Nach(t)kritik

Do, 25.10.2018
20.00 Uhr
Schauspiel

Wer mit dem Feuer spielt

Künstler: 
Landestheater Schwaben

Blinde-Kuh ist ein Spiel, das in unserer Gegenwart wohl vor allem auf Kindergeburtstagen vorkommt. Tatsächlich zählt es seit dem Mittelalter - der Zeit der Ritter und Burgfräulein - zu den beliebtesten Gesellschaftspielen, nicht zuletzt, weil es dem Spieler der Blinden Kuh, dessen Augen mit einem Tuch verbunden werden, durch diese erzwungene Blindheit erlaubt ist, seine Mitspieler durch Erhaschen, Ertasten und andere direkte Erkundungen zu erkennen. Möglicherweise ist das Spiel aber sogar noch viel älter: Kulturhistoriker glauben es in vorchristlicher Zeit als kultisches Dämonenspiel verorten zu können, wo ihm sogar die Bedeutung zukommt, durch die Erfahrung der Blindheit das Sehen neu zu schaffen.

Wenn zu Beginn der Vorstellung „Das Käthchen von Heilbronn“, mit der das Landestheater Schwaben im bosco gastierte, immer mal wieder einer der Protagonisten mit verbundenen Augen wie beim Blinde-Kuh-Spiel über die Bühne tastet, so ist dieser fast rituelle Akt der Erschaffung einer neuen Form von Sehen durchaus augenfällig: die extrem verdichtete, verknappte und reduzierte Version von Kleists wohl rätselhaftestem Theaterstück - inszeniert von Kathrin Mädler - erzählt eine Geschichte vom Leben als Traum und von den Schwierigkeiten, Träume ins Leben zu holen und sie zu leben. Auf der fast leeren, von einem breiten Lichtrahmen eingefassten Bühne hängen oben aus dem Schnürboden ungebrauchte Brautkleider wie vergessene Wäschestücke über den Köpfen der sechs Schauspieler, die einander umkreisen, umtänzeln, begehren und befeinden. Miriam Haltmeier zeigt das Käthchen von Heilbronn als eine scheinbar verwirrte, tatsächlich vollkommen unbeirrbare junge Frau, die anstelle von Konventionen und gut gemeinten Hilfsangeboten einzig ihrem Traum folgt und den Mann, der diesem Traumbild gleicht, nicht aufgibt. Hin- und hergerissen zwischen der kriegsgeprägten Realität und auch einem Traum von der wahren Liebe ist Tobias Loths Graf vom Strahl - einer jener Männer, die alles richtig machen wollen und (beinahe) an ihren Ansprüchen scheitern. Die Vertreter von Konvention, Anspruch und Regeln sind in diesem Spiel entweder wohlmeinend und dem Herkömmlichen verpflichtet wie Käthchens Vater, der Waffenschmied (André Stuchlik), oder verschmitzt-überdreht (nochmal Stuchlik als Strahls Mutter), oder aber perfide intrigant wie Kunigunde von Thurneck, herrlich fies überzeichnet von Claudia Frost. Und auch die Vertreter der alten Macht, wie Fridtjof Stolzenwalds grundgütiger Kaiser, sind mit Träumen restlos überfordert. 

Der wahre Fädenzieher in diesem Blinde-Kuh-Spiel ist eine Figur, die so bei Kleist bestenfalls nur angedeutet ist: ein Cherub, den Sandro Sutalo zum Showmaster - oder auch schon mal Master of Desaster - gestaltet. Diesem Wesen zwischen Himmel und Erde sind alle ausgeliefert, und während es die meisten gar nicht wirklich merken, gewinnen die beiden Träumenden - der Graf und das Käthchen - in ihm jenen Spielleiter, der ihnen den Weg weist. Ob der nun tatsächlich in eine Wunschehe führt, bleibt am Ende fraglich. Das Käthchen zumindest scheint mit dem neuen Sehen eine Klarsicht gewonnen zu haben, die es lauthals lachen macht über das, was es eben noch ersehnte.

Sabine Zaplin, 25.10.2018

Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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