdankt. Er ist Jan Bronski, der Liebhaber der Mutter, den er für seinen Erzeuger hält. Er ist der verwachsene Liliputaner Bebra, der ihn lockend für sein Fronttheater anwirbt. Er ist der brüllende Führer. Er ist der jüdische Spielwarenhändler, der ihn mit dem Notwendigsten, nämlich mit immer neuen Blechtrommeln, versorgt. Er ist Maria, die ihn mit ihrem Vanilleduft erregt. Er ist Verführter und Verführer. Er ist der Fischer, der aus eben jenem Pferdekopf eben jene Aale zieht, die ebenfalls in die Weltliteratur eingingen.

Und er ist der Trommler, der Rhythmus und Tempo für die rasche, beinahe flimmernde Abfolge seiner Erzählung vorgibt, er ist der Dirigent, der mit knappen Handbewegungen die Einspielungen aus dem Off und die Lichtwechsel vorgibt. Er ist es, der den schwarzen Vorhang wegzieht und den Blick freigibt auf die gleißende, die Augen schmerzende Wand aus unendlich vielen Blechtrommeln. Er ist derjenige, der sich in dem braunen Dreck wälzt, der ihm als Sinnbild für die Politik dient. Er ist der einzige, der in das Loch blickt, das sich inmitten der Bühne auftut. Er ist derjenige, der über Leben und Tod bestimmt. Und er ist schließlich der Schauspieler, der am Theater verzweifelt. Nico Holonics wird am Ende dieses Abends mit donnerndem Applaus gefeiert. Zu Recht, denn dieses Stück, das sich nicht vom allmächtigen Roman und noch weniger von allmächtigen Filmbildern einschüchtern lässt, ist ganz auf ihn zugeschnitten. Es schafft den Raum für seinen Oskar, den er mit großem schauspielerischem Können ausfüllt.