Nach(t)kritik

Fr, 08.05.2015
20.00 Uhr
Klassik
Quatuor Ebene - Foto: Julien Mignot
Quatuor Ebene - Foto: Julien Mignot

Quatuor Ebène: Zehnter Akt der Superlative

Künstler: 
Quatuor Ebène
 
Es war wieder einmal ein denkwürdiger Abend. Nicht nur, weil die vier Franzosen des Quatuor Ebène nun zum zehnten Mal die Würmmetropole besuchten, oder weil erstmals in Gauting an der Bratsche statt Mathieu Herzog, der eine Dirigentenlaufbahn einschlug, Adrien Boisseau zu hören war und seine Sache großartig machte. Nein, vor allem, weil das Ensemble sich nach unbeschadet überstandener, langjährig anhaltender Anfangseuphorie nun weiterhin im ungebrochenen Höhenflug sehr klug sowie mit höchster Hingabe und Intensität der schweren, zudem auch körperlich sehr fordernden Materie nähert. Kein thematisch gemischtes Programm, sondern reiner Beethoven in seiner interpretatorisch anspruchsvollsten Variante der späten Quartette.
Nach langer Pause von dreizehn Jahren in der Streichquartettproduktion hatte der gänzlich ertaubte sowie seelisch und körperlich schwer angeschlagene Komponist mitunter die beiden Werke des Abends, op. 131 und 132, wie in einem Schaffensrausch zu zwei kunstvollen Großgebilden geformt. Beide Werke, wenn auch nicht für dasselbe Kompendium gedacht, entstanden aus demselben Material, das Beethoven in seinem Skizzenbuch zuhauf notiert hatte. Im Grunde ist das Spätwerk Beethovens von Schlichtheit und extremer Reduktion im Material geprägt. Tatsächlich greifen beide Quartette denn auch beispielsweise ein Motiv mit zwei Sekundschritten auf – die Keimzelle Beethovens Idee von Zweiteiligkeit der Themen. Und doch sind dies Werke von schier überbordender Vielfalt und unentwegter Veränderung in jeder Hinsicht. Zudem als einteilige Großformen konzipiert, und nur in einer solchen übergreifenden Auffassung in der Lage, ihre Wirkung voll entfalten zu können.
Das Quatuor Ebène hat es schon immer verstanden, höchst fesselnde dramaturgische Verläufe den gespielten Werken zu hinterlegen. Das ist überhaupt die große Stärke des Ensembles, das sich auf diese Weise jedem Werk mit Haut und Haar hingibt und dabei ganz authentisch und mit flammender Begeisterung für jedes Detail brennt, ohne dabei den weiten Zusammenhang aus den Augen zu verlieren. Und genau dies machte hier in den beiden Streichquartetten Beethovens die herausragende Qualität aus. So auch insbesondere im Presto des op. 131, das gespickt ist mit knappen Engführungen, überraschenden Tempowechseln, Ritardandi, Fermatenpausen sowie Forte-Piano-Kontrasten und gerade mit der Bewältigung der zerklüfteten Textur von zielsicherem Zugriff in der Interpretation zeugte. Im zentralen Andante dieses Werkes äußerste sich dies in der klaren Prägung der sechs Variationen, die stellenweise schon sehr eigentümliche, der Schlüssigkeit nicht gerade zuträgliche Konstellationen beinhalten.
Immer wieder begeisterte die blühende Unbekümmertheit der liedhaften Themen, so etwa zart im Trio des Presto-Satzes, vor allem aber im op. 132 a-Moll im Trio des zweiten Satzes, das gleich mit vier volkstümlichen Melodien aufwartet, beginnend mit einem zarten Flöten mit Bordun-Leiereffekten.
Der große Höhepunkt stand im Zentrum dieses Werkes mit dem geradezu monumentalen „Heiligen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“, das ein Choral in lydischer Kirchentonart ist, zweimal unterbrochen von einem barock-sinnlichen Adagio von feierlicher Größe in Dur, im Untertitel mit „Neue Kraft fühlend“ bezeichnet. Wie die vier großartigen Musiker die Spannung in einem derart weit gedehnten Satz zu halten vermochten, zeugte nicht nur vom großen instrumentalen Können, als vielmehr von einer großen musikalischen Reife. Und die äußerte sich auch in der weiten Fächerung des Klangspektrums wie in der Dynamik. Gerade letzteres öffnete einen enormen Gestaltungsraum, der einerseits von voluminösen Substanzfluten nach oben abgesteckt war, doch gerade in den leisen Bereich sehr weit in die zartesten Gefilde reinster Klangspuren führte. So etwa im Einstieg in die schwermütige Adagio-Fuge des op. 131, deren Entwicklungspotential sich dadurch schon mit den ersten Tönen weite Freiräume sicherte – und sie auch nicht ungenutzt ließ. Eine großartige, zutiefst emotionale Leistung, die das Publikum mit lang anhaltenden, frenetischen Ovationen reich belohnte.
Reinhard Palmer, 08.05.2015
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