Nach(t)kritik

Fr, 28.09.2018
20.00 Uhr
Vielklang

Alles Walzer!

Veranstaltung: 
Künstler: 
Jamaram

Am Ende mischen sich die acht „Jamaram“-Jungs trommelnd unters bosco-Volk, wie sich das gehört: „Jamaram Stylee“ halt, mehr oder weniger ein festes Ritual bei der bodenständig gebliebenen Gruppe, die vor 18 Jahren schon einmal in Gauting aufgetreten ist, damals beim „Kulturspektakel“. Von „damals“ sind an diesem Abend auch ein paar Veteranen gekommen, um sich zum Auftakt der bosco-Spielsaison 2018/2019 daran zu erfreuen, dass noch immer wahnsinnig viel Pfeffer in dieser puertoricanisch-Aubinger Mischung steckt: Frontmann Tom Lugo trägt seinen Groucho-Marx-Schnauzer wie eh und je, genauso wie Maximilian „Murxen“ Alberti seinen Bolder – was soll sich da also groß geändert haben? Die stilistische Bandbreite ist nach etwa zehn veröffentlichten Alben sowie inspirierenden Tournee-Reisen nach Südamerika und Afrika jedenfalls so enorm, dass „Jamaram“ sie kaum noch unter den sprichwörtlichen Hut bringt – Reggae mal mit Latin-, mal mit Afro-Touch, Ska, Raggamuffin, elektronisch frisierter HipHop, Salsa-Artiges, Balkan & Western und sogar das, was man „leise Töne“ nennen könnte, haben die acht Akteure drauf. Im „bosco“ sorgt dieser Stilmix dafür, dass die von Stühlen befreite Fläche vor der Bühne ab der ersten Nummer voll betanzt wird, und Lugo, der Vorturner mit den puertoricanischen Wurzeln, gibt dem Affen auch wirklich Zucker: Die Leute machen mit den Armen bei jeder Choreografie mit, als gälte es, ein Promotion-Video aufzuzeichnen, sogar einen Walzer drehen sie, wenn Lugo die Ansage macht. Viele kennen die Songs der Gruppe und wissen längst, was kommt. Und „Jamaram“ will alles gleichzeitig, manchmal fast zuviel in einem einzelnen Stück. Will zeigen, wozu man die Fans treiben kann. Heizt ein mit wuchtigem Bass, intensivem Sprechgesang, fantasievollen Bläser-Sätzen (vor allem Daniel Noske ist eine Schau) – eine Tour de force zwischen Salvador de Bahia, Harare und Deutsch-Rap, Ska-Exzessen und Space-Sound. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran.

Zwischendurch eine Nummer, bei der viele Kinder auf die Bühne und bei der Choreo mitmachen dürfen. Es ist ein Heidenspaß, ein einziges Fest der guten Laune, das „Jamaram“ hier entfesselt. Alle Leute in Bewegung, mindestens heftig mitwippend. Kind und Kegel und Rentner. Würde man es nicht mit eigenen Augen sehen, man würde glauben, gerade bei einem MTV-Spot dabei zu sein. Doch kein Regisseur ruft „Achtung, das Ganze noch mal von Anfang!“ oder Ähnliches. Alles hier ist echt, und es steppt einfach zwei Stunden lang der Bär zum bosco-Auftakt. „Freedom of Screech“ heißt die aktuelle CD der Musiker, die nächste Scheibe ist gerade im Werden. Man wird an diesem Abend Zeuge eines offenbar noch immer laufenden Wandlungsprozesses, den „Jamaram“ seit den Anfängen durchgemacht hat: Von der reggae-lastigen Spaßtruppe zum Ethno-Füllhorn mit reflektierenden, auch mal leicht politischen Texten, die davon künden, dass die Welt längst nicht mehr die alte ist und dass man sich notgedrungen die Freiheit nehmen muss, zu kreischen (to screech). Über die Rampe kommt freilich immer noch eher das Acht-Mann-Spektakel, der treibende Sound in allen Gangarten und weniger der durchaus vorhandene melancholische Touch, den vor allem die Bläser den Grund-Beats mit auf den Weg geben. „Jamaram“ hat sich bei aller Nachdenklichkeit über die dunkler werdenden Zeiten dafür entschieden, dass das Leben ein Fest sein sollte. Auch wenn man erwachsen ist. „Jamaram Stylee“ halt.

Thomas Lochte, 29.09.2018
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2018