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Nach(t)kritik

Fr, 08.10.2021
20.00 Uhr

Liedermachenschaften mit demokratischem Humor

Veranstaltung: Simon & Jan: Alles wird gut

Zwei Männer, ihre Gitarren und ein bisschen „Beizu“ in Form von Schlagwerk und Autovoice - mehr brauchen Simon Eickhoff und Jan Traphan nicht, um den Kosmos ihrer Gegenwartserkundung auszuschreiten. Minimalistisch ist das Equipment, minimalistisch ist ihr gesamtes Auftreten. Simon & Jan - die Vornamen müssen reichen - singen Songs über die menschlichen Unzulänglichkeiten. Mehr nicht. Aber wie viel ist das! Es geht um den Klimawandel, um Nazi-Aggressoren, um westliche Arroganz und Ignoranz und um schwache, inaktive Politiker*innen. Ganz aktuell sind Lied gewordene Kommentare zur Coronasituation wie jenes über Urlaub in Deutschland: „Urlaub in Trier - was machen wir hier?“ oder über die beunruhigend wachsende Sehnsucht nach Weltflucht, wie es gleich zu Beginn des Abends thematisiert wurde.

Neben einer wirklich großartigen musikalischen Performance ist es vor allem der geniale Umgang mit Sprache, der das aktuelle Programm von Simon & Jan auszeichnet. Mehr noch: Tanz auf den Gitarrensaiten und Tanz auf den Zeilen der Texte finden hier zu einem poetischen und gleichzeitig positiv provozierenden Pas de Deux, der einfach nur Spaß macht.

Doch dieser musste erst wachsen. Am Anfang fremdelten sowohl das Publikum als auch die beiden Künstler miteinander. Das mag zum einen daran liegen, dass zwischen Oldenburg und Gauting ein gewisser kultureller Unterschied besteht, was sich nicht allein am zaghaften „Servus“ aus dem Saal auf das knappe „Moin“ von der Bühne festmachen lässt; das liegt womöglich auch daran, dass die Interaktion zwischen Publikum und Künstler*innen sich immer noch in der Wieder-Aneignungs-Phase befindet. Spätestens nach der Pause aber begann es zu funken, so dass der von Jan mehrfach bemerkte „Enthusiasmus“ tatsächlich mehr und mehr entstehen konnte.

Das Besondere an diesem Duo ist, dass sie etwas im Grunde ganz und gar Altmodisches tun: sie sind Liedermacher, wie es sie zuletzt in den Achtzigern gab, jenem Jahrzehnt, in dem beide ihre frühe Kindheit erlebten. Damals wurde mit Klampfe gegen Kriegsangst und für Naturschutz angesungen, gingen Slogans wie „Stell Dir vor, es ist Krieg, und niemand geht hin“ über die improvisierten Bühnen. Letzteren griffen Simon & Jan in einem ihrer Songs auf. Trotzdem betreiben sie keine nostalgischen Rückblicke oder gar Anachronismen. Was sie auszeichnet, ist, dass sie dem seit den Neunzigern so sehr um sich greifenden Quatschgeblödel Inhalte entgegenstellen, die keine Showtreppe, Glitzereffekte oder anderes Beiwerk benötigen. Sie würzen ihre Beobachtungen und musikalischen Kommentare mit dem, was sie selber „demokratischen Humor“ nennen. Und genau den können wir alle zur Zeit sehr gut gebrauchen.

Sabine Zaplin, 09.10.2021


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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Fr, 08.10.2021 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.