Nach(t)kritik

Do, 21.11.2019
20.00 Uhr
Jazz

Swing States

Veranstaltung: 
Künstler: 
Rick Hollander Quartet feat. Brian Levy

Wenn man Rick Hollander erzählt, was ein deutscher TV-Spot derzeit mit Henry Mancinis Evergreen „Moon River“ und der berühmten Regen-Szene aus „Frühstück bei Tiffany´s“ anstellt, nur um für einen schnöden Investment-Fonds zu werben, spricht er spontan von „Vergewaltigung“: Die ur-romantische Komposition, die so traumwandlerisch dahinschwebt und einen immer aufs Neue in ihren Bann zieht, sie hat es natürlich auch dem aus Detroit stammenden Amerikaner angetan, und so serviert er mit seinem „Rick Hollander Quartet“ seine ganz eigene Hommage an den Klassiker: „It´s such a wonderful song“, sagt Rick, ehe er vor dem Song auswendig die einst von Audrey Hepburn gesungenen, zeitlosen Zeilen rezitiert - „Moon River, wider than a mile / I´m crossing you in style some day / Oh, you dream maker, you heart breaker / Wherever you´re goin´, I´m goin´ your way / Two drifters, off to see the world / There´s such a lot of world to see / We´re after the same rainbow´s end, waitin´ round the bend / My huckleberry friend, moon river, and me...“

Es ist E-Gitarrist Paul Brändle, der das berühmte Motiv in wunderbar aufs Wesentliche reduzierter Weise anspielt, um es wie eine vor dem Wind zu schützende Kerze an Tenor-saxophonist Brian Levy weiterzureichen, der „Moon River“ seinerseits schließlich dem fürsorglichen Kontrabass von Matt Adomeit überant-wortet – all dies selbstredend unterlegt vom einfühlsam streichelnden Drumming Hollanders. Nicht „two drifters“, sondern vier! Das „Rick Hollander Quartet“ hat noch etliche andere „große“ Vorlagen zu eigenen Interpretationen geformt, zum Beispiel zu „Dannyboy“, einer auf die heimliche irischen Nationalhymne „A Londonderry Air“ zurückgehenden Folkweise, die vom Abschiednehmen eines jungen Mannes von seiner Liebsten erzählt, weil er offenbar Soldat werden und in die Ferne ziehen muss: „...the pipes, the pipes are calling / From glen to glen and down the mountainside / The summer´s gone and all the roses falling / ´Tis you, ´tis you and I must bide.“ Rick spricht auch diesmal erst die Textzeilen, dann nutzt er den ersten, skizzierenden Teil des Stücks mit einer Steeldrum dazu, eine ganz eigene, intensive Melancholie zu entfachen – danach wechselt er ans Schlagzeug, und man spielt „Dannyboy“ vergleichsweise orthodox zu Ende. Auch das Spiritual „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“, das Richie Haven 1969 beim Woodstock-Festival zu neuer Berühmtheit gebracht hatte, dient dem „Rick Hollander Quartet“ als Vorlage für eine bewegende Deutung in persönlicher Handschrift.

Solch eigenwillige Arrangements wären nicht möglich ohne das perfekt ineinandergrei-fende Spiel der Einzelelemente: Zum aus Wertingen kommenden Paul Brändle (als Absol-vent der Akademie der Schönen Künste derzeit in München zu Hause) und seinem filigranen Gitarren-Part kommt mit Brian Levy (geboren in San Diego, lebt in Boston) ein Saxophonist der absoluten Extraklasse hinzu: Levys Stil reicht von pointillistisch tupfenden Akzenten bis zum weichen, geradezu einbettenden Sound, der Mann kann Themen ausreizen, bis ihm fast die Puste ausgeht – und er wählt niemals den einfacheren Weg. Man gewinnt überhaupt den Eindruck bei dieser Formation, dass sie sich ständig noch steigert: Präzision ohne Pomp, souverän. Insofern wäre der Titel der jüngsten CD „The Best Is Yet To Come“ unbedingt passend. Rick Hollander scheint, wenn er nicht selber komponiert, seine erklärten Lieblingsstücke ganz gezielt auszuwählen: Offenbar ist er ein bedingungslos romantischer Mensch, gepaart mit hoher Intellektualität und einer Portion New Yorker Ostküsten-Humor – man glaubt fast, einen Zwillings-bruder von John Mc Enroe vor sich zu haben – nur ohne Tennisschläger und Reklamiererei. Zu der speziellen Art seines Drumming meint er im Bosco trocken (auf Englisch), seine Mutter habe ihn einst zwar vor der Lautstärke am Set gewarnt, aber „immerhin gewusst, was ich da gerade tue“. Für sein Quartett hat Yale-Absolvent Rick also einen Baden-Württemberger, einen Mann aus Kalifornien bzw. Massachussets („Dr. Dr. Levy“) sowie den vorzüglichen Kontra-bassisten Matt Adomeit (spielt echten Talking-Bass), der Will Woodard ersetzte und wie Hollander aus Detroit/Michigan kommt, um sich versammelt - man könnte beinahe das Wortspiel von den „Swing States“ probieren - im Sinne von „geschmeidige Grundstimmungen“.

Das Gautinger Publikum war fasziniert von dieser einzigartigen Performance, die so angenehm zurückhaltend daherkam. Großer Applaus, diesmal sogar live mitgeschnitten. Und das Beste kommt ja noch!

Thomas Lochte, 22.11.2019
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