Nach(t)kritik

Di, 15.11.2016
Kinder

Spieglein, Spieglein

Künstler: 
Theater Kunstdünger

Ich bin Ich, Du bist Du, doch wenn Ich mich aus dem Spiegel heraus anschaue, bin Ich dann Du?

Mit ihrer Theaterversion des Bilderbuches „Die Prinzessin kommt um vier“ von Wolfdietrich Schnurre und Rotraut Susanne Berner hat das Theater Kunstdünger aus Valley bei München eine phantasievolle Antwort auf die Fragen der Gegenwart gegeben. Es geht um die Angst vor dem Neuen und die Flucht ins Ewiggleiche, um die Zweifel am eigenen Dasein und die Sehnsucht nach Veränderung. Und nicht zuletzt geht es um Vorurteile und wie gut es tut, diese über Bord zu werfen.

Die Geschichte ist einfach: ein schlichtes Menschlein verbringt seine Tage damit, in den Zoo zu gehen und Tiere zu fotografieren; doch eigentlich hat es alle Tiere bereits auf der Speicherkarte. Doch dann entdeckt es die Hyäne, die ihm noch nie zuvor aufgefallen war. Die Hyäne wäre ein geeignetes neues Objekt. Aber leider ist sie hässlich, sie stinkt und hat ihre Darmgase nicht im Griff. Das Menschlein will sich schon abwenden, da erklärt ihm die Hyäne, es sei eine verzauberte Prinzessin und könne nur erlöst werden, wenn es von jemandem wie dem Menschlein zum Kaffee eingeladen würde. Und so kommt es …

Theaterleiterin und Schauspielerin Christiane Aalheim spielt zusammen mit Lydia Starkullar sämtliche Rollen, wobei jede der beiden auch mal in Rollen der anderen schlüpft. Der Rollenwechsel ist das Prinzip der Inszenierung von Michl Thorbecke: gleich zu Beginn wird dabei ein großer Standspiegel zum Katalysator, in welchem ein Spiegelbild lebendig wird und in eine nonverbale Kommunikation mit dem Gegenüber tritt. Das Ich wird zum Du, das Du ist das Ich. Und der Rollenwechsel ist etabliert.

Im Zoo wird dann die mürrische Kassiererin mit dem Wischmopf auf dem Kopf zur Zoowärterin, die einmal mit den Haaren durch die Käfige wischt. Das Menschlein wird zum Tier im Käfig, das doch längst schon abfotografiert wurde: mal zum Löwen, der mit seinen Schnurrbarthaaren nicht quer in den Futternapf passt; mal zum Uhu, der enttäuscht ist, dass er heute kein Foto vom Besucher bekommt. Gemeinsam werden beide Spielerinnen zur Riesengiraffe  mit Teleskopbesen als Hals und gelben Highheels als Hufen. Bald schon weiß man nicht mehr, wer eigentlich wen spielt und wer zuvor wer war.

Die Zuschauerkinder dürfen immer wieder staunen, da kaum etwas so ist, wie sie es erwartet haben - abgesehen vom Dauerbrenner unter Vorschulkindern, der Pups-Gag. Und als die eingeladene Hyäne sich, nachdem sie alles gründlich durcheinander gebracht hat, als Schwindlerin entpuppt und dennoch beim Menschlein herzlich willkommen ist, da sind sie glücklich über dieses so ganz andere Happy-End. Dass jemand so angenommen wird, wie er ist, wünscht sich jeder, auch und gerade schon im Kindergarten.

Wie aufregend das war, demonstrieren am Ende die Kinderkommentare. „Meine Mama hat gesagt, dass ich eine Windel anziehen soll“, weiß ein Knirps zu berichten. Ein guter Tipp, wenn das Theater so aufregend ist.

Sabine Zaplin, 15.11.2016

Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.