Nach(t)kritik

Di, 13.03.2018
20.00 Uhr
Klassik

Französischer Klangreiz

Künstler: 
Baiba Skride, Violine; Daniel Müller-Schott, Violoncello & Xavier de Maistre, Harfe
Zur Interpretation von Gattungen, für die es nur wenig Musikliteratur gibt, kann man schlecht ein festes Ensemble unterhalten. Die wenigen Werke, die es dennoch gibt, werden meist für ihre Rarität doppelt bestrafft: Sie werden eben kaum gespielt, und wenn, dann von nur kurzzeitig zusammengewürfelten Ensembles, die dadurch selten tief genug in die Substanz vordringen. Es sei denn, es handelt sich um drei Spitzenmusiker, die nur auf die Bühne gehen, wenn sie auch das Maximale aus dem Programm herausholen können. Die Lettin Baiba Skride (Violine), Daniel Müller-Schott (Violoncello) und der Franzose Xavier de Maistre (Harfe) gehören zweifelsohne dazu.
Auch wenn sie im allgemeinen Konzertbetrieb hierzulande vernachlässigt wird, ist die französische Musik von ästhetisch ausgesprochen eigener Art. Insbesondere in der Zeit der Avantgarde von Paris am Umbruch vom 19. zum 20. Jahrhundert, als sich die Neue Musik ihren Weg bahnte, schärften sich die spezifischen Charakteristika. Die französische Musik folgt daher anderen Gesetzen als die deutsche Schule, denn sie ist mitunter über den Impressionismus zu anderen harmonischen wie klanglichen Qualitäten gelangt. Und da Hörgewohnheiten immer ein Wörtchen mitzureden haben, hat es die französische Musik im deutschsprachig geprägten Konzertbetrieb nicht leicht.
Als Einstieg das Harfentrio von Jacques Ibert zu geben, war vielleicht etwas ungeschickt, ist die Komposition aufgrund teils gewagter Experimente etwas sperrig und ohne Warm-up des Gehörs erstmal etwas spröde mit ihren Dissonanzen. Vor allem die Anklänge an Strawinsky und an die Ideen der Groupe des Six. Dennoch ist es dem Trio des Abends gelungen, die unterschiedlichen stilistischen Ausprägungen in der Rhetorik Iberts auf eine Linie zu bringen und einen schlüssigen Bogen zu spannen. Der steckt durchaus in der Musik, wohl durch Klavierimprovisationen zu Stummfilmen geschult, womit Ibert während des Studiums seinen Unterhalt verdiente. Collagieren war seine Stärke, sofern die Interpreten seine Intentionen erkennen. Überaus intensiv gelang es im Gesang des Andantes und mit der spritzigen Rhythmik des Schluss-Scherzando.
Es gab durchaus Parallelen im bereits früher entstandenen Trio von Henriette Renié, der großen französischen Harfenistin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und offenbar sehr unterschätzten Komponistin. Zugegeben, auch sie war keine Avantgardistin und liebäugelte noch mit der Romantik. Aber so ungewohnt ihr instrumentaler Satz auch sein mag: Ihre Farbigkeit hat einen besonderen Reiz und ihr Erfindungsreichtum überraschte mit wunderbaren Melodien, packenden Themen sowie einprägsamen Motiven. Vor allem Skride und Müller-Schott fanden darin reichlich Stoff zu weitschweifender Schwärmerei und melancholischen Gesängen. Obgleich auch Renié zum Impressionismus neigte, behielten die Instrumentalisten ein klares Bild im Auge, wie es vom Vater des Impressionismus, Gabriel Fauré, von Anfang an das Ansinnen gewesen ist: Kein Säuseln oder Vernebeln.
Das impressionistische Bild steckt in den Harmonien und muss nicht gemacht werden. Das Impromptu Des-Dur op. 86 für Harfe solo von 1904 aus Faurés Feder stellte dies bereits zuvor klar. De Maistre sorgte für maximale Transparenz, ohne den Stimmungsgehalt der vielfältigen Färbungen zu vernachlässigen.
Dieser Zugriff galt auch in Ravels Sonate für Violine und Violoncello C-Dur. Ein Werk also für zwei Soloinstrumente, die hier jedoch auch um die Ensemble-Fülle rangen. Das gelang mit ungarisch-folkloristischen Einwürfen überaus substanzvoll, stand doch das Duo op. 7 von Kodály für dieses Werk Ravels Pate. Das derbe Musikantentum prägte auch die Komposition, zumal sich sowohl Baiba Skride wie auch Daniel Müller-Schott auf den wuchtig stampfenden Duktus vorbehaltlos einließen. Wunderbar geriet auch das feinsinnige Mäandern der Stimmen umeinander in klangschöner Atmosphäre. Trotz dieser Gegensätze und trotz Metrumwechseln und Bitonalität blieb die Dramaturgie aus einem Guss. Das Publikum applaudierte begeistert und lang andauernd – und bekam eine Wiederholungszugabe.
Reinhard Palmer, 14.03.2018
Galerie 
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2018