Nach(t)kritik

Do, 15.11.2018
20.00 Uhr
Musik

1:0 für die Oma

Veranstaltung: 
Künstler: 
Martin Schmitt Trio

Anlässlich eines fulminanten Benny Goodman-Konzerts am 23.12.1938 in der Carnegie Hall hatte der damalige Kritiker geschrieben: „Als der Boogie Woogie-Teil vorüber war, mussten die Leute aus den Kronleuchtern zurückgeholt werden.“ Wenn Martin Schmitt knapp 80 Jahre später am Piano seine Boogie-Läufe los lässt, sind die modernen Kronleuchter des Bosco in Form von Bühnenstrahlern vorsorglich so hoch aufgehängt, dass es nicht mehr zu derartigen Exzessen kommen kann, doch die von Schmitt erzeugte Stimmung hätte allemal das Zeug dazu: „Bässdoff“ hieß das Programm, mit dem der gebürtige Gräfelfinger und sein „Martin Schmitt Trio“ die Fans diesmal in muntere Wallung brachten – ein Best-of-Querschnitt also, der vor allem aus den Erfolgsnummern seiner CD „Aufbassn“ und dem Programm „Von Kopf bis Blues“ zusammengesetzt ist. Wer Schmitt damit schon öfters erleben durfte – und manche können ja einfach nicht genug kriegen von dieser einmaligen Mischung aus Pianisten-Akrobatik, originellen Songtexten und hinreißend gschertem Entertainment -, der wird an diesem Abend festgestellt haben, dass sich davon kaum etwas abgenutzt hat: Weder die Anekdoten von Schmitts äußerst schlagfertiger Oma und seinem Opa, die sich in einer Art verbalem Dauerclinch mit Wettbewerbscharakter befunden haben müssen und „in jahrzehntelanger Abneigung einander zugetan waren“ (Sie über ihn: „I lieb ihn ja, aber i mogn hoit net“), noch jene Storys von verständnislosen Hausmeistern, die Schmitt das Künstlerdasein bei Live-Auftritten beleuchtungstechnisch erschweren („Mir ham nur zwei Lichteinstellungen – ein und aus“) haben von ihrer Frische verloren und schon gar nicht Schmitts Drive an den Tasten. Besonders schön ist das bei der Mitmach-Nummer „Keep your hands off her“ zu erleben, bei der das Publikum einen Part des Call-and-response-Stücks übernimmt – nur wenige Künstler schaffen es vermeintlich so mühelos, ihre Zuhörer zu animieren und gleichzeitig selbst derart souverän zu agieren.

Was so leicht und tempogeladen daherkommt, ist freilich harte Entertainer-Arbeit und der Erfahrung von mittlerweile über 30 Bühnenjahren zu verdanken. Schmitt gelingt es überdies, auch noch seine beiden musikalischen Begleiter gut aussehen zu lassen: Andi Bauer am E-Bass (er spielt sonst fest bei Claudia Korek) und Andreas Keller, der Schlagzeuger der Spider Murphy Gang, erhalten im Laufe des Abends beide die Gelegenheit, solistisch zu glänzen. Und Schmitt selbst? Erfreut die Leute mit jenen Songs, die ihn bekannt und über die Grenzen des bairischen Sprachgebiets hinaus berühmt gemacht haben, etwa mit „Da Marda war da“, einer in Musik, Text, Witz und fatalistischer Aussage perfekten Nummer in vier (Kata-)Strophen. Schmitts große Stärke ist es aber auch, dass er als Mensch hinter der künstlerischen Ausdrucksform sichtbar und nahbar wird: Das kann eine zu Herzen gehende Piano-Nummer sein, ein Tom Waits nachempfundener Cover-Song von Wolf-gang Ambros („Heimatserenade“) oder eine Eigenkomposition, mit der er die Geburt seines Sohnes vor 15 Jahren feierte. Schmitt ist auch in den stillen, lyrischen Momenten ein ganz Großer, das darf man bei all der von ihm sonst versprühten guten Laune nicht übersehen. „Ich würde gerne rückwärts leben“ heißt die Zeile eines Songs, mit dem er das Echo einer Zeit zu suchen scheint, die noch ein einfaches Glück bereit hielt. Dass er auch eine Art Poesiealbum führt, in welchem er Liedtexte, Kalauer im Stile eines Willy Astor („Wuist mi pflanzn?“), aber auch leicht frivole Reime versammelt, weist auf seine Liebe zur deutschen wie zur bairischen Sprache hin – mag er auch im norddeutschen Raum mit der Pointenausbeute des bajuwarischen Idioms an natürliche Grenzen stoßen.

Kein Auge trocken bleibt dafür bei der auf Sächsisch servierten Tom Jones-Parodie „Säx Bomb“, die den Meister und seinen Unterkiefer selbst derart fordert, dass er zwischendurch fleht: „Hoffentlich ist der Scheiß bald vorbei!“ Währenddessen hängt das Publikum fast an den besagten Kronleuchtern vor Lachen. Martin Schmitt ist bei alledem spürbar ein ziemlich nachdenklicher, zuweilen geradezu in sich gekehrter Mensch. Ein begnadeter Unterhalter im Geiste von Cosmo Brown´s „Make them laugh“ (aus „Singin´ In The Rain“), der doch auch das „New York State of Mind“ eines Billy Joel, sprich eine Portion Gebrochenheit, emotional im Gepäck hat - zusammengefasst: die seltene Spezies eines menschenzugewandten Melancholikers. Oder anders gesagt - 1:0 für die Oma. Standing Ovations im bosco.

Thomas Lochte, 16.11.2018
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