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Nach(t)kritik

So, 18.09.2016
16.00 Uhr

Von der Melodie des Herzens

Veranstaltung: Ausstellungseröffnung: L(i)ebenswertes Leben

Ein kleines Mädchen hockt in einer Wiese inmitten einer Schar von Hühnern. Das Mädchen füttert die Hühner, sie ist ganz bei den Tieren, fast so, als ob sie ihre Sprache verstehen würde. Das Mädchen heißt Tamina, ist sieben Jahre alt und „weiß, wie das Leben zu schätzen ist“ - wie die Fotografin Josée Lamarre in einem kurzen Text zu ihrem Schwarz-Weiß-Portrait von Tamina schreibt. Taminas Bild hängt seit diesem Sonntag zusammen mit einer Reihe anderer Portraits in der Ausstellung „L(i)ebenswertes Leben“ im bosco. Alle Fotografien zeigen Menschen mit Down-Syndrom. Zeigen Menschen in ihrem Alltag, mit ihren Träumen, ihren Leidenschaften, ihrer Arbeit, ihrem Glück.

Karine zum Beispiel. Das Foto zeigt sie mit der Seeharfe, ihrem Instrument. Mit zarten und doch kraftvollen Fingern zupft sie die Saiten an, „wenn sie spielt, meint man, dass die Melodie von Angelhänden kommt“ - so Josée Lamarre in ihrem Text zum Foto, „eine kleine Dame mit einem großen Talent“. Karine ist anwesend bei der Ausstellungseröffnung, und mit dem Begriff „Dame“ ist sie keineswegs einverstanden. „Bin keine Dame“, erklärt sie entschieden und erzählt sehr selbstbewusst davon, wieviel Konzentration für ihr Haufenspiel nötig ist. Im Gespräch mit Patricia und Thomas Vogl, die durch ihre Freundschaft mit der kanadischen Fotografin Josée Lamarre das Projekt der Portraits von Menschen mit Down-Syndrom angestoßen haben, äußern sich Karine und noch einige andere Portraitierte zur Ausstellung. Fünf der Portraitierten leben nämlich in Gauting und Umgebung, drei von ihnen sind anwesend. Karl zum Beispiel. Auf seinem Foto lacht er charmant, schaut verschmitzt zur Seite, hinter ihm eine sonnendurchflutete Baumlandschaft. „Was hast du mit Josée gemacht, Karl?“ fragt Patricia Vogl ihn bei der Eröffnung, „du hast sie verzaubert.“ Er habe ihr sogar einen Heiratsantrag gemacht, berichtet Karl, doch Josée sei leider schon verheiratet gewesen.

Philipp ist nicht da bei der Ausstellungseröffnung. Doch auch er ist in Gauting aufgewachsen. Sein Foto zeigt ihn mit ausgebreiteten Armen auf einem Steg am See, es sieht aus, als wolle er dem Betrachter ein Tor öffnen. Philipp ist ein Profi, was die Arbeit mit Fotographen angeht. Als erstes wollte er die Gage verhandeln, schließlich will er bald als Model arbeiten. Das Verhandeln scheint er bei seinem Vater erlebt zu haben, der bei der Eröffnung mitwirkt: Erik Berthold gestaltet zusammen mit Sandro den musikalischen Rahmen dieser Vernissage.

Jedes der Portraits dokumentiert, was der Titel verspricht: das Leben ist es wert, gelebt zu werden, und es ist so liebenswert wie die Menschen, die hier einen Einblick in ihre Einstellung zum Leben geben. „Es ist normal, verschieden zu sein“, zitiert Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger bei ihrer Einführung den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Sie berichtet von der jüngsten Schwester ihres Vaters, die das Down-Syndrom hatte. „Sie war das Familienmitglied, das für Herzenswärme und Fürsorglichkeit sorgte“, erzählt sie. So habe jeder Mensch eine Seite, über die er nicht immer spreche, greift Thomas Vogl dies später noch einmal auf; er selber habe beruflich im Bereich Wirtschaft zu tun, ein Gesellschaftsfeld, in dem selten unbekannte Seiten aufgedeckt werden. Und doch sind sie da. Die Menschen auf den Bildern dieser Ausstellung verbergen nichts, weder ihre Fröhlichkeit und Unmittelbarkeit, ihre Herzenswärme und Aufgeschlossenheit, noch ihre Zerbrechlichkeit und die Tatsache, dass sie anders sind, anders aussehen.

Seit die Pränataldiagnostik es künftigen Eltern ermöglicht, lange vor der Geburt ihres Kindes feststellen zu lassen, ob es mit einer Behinderung auf die Welt kommen wird, werden 95, 5 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom erst gar nicht geboren. Fotos wie diese werden zu einer Seltenheit werden - Fotos, die den Betrachter zu einem Freund werden lassen. „Ein Freund ist jemand, der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorspielt, wenn du sie vergessen hast“, sagt Fotografin Josée Lamarre.

Sabine Zaplin, 18.09.2016


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.