Nach(t)kritik

Sa, 01.12.2018
20.00 Uhr
Vielklang

Heilige Gans!

Veranstaltung: 
Künstler: 
Gankino Circus

Legendenbildung ist schon was Spannendes: Wenn die Vier-Mann-Formation „Gankino Circus“ aus dem westmittelfränkischen Dietenhofen von der lange zurückliegenden eigenen Jugend erzählt, wird die Legende zur Wahrheit – genau wie im Western „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ mit John Wayne, James Stewart und Lee Marvin. In der Jugend der vier Westmittelfranken wurde zwar keiner erschossen, aber der Wirt des ebenfalls legendären „Wirtshaus zur heiligen Gans“ soll der Erzählung nach dereinst immerhin dadurch zu Tode gekommen sein, dass er am eigenen Tresen mit dem Suffschädel ins Weißbierglas fiel. „Gankino Circus“ strickt um diesen bizarren Abgang einen ganzen Abend lang das Panorama glücklicher Wirtshausjahre, die so nie mehr wiederkehren werden, weil mit dem Wirt aus die „Heilige Gans“ dahinschied und trotz des späteren Ersatz-„Griechen“ im Dorf wohl auch die eigene Jugend. Aus all dem nostalgie-haltigen Stoff lässt sich nun ein schön verklärendes Programm mit dem Titel „Die Letzten ihrer Art“ zaubern, ein Programm, das eigentlich mehr durch seine fetzige Musik überzeugt als durch die ewigen westmittelfränkischen Kneipen-Storys, in denen viel von „Seidla“, also Bierkrügen und von allerlei Rauschzuständen die Rede ist.

„Gankino Circus“ haben sich bei der Namensgebung laut eigener Aussage bei einem alten bulgarischen Volkstanz im Elf-Achtel-Takt bedient, dem „Gankino“ eben. Und weil sie diese wie ein beschleunigter Zwiefacher wirkende Musik so vollendet mit der Folklore ihrer Heimat verknüpfen, ist ein seit über zehn Jahren bestens funktionierendes Chaos draus geworden – eine Mischung aus Balkan & Western, Stammtisch-Erzählung und Zirkus eben. Ralf Wieland (Gitarre in allen Gangarten von Zigeunerswing bis Rock´n´Roll), Simon Schorndammer (eine höchst vitale Klarinette und Saxophon spielend), Maximilian Eder (ein Akkordeon sowie das – Legende, Legende! – aus menschlichen Knochen bestehende „Bonophon“ bedienend) und Johannes Sens (Schlagzeug, Trompete, Dashboard und lindgrüne Trainingsjacke) vereinen ihre jeweiligen Qualitäten zu einem überwiegend fetzigen, mitunter auch balladenhaften oder sich skurril anhörenden Klangspektakel. Kurioser Höhepunkt des kunterbunten Treibens: Ein Sirtaki, den Wieland unter Verlust einer Gitarrensaite mit dem Elektrobohrer spielt und der so rasant dahinsurrt wie das „Pulp Fiction“-Motiv - da jubelt der griechische Heimwerker namens Vaskostas („Was kost´ das?“) ganz bestimmt!

„Gankino Circus“ sind mit ihren 11/8- oer 13/8-Adaptionen des Balkan-Liedguts gerade-zu bestechend gut, Schorndammer auf der entfesselten Klarinette ebenso eine Schau für sich wie Wieland an der Gitarre, Eder an der Quetsch´n und Sens am Schlagzeug, der den Nummern immer diesen zirzensisch-bombastischen Touch gibt. Das Bindemittel zwischen den Liedern sind natürlich immer wieder die Schnurren aus WMF (Westmittelfranken), dessen nächstgrößere Metropole offenbar Ansbach ist. Das Kokettieren mit dem ewig Provinziellen ist schon immer eines der Markenzeichen von „Gankino Circus“ gewesen, auch wenn sie gegenüber früheren Auftritten und CDs nicht mehr ganz so „dorfdeppert“ daherkommen – doch die „Graft der medidadiven Aggrobadig“ hat die vier auf sympathische Weise Dauerpubertierenden keineswegs verlassen. Kein Zweifel: Dietenhofen lebt!

Dann noch ein Quiz fürs Publikum, bei dem es zu erraten gilt, welches ursprüngliche Lied sich hinter einer 11/8-Version verbirgt: Da muss sogar die Erkennungsmelodie der „Lin-denstraße“ dran glauben. Und als „Requiem“ für besagten Wirt, den „Weißbier-Charly“, noch das schön melancholische Volkslied „Es kommt ein dunkel Wolk herein“ - im spätmittelalterlichen Bardenstil. Als Sänger taten sich übrigens alle vier Dietenhofener Botschafter hervor. Dass alles am Ende in einer Art Rock´n´ Roll-Inferno auf Fränkisch und zum Mitmachen im Stehen münden musste, ist nur allzu menschlich. „Gankino Circus“ ist schließlich auch das, was unsere Großeltern eine echte „Stimmungskappelle“ nannten, also in der Tat eine aussterbende Art. Ein Stück liebenswerte Nostalgie mit zündenden Gipsy-Elementen wie aus einem Kusturica-Film: In Oberbayern hätte man „Irgendwie und Sowieso“ dazu gesagt, in Westmittelfranken heißt das wie mit dem einen Lied: „So oder so“.

Thomas Lochte, 02.12.2018
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