Nach(t)kritik

Do, 22.02.2018
20.00 Uhr
Literatur

Vom leidenschaftlichen Wesen der Sprache

Künstler: 
Franziska Bronnen

Am Anfang steht eine Aufforderung, der wohl ebenso viel Leidenschaft zugrundeliegt wie dem Verhalten des jungen Spielers, von dem sie lesen wird: Franziska Bronnen bittet die Zuhörer im bosco, der Sprache Stefan Zweigs zu lauschen. Bewusst wähle sie das Wort „lauschen“, da ein Test ergeben habe, dass dieses Wort bei 14- bis 16-jährigen nicht mehr bekannt sei. „Sprache dient heute den meisten Menschen nur noch als Informationsmedium“, bedauert die Schauspielerin und taucht dann gemeinsam mit dem Publikum ein in die Welt eines Sprachvirtuosen, der mit Worten zu gestalten versteht wie nur wenige andere. 

Fast auf den Tag der Lesung genau, am 23. Februar, jährt sich der Suizid des Schriftstellers zum 76. mal. Im brasilianischen Exil nimmt sich Stefan Zweig gemeinsam mit seiner zweiten Frau, Lotte, das Leben, das ihn aus Nazi-Deutschland über verschiedene Stationen bis hierher, nach Petrópolis, führte, wo die Verzweiflung über den Untergang einer ihm vertrauten und lebensnotwendigen Welt über ihm zusammenschlug. 

Zweigs in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandene Erzählung „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“, die Franziska Bronnen in einer leicht gekürzten Fassung liest, rückt den Blick auf einen Moment und das in diesem ausgelöste Gefühl, welches ein ganzes nachfolgendes Leben bestimmt und färbt. Es ist eine hochpsychologische Erzählung aus der Perspektive einer nicht mehr ganz jungen schottischen Witwe, die eben diesen Moment aus dem zweiten Jahr ihrer Witwenschaft preisgibt, als sie im Casino von Monte Carlo der Anblick von zwei ungewöhnlich rastlosen Händen mitten hineinzieht in das tragische Schicksal eines jungen Spielsüchtigen.

Mit großem Gespür für die kluge Dramaturgie der Erzählung gibt Franziska Bronnen dieser Witwe ihre Stimme und gestaltet die Talfahrt der Gefühle so dicht und plastisch, dass auf der inneren Leinwand der Zuhörer ein Film noir entsteht. Allein die Szene in der Nacht vor dem Casino, als die unter ein Kioskvordach geflüchtete Erzählerin den auf einer Bank Zusammengebrochenen unter dem herabströmenden Frühjahrsregen zerfließen sieht, ist schon abendfüllend. Tatsächlich: diese Sprache gehört vorgelesen, um verstanden zu werden. Es gelingt Franziska Bronnen, das Publikum lauschen zu machen - und ihm damit einen literarischen Moment zu bescheren, der zumindest über diesen Abend hinaus wirken wird und das weitaus größere Vermögen von Sprache offenbar werden lässt: ihre unendliche Gestaltungskraft. Sprache schafft Wirklichkeit.

Sabine Zaplin, 22.02.2018
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2018