Nach(t)kritik

Sa, 21.09.2019
20.00 Uhr
Kabarett

Die Leopardin

Künstler: 
Sissi Perlinger

Stimmt schon: Über 50 sein ist „immer noch besser als nicht mal 50 geworden zu sein“.
Das Themenfeld, in dem sich die Entertainerin, Schauspielerin und Kabarettistin Sissi Perlinger (noch keine 55) seit einiger Zeit bewegt, ist das Älterwerden - als Mensch im Allgemeinen, als Frau im Besonderen, wenn man die Begriffe nicht unbedingt gleichsetzen möchte. Allein ihr Programm „Ich bleib dann mal jung“ läuft nunmehr vier Jahre, und mindestens ebenso lange dürfte Perlingers ergiebige Forschungsarbeit dazu währen. Eine krisensichere Betätigung ist das, denn Älterwerden geht schließlich jeden etwas an - gerne auch das silberhaarige Bosco-Publikum, dem die wie immer im sexy Leoparden-Stretch auftretende „Perlingerin“ einen ganzen vergnüglichen Abend lang Langlebigkeitsstrategien schmackhaft macht. Gegen das lautlose Verdämmern empfiehlt Elisabeth Judith Michaela P. aus Furth im Wald vor allem ein gerüttelt Maß an Frechsein und Aufsässigkeit, denn „bei einem Kabarettpublikum wie Ihnen weiß ich nicht, wofür Sie sich noch aufheben wollen?“ Zack, das sitzt erst mal. Älterwerden bzw. Alter, das weiß man ja seit den Büchern gewisser männlicher Promis, ist nichts für Weicheier – warum also nicht noch möglichst viel grimmigen Spaß damit haben: Perlinger hat die Materie derart gründlich durchforstet, dass sie weit über die erwartbaren Gesichtslotionen und Jungbrunnen-Versprechen hinaus die verschiedensten Blickwinkel einnimmt. Wenn eine vom Jugendwahn und von allgegenwärtiger Ökonomisierung geprägte Gesellschaft den Alten das „Abnippeln“ nahe legt, kontert die Sissi mit „Pegüda“, den „Patriotischen Europäern gegen die Überalterung des Abendlandes“ und mit Überlegungen, „wie sich das Jenseits für Senioren attraktiver gestalten lässt“. Als optimiertes Ausnutzen von einzah-lungsintensiven Rentensystemen empfiehlt sie natürlich das „Heestern“, und der Ernährungstipp lautet „eine Dose Pichelsteiner – wegen der Konservierungsstoffe“.

Mit derlei leicht aufzusammelndem Kabarett-Fallobst lässt die Leoparden-Sissi es natürlich nicht bewenden: Irgendwelchen Trends zur vermeintlich ewigen Jugendlichkeit mag sie sowieso nicht folgen, denn „wer der Herde folgt, der sieht nur Ärsche“. Also flott bewerben für die nächste Senioren-WG, mit allem Mut zur kauzigen Hässlichkeit! Denn wer will heutzutage noch 18 sein und kommunikationsarm in der Dorfdisco rumstehen? Perlinger feiert das Älterwerden als kommendes „Best of“ des eigenen Lebens, und redet dennoch Klartext, was nicht mehr so locker geht – Sie: „Lass uns nach oben gehen und Liebe machen“ – Er: „Tut mir Leid, beides schaff´ ich nicht mehr.“ Gleichzeitig verteilt sie höchst angebrachte (senioren-)politische Seitenhiebe, mit einem Schuss Nostalgie gewürzt: „Die 68er werfen keine Molotow-Cocktails mehr, sie brauchen das Flaschenpfand.“ Überhaupt, die Politik! Man weiß doch längst nicht mehr, wer von wem als Lobbyist bezahlt wird, oder? Die Perlinger ist da für eine Art Kennzeichnungspflicht, für Sponsorenaufkleber auf den Abgeordneten-Jacketts: „Auf jeder Packerlsuppn steht drauf, was drin is!“, koffert sie in der Rolle einer vom Leben zur Seite gedrängten Alten.

In solchen raschen Nummernfolgen entfaltet die Künstlerin ihr großartiges Verwandlungs-talent. Eine Kleidertruhe und ein Paravent genügen ihr, um eine ganze Typen-Revue aufs Parkett zu zaubern, farben- und lebensfroh natürlich, leopardenfellig und paradiesvogelbunt. Und zur Gitarre nebst Drum-Set singen kann die Sissi Perlinger zwischendurch ja auch noch – fit wie ein Turnschuh, um nicht zu sagen katzengewandt, präsentiert sie sich in solchen Momenten, die dann sogar noch in einem gelenkknarzenden Senioren-Breakdance gipfeln. Der Mensch als nicht unterzukriegendes Ersatzteillager. Ja, wundervolle Reinkarnationen noch zu Lebzeiten sind das, voller unbändiger Energie und anarchischer Angriffslust. Warum nicht dem fiesen Nachbarn ein Schild in den Garten stellen mit der Aufschrift „Blumen zum selber Pflücken“? Den Ticket-Kontrolleur im Zug nicht mit den Worten empfangen: „Rüdiger, du sollst doch nicht immer Vaters Uniform benutzen!“? Frechheit siegt zwar nicht immer, aber sie dürfte jung halten. Ehe eine Sissi Perlinger klein beigibt, kehrt sie in eine Stammkneipe „Zum fröhlichen Hospiz“ ein und wird sich noch x-Male neu erfinden, da darf man sicher sein. Sie hat Straßentheater in Paris praktiziert, bei ihrer Arbeit New York und die halbe Welt kennengelernt. Geht jedes Jahr für einige Monate nach Indien, hat sich Schamanen-Wissen angeeignet und eine ganz andere, so gar nicht europäische Sicht aufs Leben gewonnen: „Im Ashram freuen sich die Menschen auf die Reinkarnation in einem nächsten Leben.“ Hitzewallungen und Menopause? "Ich könnte als Tauchsieder im Schwimmbad arbeiten!", sagt die 54-jährige sarkastisch. Für Angst vor Alter und Tod bleibt kein Platz mehr, wenn man das Leben mit so viel Freude begrüßt wie Perlinger und buchstäblich Honig daraus saugt. Oder mit anderen Worten: „Lieber reich ins Heim als heim ins Reich!“

Das erwähnt silberhaarige Publikum im Bosco war hellauf begeistert von diesem bunten Schmetterling, der Klartext sprach, nichts ausließ und keinen verschonte. Erkenntnisgewinn: Älterwerden könnte vielleicht doch ganz cool sein.

Thomas Lochte, 22.09.2019
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