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Nach(t)kritik

Di., 12.04.2016
20.00 Uhr

Les Vents Français: Französische Raritäten

Veranstaltung: Farrenc, Onslow, Saint-Saens, Caplet & Poulenc
Künstler: Le Vents Francais

Die sechs Franzosen und Wahlfranzosen haben da im bosco ein spannendes Kapitel der Musikgeschichte aufgeschlagen. Es ist kaum zu glauben, dass es parallel zur gravitätischen deutschen Romantik und zu weihevollen Mythen Wagners in unmittelbarer Nähe eine so vitale, lustvolle und gelöste Musik gab. Die Gattung des Holzbläserquintetts (darunter Horn) mit Klavier ist zwar keine französische Erfindung. Aber was die französischen Komponisten daraus gemacht haben, ist schon einzigartig, zumal wenn es von einem so herausragenden Ensemble gespielt wird, wie dem Quintett Les Vents Français und dem Hauspianisten des Ensembles, Eric le Sage.
Im Grunde ist diese Besetzung schon sehr orchestral, zumal wenn das Klavier, wie gleich zu Beginn im Sextett von Louise Farrenc, so voluminös und virtuos eingesetzt wird. Dass die große Pianistin Farrenc lieber an die klaren Formen der Wiener Klassik anknüpfte, als an die übermächtige deutsche Romantik, zeugte bereits vom Widerstand gegen die deutsche Allgegenwart, der sich in Frankreich des 19. Jahrhunderts schon früh regte. Dass der einstigen Schülerin des Meisters der Bläserquintette Anton Reicha mit dieser Besetzung so gut umgehen konnte, liegt auf der Hand. Dennoch erklang hier etwas Eigenes. Das meisterhafte Sextett des Abends versuchte auch nicht, darin die Homogenität auf die Spitze zu treiben. Im Gegenteil: Diese Musik lebt auch davon, dass die einzelnen Instrumente ihr Eigenleben führen. Und auch George Onslow, der Franzose englischer Herkunft und ebenfalls Schüler Reichas, gab viel Anlass, die romantische Geschmeidigkeit zu boykottieren, zumal im Quintett ohne Klavier die harmonische, gewichtige Füllung ohnehin fehlte.
Die etwas spröde und manchmal auch polternde Qualität der Stücke sowie der gelösten Interpretationen war allerdings auch kein Selbstzweck. Hier ging es um ein ungewöhnliches Kolorit, das dem Atelierton deutscher Musik Regenbogenfarbigkeit entgegensetzte. Und das sollte sich bis ins 20. Jahrhundert fortsetzten und weiterentwickeln, schließlich befeuert von schmetternden Bläsersätzen Strawinskys in der neuen Kulturhauptstadt Europas Paris. Francis Poulenc war hier am Ende des Programms der Vorbote der Moderne. Sein Sextett mit einem schmetternden Hornblech war wahrlich der krönende Abschluss der Reise ins musikalische Selbstbewusstsein der französischen Nation.
Da war aber auch noch etwas anderes: Die pfiffigen Ideen und Erfindungen, die auch eine sehr französische Stärke sind. Ins Programm eingeführt hatte sie bereits Camille Saint-Saëns mit seiner „Caprice sur des Airs Danois et Russes“, der Komposition, die der Pianist auf dem Weg zum russischen Zaren und seiner dänischen Gemahlin in Begleitung je eines Flötisten, Oboisten und Klarinettisten niederschrieb. Seine Variationen der dänischen und russischen Volkslieder verpackten Les Vents Français in eine rhapsodische Erzählung von den fesselndsten Eingebungen und vom spritzigsten Spielduktus.
Eine interessante Persönlichkeit war zweifelsohne auch André Caplet. Das Quintett für Flöte, Oboe, Klarinette und Klavier des damals erst 19Jährigen offenbarte einen noch lernenden Komponisten, der in seiner Verehrung, später Freundschaft zu Debussy immer weiter in dessen Kompositionsprinzipien eintauchte. Die zunehmende harmonische Bereicherung ließ sich jedoch nicht übermäßig forcieren, ist Caplets Musik doch auch noch sehr der Wiener Klassik und deren klaren Formen verhaftet.
Ein überaus aufschlussreiches und rares Konzert. Bis in die Zugabe hinein – wo die packende Gavotte aus dem Sextett von Ludwig Thuille spätromantisches Musiziervergnügen offenbarte.

Reinhard Palmer, 14.04.2016


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Di., 12.04.2016 | © Copyright Werner Gruban, Theaterforum Gauting