Nach(t)kritik

Do, 14.03.2019
20.00 Uhr
Kabarett

Eine Welt ohne Nutella

Veranstaltung: 
Künstler: 
Arnulf Rating

Seine Frau sagt immer: „Lass das doch mit den Zeitungen!“ Wäre ziemlich schade, wenn Arnulf Rating eines Tages doch noch auf die Gattin hören sollte. Der 67-jährige Mülheimer mit überwiegend Berliner Prägung hätte dann nämlich eines seiner stärksten kabarettistischen Stilmittel aus der Hand gegeben – den kompakten Schlagzeilen-Kommentar. Rating war auch diesmal wieder mit pressetechnisch schwerem Gepäck angereist, und wie schon bei seinen vorherigen in Gauting gezeigten Programmen „Ganz im Glück“ (2014) und „Akut“ (2016) durfte auch bei seinem mittlerweile vierten Bosco-Auftritt der Stapel der Zumutungen nicht fehlen. Vorzugsweise die BILD-Zeitung, aber auch gedruckte Erzeugnisse wie der „Starnberger Merkur“ oder das „Haller Kreisblatt“ liefern dem Meister des Zitats dabei die teils balkendicken Stichworte: „Angst vor Horror-Clowns“ (BILD) etwa nimmt er zum Anlass, sich gleich mal selber auf die Schippe zu nehmen und zu bekennen: „Das hat mich sehr beeindruckt, ich hab´ mich tagelang nicht vor die Tür getraut!“ Mit seinen gut Einsneunzig und der schläfenbehaarten Zentralglatze ist Rating ja durchaus eine imposante Erscheinung, das bewies er bereits bei „Akut“ in der fulminanten Rolle als walkürenhafte Krankenschwester „Hedwig“, die fürs renitente Volk stets eine sedierende Spritze zur Hand hatte.

Die Nummer mit den Zeitungen hat er offenbar aus guten Gründen beibehalten, lassen sich doch auf diese Weise in schön gebündelter Form Themen anreißen, abhandeln und rasch wieder zur Seite legen – Rating sieht bei diesem auch physischen Kraftakt selber aus wie ein Austräger, der „Extrablatt!“ ruft, um Aufmerksamkeit zu erregen. Vergleicht man diese pointierte Presseschau mit früheren, so unterscheidet sie sich kaum: Rating hat sie natürlich aktualisiert, aber auch ein paar „Klassiker“ darunter, à la „Rentner köpft Wildschwein“. Für das Publikum bietet das Headline-Feuerwerk allemal flotten Genuss – kann es doch insgeheim den eigenen Informationsstand abchecken, sich über den Schwachsinn in der Welt und zusätzlich noch über dessen publizistisch grob verein-fachte Abbildung amüsieren. Arnulf Rating, der mit den „Drei Tornados“ (bis 1990) einst richtig bissiges Polit-Kabarett gemacht hat, geht es aber längst nicht mehr darum, sich an Theresa-May-Kalauern, Trumpismen oder Merkeliana abzuarbeiten – ihm ist längst die Gesamtschau wichtiger, die philosophische Draufsicht, das Aufzeigen von historischen und sozialen Zusammenhängen. Dann kann er regelrechte Vorlesungen halten, über die Mechanismen der Propaganda, ihre vielfältigen, sich häufig wandelnden Erscheinungsformen und ihre immer gleichen Strategien. Von Goebbels bis zum neuzeitlichen „Influencer“ (gab´s bei ihm schon 2016) spannt er den Bogen. Mogelpackungen sind ihm ein Gräuel, also nennt er die „Münchner Sicherheitskonferenz“ auch konsequenter Weise „Waffenhändler-Tagung“.

Die Faktendichte und der Anspielungsreichtum bei Rating verlangen seinen Zuhörern einiges ab, manch einer ist daher froh, dass der „Tornado“ nach dem ebenso kurzweiligen wie langen ersten Teil eine Verschnaufpause macht. Doch Rating ist an diesem Abend noch relativ gnädig: Gut, zu Beginn zerkaut er vor den Augen kulturell saturierter Gau-tinger ein offenbar nach Plastik schmeckendes halbes Hähnchen, weil er angeblich wegen Zugverspätung („Die haben wirklich einen Oberleitungsschaden“) nicht mehr zum Essen gekommen ist. Mampfend lässt er dazu den Satz vom Stapel: „Natürlich ist Glyphosat schädlich – das sieht man doch an ´Bauer sucht Frau´.“ Und das Chicken-Massaker verteidigt er mit den Worten: „Und dann soll ich noch ohne Essen hier witzig sein – ´na Sie sind lustig!“ Eine geschickte Aufwärm-Übung, ehe nur noch geistige Nahrung folgt. Die „Klassiker“ im ursprünglichen Sinn scheinen bei Rating allerdings wieder mehr Gewicht zu bekommen gegenüber dem Fastfood des Tagtäglichen: Da mischt er eine Prise Schiller hinein („Die Herrschenden hören erst auf zu herrschen, wenn die Kriechenden aufhören zu kriechen“), stimmt fast wehmütig ein paar anarchische Liedzeilen der „Drei Tornados“ an und stellt sich vor, dass die Welt wohl „eine Welt ohne Nutella“ geworden wäre, „wenn wir damals gewonnen hätten“.

Ja, die Klassenfahrten von ´68, sie sind weit weg inzwischen. Brennende BILD-Zeitungs-Transporter ebenfalls. Stattdessen „Social Engineering“, moderne Techniken der Gleichschaltung und Verblödung. Politische Parteien? Heute so unterscheidbar wie gleichfarbige Shampoo-Serien. „Politik ist kein Ausbildungsberuf, eher wie Leergut, Flaschenannahme“, sagt Rating. „AKK“? Nur die Abkürzung für „Angelas Kanzler-Klon“. Utopie war offenbar gestern. Man könnte über längst angepasst lebende oder auch bloß verstorbene Weggefährten heulen, aber das Jammern bringt ja nichts. Hat bestimmt auch Ratings Frau gesagt. Den Gautingern gefiel sie einmal mehr, diese Mischung aus Fliegenklatsche und Altersweisheit. Großes Senioren-Kino.

Thomas Lochte, 15.03.2019
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