Nach(t)kritik

Do, 16.05.2019
20.00 Uhr
Kabarett

Die große Regression

Veranstaltung: 
Künstler: 
Mathias Tretter

Kabarettisten sind manchmal geschickte Strategen. Wenn sich jemand wie Mathias Tretter nichts Geringeres als eine komplette Bestandsaufnahme der Populärkultur vorgenommen hat, tauft er das Programm in aller Einfachheit „Pop“ - damit auch der eher vergnügungsorientierte Zuschauer nicht gleich abspringt. Tretter wird dem Bosco-Publikum später zwar noch weismachen, dass das Ganze bloß „Partei ohne Partei“ bedeutet, doch da hat er längst mit viel weiter gefassten Betrachtungen begonnen, ausgehend von dem, was ihm die eigene Frau bescheinigt: „Trettern“, so die zitierte Gattin, sei „die Steigerung von Jammern“. In früheren Programmen des gebürtigen Würzburgers war auch schon mal von „Zurücktrettern“ die Rede, also einer Art linguistischem Revanche-Foul an den Zuständen der Welt. Inzwischen ist der Mittvierziger, der als Student und Lehrer prägende Jahre in Schottland verbrachte und sich dort offenbar eine mit viel Weisheit gefütterte Robustheit angeeignet hat, auf philosophischem Niveau angelangt. Tretter hat die ermüdende Ebene des politischen Alltagsgeschäfts weitgehend hinter sich gelassen und übt Kulturkritik – angefangen damit, dass er die ewige Fensterguckerei von Leuten, die sich selber nicht mehr weg bewegen von ihrem Gaffer-Posten, als „Windowing“ verspottet. Derlei Erscheinungsformen geistigen Phlegmas sind ihm generell willkommene Objekte, und prompt zeigt sich sein untrügliches Sprachgefühl: Der ach so „flotte“ Internet-Nutzer wird nicht nur als prototypischer Fettsack enttarnt, ihm wird von Tretter gleich noch „der Begriff „Schwabbeln“ an Stelle von „Surfen“ zugeordnet. Und aus dem adelnden Terminus des „Installierens“ entwickelt der Kabarettist gar einen vollkommen unerotischen Nerd-Porno, in Anlehnung an die „ein Rohr verlegenden“ Klempner aus den Schmuddelfilmen.

Mathias Tretter ist natürlich nicht allein auf solche ebenso originellen wie geschliffenen Zuspitzungen aus. Es ist ihm vielmehr um die Rückkehr kantiger Inkorrektheit zu tun, um eine Kampfansage an die grassierende Eierlosigkeit der „Bio-Beleidigten“ oder das All-inclusive-Absicherungsdenken von Helikopter-Eltern: „Pädagogik hat ja auch immer was mit Hoffnung zu tun“, sagte er an einer Stelle voller Ironie, als er davon berichtet, er sei als Schulkind „vom Basteln befreit“ gewesen – da macht sich einer eben keine Hoffnung mehr, dass mit bravem Anpassungsverhalten noch irgendwas zu gewinnen ist. Im „Pop“-Programm kokettiert Tretter mit aufgetragenem Lippenstift sogar damit, dass er ja auch schwul sein könnte – seinem fränkischen Spezi namens „Ansgar“ (dem er selbst-dialogisch seine „Wözburcher“ Stimme leiht) würde so was durchaus ins Partei-Programm passen, alles ist ja Kalkül heutzutage. Mathias Tretter entlarvt in dieser Manier auch das Phänomen der überall buchstäblich auf dem Vormarsch befindlichen Rechten: Als eine bedrohlich angeschwollene Masse von bildungsfernen Verschwörungstheoretikern, denen alles zu komplex geworden ist. Um die zu verstehen, müsse man bloß „vier Semester Völkisch an der Fern-Universität Braunau“ studieren, fasst Tretter bündig zusammen und spricht sich quasi dafür aus, sich AfD & Co. mit saftiger Sprache und eben nicht leisetreterisch entgegen zu stellen. „Ich liebe Shitstorms gegen mich selbst“, lässt er wissen. Sie lassen ihn augenscheinlich zu großer Form auflaufen.

Ja, da ist wohl weltweit „die große Regression“ zu beobachten, der Rückschritt von gewissen zivilisatorischen Errungenschaften zu Gunsten von Verrohung und Verblödung. Die Selbstentmündigung des Menschen durch Technisierung, „das Internet der Dinge“ und dergleichen. Tretter wettert aber nicht, er analysiert kühl und wendet die Wucht dieser Dummheitsplage wie ein Judoka gegen diese selber. Und manchmal hilft auch herrliche Arroganz: „Ein Künstler verhält sich zu einem Kreativen wie ein Diamant zu einem Stück Brikett“, schleudert er dem provinzlerischen Vereinfacher und „Isso!“-Sager Ansgar hin, der den bildungs-bürgerlichen Freund so gar nicht versteht und anscheinend mit einem Werbetexter verwechselt. Wenn Tretter seinem Intellekt kurz die Sporen gibt, zitiert er Rilkes „Panther“-Gedicht, die ersten Worte aus der „Raumschiff Enterprise“-Saga oder den Computer aus Douglas Adams´ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Ein kurzes Aufblitzenlassen dessen, was den „Homo sapiens“ vom „Homo erectus“ unterscheidet, leicht resignativ und illusionslos womöglich, aber stets mit Biss vorgetragen. „Warum Mittelalter-Märkte – wir sind die Vergangenheit!“ stellt Tretter ernüchtert fest, und seine noch zu schreibende Autobiografie könnte eines Tages auch schon sinnlos geworden sein, weil der Mensch mittlerweile die Unsterblichkeit erlangt hat.

Das „Pop“-Programm im „Bosco“ endete mit einem kyrillischen Choral, einem dröhnenden Ausrufezeichen. Dem sei nichts mehr hinzuzufügen, so Tretter, „also keine Zugabe“. Strategisch geschickt.

Thomas Lochte, 17.05.2019
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