Nach(t)kritik

Sa, 23.02.2019
20.00 Uhr
Kabarett

Das Foltern kleiner Zahlen

Künstler: 
Claus von Wagner

Seit mindestens 2012 zieht Claus von Wagner mit seinem Programm „Theorie der feinen Menschen“ durch die Lande, und dass er in unserer vermeintlich so schnellebigen Zeit bis heute Erfolg damit hat, spricht sehr für ihn – aber auch für die Tatsache, dass sich so gut wie nichts geändert hat an den herrschenden Verhältnissen: Der inzwischen 41-jährige gebürtige Miesbacher, als einer der beiden „Hausherren“ des ZDF-Kabarett-Formats „Die Anstalt“ mindestens ebenso präsent wie mit seinem Bühnen-Dauerbrenner, kann nämlich auch ganz wunderbar "solo" – während er im Fernsehen gemeinsam mit Max Uthoff immer neue Variationen des Duetts „Good boy, bad boy“ durchspielt (wobei Wagner zumeist den Part des staunenden Bürgers/Opfers übernimmt und Uthoff den des zynischen Täters/Politikers/Wirtschaftskriminellen/Lobbyisten usw.), agiert er bei der „Theorie der feinen Menschen“ als der allein Staunende, der sich ganz allmählich zur erschütternden Wahrheit vortastet. Die Grundsituation ist (wie schon seit 2012) folgende: Hoffnungsvoller junger Mann, beschäftigt bei der Stiftung einer Wirtschaftsberatungsfirma, wird durch unglückliche Umstände nächtens in einem Tresorraum eingeschlossen. Weil ihm erst in 13 Stunden aus der Patsche geholfen werden kann, studiert er die im Tresor vorgefundenen Unterlagen seines verstorbenen Vaters, an dessen Stelle er am nächsten Morgen eine bedeutsame Rede vor Finanzfachleuten halten soll. Was er nun aber in diesen Papieren entdeckt, die offenbar durchweg „in Finanz-Krypto“, also der bewusst unverständlich gehaltenen Sprache der Geld-Jongleure, geschrieben sind, lässt den jungen Mann zunehmend an der Welt verzweifeln...

Claus von Wagner tastet sich also, um nur ein Beispiel zu nennen, in die Geheimnisse des Derivate-Handels vor, und wie beim Schälen einer Zwiebel kommen ihm praktisch immer mehr die Tränen – Erkenntnisgewinn: „Die Finanzwelt ist wie ein Puzzle mit 5000 Teilen, von einem blauen Himmel.“ Bis zu diesem Satz analysiert er die Zusammenhänge freilich mit jener bravourösen Gründlichkeit, die auch in der „Anstalt“ bestens funktioniert – gleich zu Beginn des Abends hat er das „Bosco“-Publikum darauf eingestimmt: „Satire? Satire arbeitet mit Übertreibung!“ Ja, die peu à peu enthüllten Tatsachen bedürfen keiner weiteren Überhöhung oder Zuspitzung, allenfalls in sprachlich geschliffener Form vielleicht. „Eigentlich ein schönes Gefühl, dass Politiker nicht lügen – wenn sich die Bürger nur zu dem, was sie sagen, richtig verhalten.“ Ein Satz, der von seiner Gültigkeit in all den Jahren, da dieses Wagner´sche Programm erfolgreich läuft, kein bisschen eingebüßt hat. Natürlich wirken die Stichworte Griechenland, IWF, Bankenrettung, Rating-Agenturen etc. ein wenig angestaubt, doch sie sind nicht etwa von gestern, sondern sie beschreiben vermutlich genau das, was sich schon morgen wiederholen dürfte – kurz zusammengefasst: Entfesselte Finanzakteure ruinieren in ihrer unstillbaren Profitgier den Planeten, und keiner kann dem Treiben mehr Einhalt gebieten. Wagner nennt es auch „das Foltern kleiner Zahlen“.

Man fragt sich an dieser Stelle und zwischen zwei globalen Wirtschaftskatastrophen: Schrumpft das Kabarett zum hilflosen Nacherzähler all diesen Grauens? Oder gilt bloß noch jene, für einen Claus von Wagner bemerkenswert sarkastische, Feststellung: „Am Tag vor Weihnachten fühlt sich die Gans am wohlsten“? Kaum einer unter den deutschsprachigen Kabarettisten vermag sich so schön aufzuregen, vermag so schön die eigene Ohnmacht in dieser Empörung zu verpacken wie dieser „ewig staunende“ Mann aus Miesbach, der völlig zu Recht u.a. den „Dieter-Hildebrandt-Preis“ erhalten hat. Das Staunen angesichts des schier Unfassbaren ist das immergrüne Movens des Claus von Wagner, gepaart mit dem ebenso unstillbaren Drang, es ganz genau wissen zu wollen. Diesel-Skandal und Beraterunwesen, merkwürdige Bankenrettungen oder die sklavische Demut gegenüber den sogenannten „Wirtschaftsweisen“, all das sind im Vergleich zu 2012 nur Updates ein und derselben Zustände. „Vertrauen ist der Anfang von allem“ zitiert er ausgerechnet die Deutsche Bank, und man spürt geradezu die enorme Fallhöhe zwischen einer solchen Behauptung und der Wirklichkeit. Wagner stellt dem einen entwaffnenden, bilanzierenden Satz entgegen: „Wir sind das Plankton im Meer der Finanzhaie“. Ja, und zu dem Umstand, dass er im Tresorraum eingeschlossen wurde, weil er angeblich zu spät dran war, hatte er ja auch noch eine treffende Beobachtung parat: „Versuchen Sie mal, bei einer Bank n i c h t kurz vor Geschäftsschluss zu kommen!“ Da war es wieder, dieses „Wagner´sche Rest-Rebellentum“, das sein Publikum so sehr an ihm schätzt. Die Botschaft in etwa: Du hast keine Chance, aber nutze sie - und sage nicht, du hättest es nicht gewusst!

Thomas Lochte, 23.02.2019
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