Direkt zum Inhalt

Nach(t)kritik

Do, 22.10.2020
20.00 Uhr

Der Tod ist ein Meister aus der Schweiz

Veranstaltung: Lisa Catena: Der Panda-Code

Lisa Catena kann sich glücklich schätzen: sie hat Panda-Gene! Und das heißt, so erklärt sie es dem Publikum später in ihrem Programm, sie kann tun und lassen, was sie will, der Applaus ist ihr sicher. Das nämlich ist das Privileg des Pandas. Im Gegensatz zum Laubfrosch, also uns. Und ein bisschen trifft es auch auf den Abend zu. Denn, um das gleich vorwegzunehmen, die italienischstämmige Kabarettistin aus der Schweiz macht solides aber nicht aufsehenerregendes Kabarett – der Applaus ist ihr dennoch sicher.

Den Einstieg ins Programm wählt Lisa Catena tagesaktuell, nämlich mit der Nachricht, dass jetzt auch die Schweiz Risikogebiet ist und die Erschütterung darüber kann man ihr in den ersten zehn Minuten, die sie braucht, um in Fahrt zu kommen, durchaus anmerken. Sie ist ein wenig fahrig, die Pointen zünden etwas langsam – aber wer mag es ihr verdenken? Sie sieht sich im großen Saal des Bosco weniger als der Hälfte des Publikums wie zu nicht pandemischen Zeiten gegenüber, sicherheitsbedingt. Außerdem tragen alle Masken, den verschärften Hygienebestimmungen geschuldet auch am Platz. Was mag das für ein Anblick sein, so alleine auf der großen Bühne, im Angesicht eines Publikums von Maskenträgern? Es liegt also weniger an ihrem Programm als an der Situation, dass der erste Applaus, die ersten Lacher verzögert kommen.

Aber dann kommt Catena in Fahrt, sie performed achtzig Minuten ohne Pause, kommt so gut wie nie ins Schleudern, allein dafür: Applaus, Panda-Woman! Denn eigentlich scheint es, als sei Lisa Catena eher die Kabarettistin für intimere Rahmen. Ihr politisches Kabarett ist ganz schweizerisch, sehr bedächtig, sie ohrfeigt ihr Publikum nicht mit einer Abfolge von Pointen, sondern zaubert sie eher unauffällig aus dem Hut, manchmal braucht es etwas, bis man merkt: ah! Treffer versenkt!

Der Abend funktioniert im Grundaufbau über nationale Gegensätze. Hier die Schweizer – mit der höchsten Selbstmordrate in Europa, deshalb kommen auch die Züge so pünktlich – für all jene, die sich auf die Schienen legen und auf Nummer sicher gehen wollen. Dort die Deutschen – die mit ihrem VW Golf-Diesel das Ihrige zum Klimawandel beitragen und sich vom Welt-Streber zum Chaos Ländle entwickelt haben, schließlich kommt hier kein ICE dann, wenn er kommen soll und kein Flughafen oder Bahnhof wird innerhalb der Planungsfrist fertiggestellt. Oder gar die Italiener – die weder gute Autos bauen, noch haushalten können und denen sowohl ihre faschistische Vergangenheit genauso wurscht ist wie ihre nicht minder faschistischen Gegenwartspolitiker. Catenas Erklärung, die sich durch den ganzen Abend zieht: es gibt eben Laubfrösche (deren Schicksal sogar dem WWF gleich ist)  und Pandas, die egal wie wenig sie unternehmen, immer Applaus absahnen – siehe oben.

Die große Frage des Abends blieb ungeklärt: zu welcher Gattung gehören die Schweizer? Vermutlich wie immer: zu keiner, sie sind und bleiben neutral.

Ob US-Wahlkampf, Sterbehilfe, Alessandra Mussolini und Alice Weigel, Klimawandel und Methangase, Lisa Catena nimmt viele Fäden auf, verspinnt sie in ihr zartes Kabarettnetz und lässt sie ebenso schnell wieder fallen. Vieles wird angerissen, aber niemals mit der Aufklärungskeule breitgeklopft, das macht Catena sehr charmant, doch eines ist sie bestimmt nicht: neutral.

Nach dem Schlussapplaus kommt die Kabarettistin noch einmal auf die Bühne und bedankt sich. Beim bosco-Team und beim Publikum. Es wird für längere Zeit ihr letzter Auftritt in Deutschland sein. Die Einreise aus der Schweiz wird schwierig bleiben, diese Zeiten, sie sind schwer für die Kultur. Man merkt ihr an, wie bedrückend das für sie, für ihre Arbeit ist. Und man merkt am Applaus des Publikums, wie dankbar alle sind, dass sie solche Abende erleben dürfen. Wie wichtig es ist, egal unter welchen Umständen, Menschen live auf der Bühne zu erleben. Und wie sehr wir alle hoffen, es möge weitergehen und Lisa Catena bald wieder auf der Bühne des bosco stehen.

 

Tanja Weber, 23.10.2020


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
Galerie
Bilder der Veranstaltung
Do, 22.10.2020 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.