Nach(t)kritik

Mi, 21.02.2018
20.00 Uhr
Jazz

Frischzellenkur für den Swing

Veranstaltung: 
Künstler: 
Echoes of Swing
Die Combo hat viele Fans. Mit dem Swing im Namen gelingt es zudem auch, immer wieder neue Konzertbesucher zu mobilisieren. Swing verspricht einen packenden Abend, gute Laune, mitreißende und vergnügliche Musik, zudem nicht selten einfach nur Jugenderinnerungen, hat er sich doch noch bis in die 1960er Jahre gut gehalten. Aber um Nostalgie geht es den vier Musikern von „Echoes of Swing“ wohl nicht, auch wenn man bei der Wahl dieser Gattung automatisch eine gewisse Rückgewandtheit in Kauf nehmen muss. Bei dem Quartett ist vielmehr der Name Programm. Im Fokus steht nicht, den guten alten Swing museal zu konservieren, als vielmehr das Ansinnen, mit zeitgemäßer Rhetorik alles Swingende in die Gegenwart zu übersetzen, um es frisch und lebendig zu halten – und es auch auf neue Wege zu bringen.
Letzteres implizierte hier einen gewissen Überraschungseffekt. Nicht etwa, weil man dem Swing nicht zutrauen würde, auch in der Gegenwart eine passende Form zu finden. Überraschend war eher, dass Echoes of Swing die neue Frische mit einem überaus kammermusikalischen Zugriff suchte. Das Quartett pflegt eine sehr feinsinnige, detailpräzise und klanglich reizvoll austarierte Spielart. Colin T. Dawson (Trompete und Gesang), Chris Hopkins (Altsaxophon), Bernd Lhotzky (Klavier) und Oliver Mewes (Schlagzeug) sind zudem Meister des leisen Spiels, bei dem der Eindruck uneingeschränkter Spielfreude und lustvollen Zupackens dennoch ungetrübt bleibt.
Anders als in der klassischen Kammermusik geht die Formation allerdings sehr frei, wenn auch respektvoll mit dem vorgegebenen Material um. Arrangements, Bearbeitungen, Neukombinationen, schlanke Auslegungen und schließlich Neukompositionen im mehr oder weniger alten Stil sind nicht zuletzt ein Abbild der großen kreativen Kräfte im Ensemble. Zudem beziehen sich die Inhalte nicht nur auf die Gattung Swing als vielmehr auf alles, was einen swingenden Duktus zur Grundlage hat. Vordringliche Kriterien zur Aufnahme ins Repertoire sind wohl Möglichkeiten besonderer Wirkungen und Reize. So etwa das spritzig leichte Spiel beim rasch und scharf geschnitten interpretierten „Volare“ von Domenico Modugno oder der ähnlich humoresk ausgelegte „The Ragtime Dance“ von Scott Joplin samt seiner mit rhythmisierten Pausen raffiniert fragmentierten Passage. „Southern Sunset“ von Sidney Bechet zeigte sich im Marsch-Thema recht sperrig, was umso geschmeidiger die Improvisationen erscheinen ließ.
Was man in dieser Gesellschaft wohl kaum erwartet hatte, war eine Bach-Bearbeitung, die Lhotzky mit der Gavotte II der sechsten Englischen Suite BWV 811 im Kontrast zwischen Originalmaterial und freier harmonischer Auslegung gewagt hatte. Unter solchen Besonderheiten entwickelte selbst ein Evergreen wie „Over the Rainbow“ solistisch am Flügel überaus zart, leicht und filigran vorgetragen eine überaus starke Wirkung. Genauso wie das sinnierende Umherschweifen in „The Old Country“. Ab und an genügte es dann auch, ein Stück in absolut reiner Form auszuspielen, um es zu etwas Besonderem zu machen. So etwa das bluesig packende „Disorder at the Border“ von Coleman Hawkins mit ordentlichem Drive oder die wunderbar sentimentale Ballade „Dream Dancing“ von Cole Porter. Darunter reihte sich auch die Eigenkomposition Lhotzkys „Das Wrack der guten Hoffnung“ mit ihrem flotten Groove nahtlos ein. Das „Ain’t Misbehavin“ in der Zugabe setzte schließlich mit dem Klavierduo Lhotzky und Hopkins dem Abend noch ein kabarettistisches Sahnehäubchen auf.
Reinhard Palmer, 22.02.2018
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2018