Nach(t)kritik

Do, 24.01.2019
20.00 Uhr
Kabarett

Es gab doch mal Seife

Veranstaltung: 
Künstler: 
Martin Zingsheim

Am Ende kam er in einem weißen Bademantel auf die Bühne, und fast schien es, als schlösse sich hier ein Kreis, der mit dem Titel von Martin Zingsheims neuem Programm „aber bitte mit ohne“ begann. Oder war das legendäre Post-Bühnen-Outfit eines ebenso legendären Chansoniers deutscher Sprache doch eher der Tatsache geschuldet, dass Zingsheim nach Abschluss seiner letzten Nummer lediglich mit einer schwarzen Boxershorts dastand? Ein trauriges Kabarettistenschicksal, sozusagen mit nichts mehr am Leibe als den nahezu nackten Tatsachen? Oder der sprichwörtliche nackte Mann, dem man nicht mehr in die Tasche greifen kann?

Tatsächlich schloss sich hier ein Kreis, tatsächlich endete das Programm des Kölners mit einem klaren Bezug zum Titel. „aber bitte mit ohne“ widmete sich, in teils mäandernden Ausflügen auf - sehr erheiternde - Nebenschauplätze, dem Thema „Verzicht“. Der abschließende Verzicht war ein ganz realer: der Verzicht auf Kleidung, die unter grober Missachtung der Menschenrechte in den Herstellerländern entstanden war. Zum Applaus erschien Zingsheim darum im Udo-Jürgens-Bademantel (in welchem er dann auch im Foyer seine CDs verkaufte).

Verzicht ist ein Thema, das gewiss längst historisch ist und zugleich angesichts einer nahezu zerstörten Umwelt von höchster Brisanz. Es läge nahe, zu predigen, zu mahnen, vielleicht zynisch zu werden oder zumindest den Zeigefinger sehr sehr hoch zu recken. All das tut Zingsheim nicht. Stattdessen gelingt ihm ein sympathischer Plauderton, wie er unter guten Freunden üblich ist, bei einer Einladung zum Abendessen oder eher schon nach dem Essen, in der Küche, mit dem Weinglas noch in der Hand - in einer Situation, in der die besten Gespräche entstehen. Gespräche über den Alltag, die Familie, und darüber, dass man über dem Alltäglichen allzu oft vergisst, was eigentlich die Aufgabe wäre. Auf Müll verzichten, zum Beispiel, auf unnötige Verpackungen. „Es gab doch mal Seife“, erinnert Zingsheim sich und kommt über den idiotensicheren Plastikspender im Gästebad auf die eingeschweißte Biogurke, deren Plastikhülle sie laut Aussage einer von ihm gefragten Verkäuferin vor dem Kontaminiertwerden durchs daneben liegende konventionell angebaute Gemüse schützen soll.

Verzicht auf so vieles wäre möglich. Verzicht auf Konsum und das Anhäufen von Reichtümern. Hierzu hat Martin Zingsheim einen ultimativen Tipp parat: „Schaffen Sie sich Kinder an, das ist die Reduktion auf das Wesentliche - auch finanziell.“ Hier tritt dann das Türchen zu einem der Nebenschauplätze auf: der Alltag einer sechsköpfigen Familie wie jener des Kabarettisten. Ein wunderbares Gebiet, Zingsheim weiß gar ein Lied in Form eines sprachgewaltigen Rap darüber zu singen.

Sprachgewalt - oder, um es in einen weit friedlicheren Terminus zu bringen: Sprachkunst - ist sein Kerngebiet. In atemberaubendem Tempo liefert dieser Künstler Sprachkaskaden, mit denen er locker jeden Poetry-Slam gewinnen würde. Beide zusammen, der sympathische Plauderer und der Wasserfallpoet, geben dem Programm seinen besonderen Ton. Man hätte ungern auf diesen Abend verzichtet.

Sabine Zaplin, 24.01.2019
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