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Nach(t)kritik

Do, 14.03.2024
20.00 Uhr

Und dann kommt alles anders, als gedacht…

Veranstaltung: Kulunka Teatro: "Forever" von Kulunka Teatro

Ein junges Paar, die große Liebe und der unbändige Wunsch nach einem Kind, so beginnt das Stück Forever, die neueste Inszenierung der baskischen Theatergruppe Kulunka Teatro. Nach vielen vergeblichen Versuchen und einer fehlgeschlagenen Schwangerschaft  bekommt dass Paar dann doch endlich einen Sohn - und wieder verläuft alles ganz anders, als es sich die beiden vorgestellt haben. So entspinnt sich eine über viele Jahre erstreckende Geschichte über die kleinen und großen Aufs und Abs des alltäglichen Familienlebens, über von der Realität überholte Träume und Wünsche, über Schicksalsschläge und äußere Gegebenheiten, auf die man keinen Einfluss ausüben kann, so gerne man auch würde. Denn so sehr sich die drei Figuren lieben, so sehr schlägt auch ihre Kommunikation fehl, so sehr leben und handeln sie aneinander vorbei. Verstärkt wird das besonders durch das Spiel mit den Masken, die die Schauspielenden tragen, das ganze Stück funktioniert ohne Text, wird somit allgemein verständlich und zugänglich, was besonders gut zu den universell nachvollziehbaren Themen von Individualität und den Mustern von Familienbeziehungen passt.

Die beeindruckenden Masken, die Gründungsmitglied und Schauspielerin Garbiñe Insausti selber für die Produktionen baut und gestaltet, wirken weit über die durch ihre Beschaffung vermeintlich festgelegte Emotion hinaus und werden zu Projektionsflächen für jegliche Gefühle, die die Schauspielenden durch Gestiken und Körperhaltungen darstellen. Man könnte zunächst meinen, dass durch den Einsatz von Masken und dem daraus resultierenden Fehlen von Mimik die Ausdrucksmöglichkeiten der Schauspielenden drastisch reduziert wären, jedoch wird in der Abstraktion die Identifikation mit den Figuren nur umso größer, da sie auch auf diesem Wege universell nachvollziehbar gemacht werden. In der Rezeption muss der Ausdruck in die Masken selbst hinein interpretiert werden, schon ist man den Figuren so nah, dass man jede Freude aber auch jede Trauer selbst miterlebt. Und davon bietet die Inszenierung eine Menge, was als anfangs eher lockere Tragikomödie mit viel Witz und Ironie beginnt, wandelt sich mehr und mehr in die Tragödie einer Familie, die sich gegenseitig braucht und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, aneinander scheitert und sich verliert. Genau hier zeigt das Kulunka Teatro eine einzigartige Fähigkeit, Momente des realen Lebens wie durch ein Mikroskop auf den Kern zu untersuchen und darzustellen, so entsteht in den schönsten Momenten eine gewisse Wehmütigkeit und wird in den tragischsten Momenten plötzlich irrsinnig komisch. Trotzdem nimmt die Inszenierung ihre Figuren und deren individuelle Lebensläufe mit all ihren Problemen sehr ernst, nicht nur das Ende rührt zu Tränen. Belebt wird die Emotionalität der Inszenierung dabei nicht zuletzt durch die eigens für das Stück komponierte Musik.

Verstärkt wird die emotionale Achterbahnfahrt durch den Einsatz einer Drehbühne, mithilfe derer die Geschichte in verschiedenen Räumen der kleinen Familienwohnung stattfinden kann, was in einem kurzweiligen Erzähltempo beinahe wie die gründliche Montage eines Films wirkt. Ganz wie die Drehbühne selbst dreht sich die Spirale des Lebens und die Charaktere, schnürt sich um sie und gibt sie wieder frei.

Erwähnenswert ist neben der unfassbaren schauspielerischen Kunst der Darstellenden, die all diese großen Entwicklungen und Momente wortlos nur in Gesten und Bewegungen zu spielen vermögen, auch das Tempo, in welchem sie Kostüme und Rollen wechseln können, alle Figuren werden nur von drei Schauspielenden übernommen. So hält einen, neben der Faszination für die ausdrucksstarken und filigran gearbeiteten Masken, besonders die Inszenierung als solche atemlos im Saal und gebannt auf die Bühne blickend. Forever ist aktuell und eng mit der Realität verbunden, ist allen zugänglich, ist genau so spezifisch wie in all seinen Momenten auch universell. Denn nicht nur einmal erwischt man sich dabei, Fehlentscheidungen nachvollziehen zu können, auf Figuren gleichermaßen sauer zu sein und sie in den Arm nehmen zu wollen und sich und seine eigenen Verwandten hier und da wiederzuerkennen; Forever könnte die Geschichte eines jeden von uns sein.

Amos Ostermeier, 15.03.2024


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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Do, 14.03.2024 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.