Nach(t)kritik

Mi, 04.07.2018
20.00 Uhr
Klassik

Langer Klangzauber mit Treuebonus

Veranstaltung: 
Künstler: 
Gabriel Le Magadure, Violine; Camille Thomas, Violoncello & Shani Diluka, Klavier
Als zweiter Geiger im Streichquartett lernt man vor allem zwei Dinge: Demut und Einfühlsamkeit. In der Kammermusik insofern vorteilhafte Eigenschaften, da sie der Homogenität eines Ensemble ausgesprochen zuträglich sind. Gabriel Le Magadure, den Gautingern vom Quatuor Ebène her bestens bekannt, ist jedenfalls ein großartiger Ensemblespieler, der nun als Primarius im Klaviertrio seinen Part in einen sehr engen Kontext zum Gesamtklang zu bringen vermochte. Das konnte er freilich auch nur, weil Camille Thomas am Violoncello und Shani Diluka am Klavier diese feinsinnige Zurückhaltung nicht nur einhellig teilten, sondern sie auch spieltechnisch umzusetzen in der Lage waren. Vor allem Diluka, die es scheinbar mühelos schaffte, selbst die virtuosesten Eskapaden ins perlende Pianissimo piano zurückzunehmen.
Gemeint sind hier vor allem die weiten Rücknahmen in Schuberts Trio Es-Dur op. 100, das der 30jährige Komponist wenige Monate vor seinem Tod mit – in dieser Situation allzu verständlich – einer Überfülle von Empfindungen ausformuliert hatte. Ja, dieses überdimensionale Werk ist geradezu das reinste Wechselbad der Gefühle. In der Regel wird das Klaviertrio denn auch sehr kontrastreich, mit extremen Wendungen und plötzlichen Umschwüngen gestaltet. Doch Schubert war kein extrovertierter Mensch. Seine Emotionen richten sich nach innen, wo sie Le Magadure, Thomas und Diluka auch sehr treffend verorteten. Die weite Zurücknahme von Anfang an brachte nicht nur die fragile Empfindsamkeit Schuberts rüber, sondern öffnete zugleich einen enormen Raum für Momente des ekstatischen Taumels in den emotionalen Ausbrüchen, die dann auch eben treffend mehr Verzweiflung als Glückseligkeit offenbarten.
Gerade in der Gegenüberstellung zum Klaviertrio H-Dur op. 8 von Brahms wurde der besondere Zugriff deutlich. Obgleich bei Brahms die gängige Fassung von 1889 zum Vortrag gelangte, baute sie schließlich auf den Ideen des Komponisten im Alter von 20 Jahren auf. Brahms nahm später viel Detailarbeit aus der Urfassung von 1854 heraus – etwa die bach‘schen Elemente und Zusatzmaterial der Durchführungen –, um eine konsistentere und dramaturgisch im klaren Bogen geführte Form zu erhalten. Doch die frischen Haupt- und Seitenthemen blieben erhalten und stellen die prägenden Elemente dar. Le Magadure, Thomas und Diluka vermochten diese Ambivalenz zwischen Unbekümmertheit und Reife in ein wahres Feuerwerk der klanglichen Konstellationen zu verwandeln. Mit großer Spiellust mixte das Trio die reizvollsten Farbtöne, andererseits war es auch bereit, Brahmsens nahezu orchestrale Aufschwünge mit satter Substanz und im breiten Fluss den bosco-Saal zu fluten.
Brahms ist für seine plastische Substanz bekannt. Doch oft wird ihm auch eine dunkle Schwermut angedichtet, die Brahms in eine biedere Ecke stellt. Nicht so in der Interpretation des französischen Trios, das hier vor allem einen vitalen und leidenschaftlichen Komponisten vorstellte, der in der Urfassung des op. 8 auf der formalen Seite durchaus die Grenzen des Möglichen auslotete, ohne sich an üblichen Schemata zu halten. Für die Musiker eine große, hier bravourös erfüllte Herausforderung, etwa ein Scherzo im verschatteten h-Moll zu erfassen, oder das reiche Changieren in den Durchführungen unter einen Spannungsbogen zu bekommen.
Im Vergleich zu Schuberts Klaviertrio kam bei Brahms trotz nicht seltenen Changierens in die zarten Zonen alles sehr wuchtig und groß vor. Bei Schubert indes feinst ziseliert und mit viel Fingerspitzengefühl kostbar ertastet. Die zarten Melodien hätten wohl kaum empfindsamer ausgesungen werden können. Die Inszenierung der satten Ausbrüche entfachte im Kontrast daher eine imposante Wirkung.
Die Zugabe nach frenetischen Ovationen entpuppte sich indes als ein großes Treuegeschenk an das Gautinger Publikum: Mendelssohns Andante con moto tranquillo aus dem Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 49 ist ein Lied ohne Worte par excellence. In der Ausführung von Le Magadure, Thomas und Diluka zudem von betörender Schönheit, die dem Konzert einen stillen Höhepunkt hinzufügte.
Reinhard Palmer, 05.07.2018