Nach(t)kritik

So, 29.09.2019
20.00 Uhr
Klassik

Vom Orchester her gedacht

Künstler: 
Ensemble Berlin
20 Jahre währt schon in Gauting die Bekanntschaft mit dem Ensemble Berlin und so lange auch die Treue des Publikums. Trotzdem: Es war an der Zeit, mal was Neues zu wagen. Mit Enjott Schneider riskierte das angetretene Sextett der Berliner Philharmoniker – am Violoncello ist der derzeitige Karajan-Akademie-Stipendiat Simon Eberle eingesprungen – im Grunde nicht viel. Zu einem, weil der Münchner zu den erfolgreichsten Komponisten hierzulande gehört, zum anderen, weil seine Musik sehr ansprechend ist. Letzteres liegt vor allem an der ausgedehnten Erfahrung als Filmmusikkomponist, der es aus dem Effeff beherrscht, Stimmungen zu schaffen und fesselnd zu erzählen. Die Verarbeitung von „Skizzen, Studien und Fragmenten“ des jung verstorbenen Bruckner-Schülers und Mahler-Vorboten Hans Rott machte das dem Ensemble Berlin gewidmete Werk ohnehin zeitlos, zumal Schneider seine „Dunkelreise“ eher als ein tönendes Psychogramm, denn als eine dramaturgisch aufgebaute Komposition auffasste.
So gesehen blieb es bei den Stärken des Ensembles, die verständlicherweise in den orchestralen Qualitäten liegen. Damit erklärt sich auch die Auswahl der beiden anderen Werke, die trotz der kammermusikalischen Besetzung vom Orchester her gedacht sind. Dvořáks G-Dur-Streichquintett op. 77 mit Kontrabass ist sogar im Grunde weitgehend sinfonisch, doch gut 17 Jahre vor seinem Aufbruch nach Amerika noch auf der Suche nach einem eigenen Stil. Als Musikschullehrer und Organist hielt sich der Komponist über Wasser. Aber gerade die fehlende Anerkennung drängte Dvořák zu großen Anstrengungen in seinen Werken, die bald von Brahms bemerkt werden sollten, womit seine große Karriere zwei Jahre nach dem Quintett beginnen konnte. Die Energie, mit der das Ensemble Berlin an das Quintett heranging, wies durchaus in Richtung Wagner und Liszt, zumal in der klangsatten Dramatik absolut ebenbürtig. Die Interpreten kosteten aber auch die herrlichen Mährischen Melodien aus, die schon das folkloristische Kolorit des späteren Dvořáks überaus reizvoll vorwegnahmen, sie aber noch ganz romantisch ins Träumerische verzauberten.
Dieses große Werk sollte in den Dimensionen noch überboten werden. Die Serenade B-Dur mit dem Beinamen „Gran Partita“ KV 361 von Mozart hat bereits eine kleine Sinfonie als Kopfsatz. Insgesamt überraschte das Werk im Arrangement des Mozart-Zeitgenossen und Oboisten Franz Joseph Rosinack für Oboe und in die Tiefe orientiertes Streichquintett (Besonderheit: zwei Violas und Kontrabass) und mit einer enormen Kraft und Kompaktheit. Der 19jährige Mozart zeigte gewisse Ambitionen im dramatischen Fach. Darüber hinaus war auch die ursprüngliche Besetzung für 12 Bläser und Kontrabass für das Ensemble Berlin Hinweis genug, einen Zugriff mit satter Substanz zu wählen. Die typisch mozartsche Noblesse und Leichtigkeit war kaum das Thema in dieser Komposition. Serenaden dienten schließlich der Unterhaltung, deren Funktion Mozart durchaus gerne erfüllte. Und er verstand es, die Sinne zu berauschen und emotional aufzuwühlen. Darauf lag der Fokus vom Ensemble Berlin, das mit der Oboe im Klangbild über ein Glanzlicht verfügte. Das traumhaft schöne Adagio mit der in himmlischen Höhen schwebenden Oboe sollte zudem seine Magie voll entfalten dürfen. Ein Satz, der von der Gewichtung her mehr oder weniger den Mittelpunkt der Komposition markierte und packender Verve ein weites Feld überließ. Die Arie der Königin der Nacht der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ in der Zugabe sollte schließlich aber doch noch etwas Kammermusik nachschieben.
Reinhard Palmer, 30.09.2019
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2019



Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.