Nach(t)kritik

Di, 29.01.2019
20.00 Uhr
Schauspiel

Wir sind Faust

Künstler: 
Theater der Altmark

Er ist der wohl deutscheste unter den Bühnenhelden, und dabei ist noch zu fragen, ob er tatsächlich ein Held ist und ob dieses Kein-Held sein gerade ein besonders deutsches Thema ist: Faust. Seit bald 550 Jahren ist er unterwegs, auf der Suche nach „dem, was die Welt im Innersten zusammen hält“, unterwegs mit dem Gefährten aus der Hölle, jenem „Geist, der stets verneint“ und der ihm neben ewiger Jugend vor allem diesen einen Augenblick schier unglaublicher Wonne verspricht - den Kick, das absolute Event, Fun in höchstem Maße; oder vielleicht auch nur ein tiefes Aha-Erlebnis. Faust matters, und in letzter Zeit sogar sehr. Die Hypo-Kunsthalle widmete ihm im vergangenen Jahr eine Ausstellung, die sich zum stadtweiten Kulturtaumel ausweitete: „Du bist Faust“. Im Residenztheater ist Bibiana Beglau als Mephisto unterwegs, und Fotos von Cordula Treml im Foyer des bosco zeugen davon. Und das Theater der Altmark aus Stendal ist mit einer zum Kammerspiel verdichteten, von fünf Schauspielerinnen und Schauspielerin sowie einem Musiker auf die Bühne gebrachten Faust-Furiosical im bosco zu Gast.

Was für ein Spektakel. Es beginnt als episches Theater mit aus dem Saal auftretenden allegorischen Gestalten, die sich ein Fest erwarten und die Bühne bereiten. Im Studierzimmer geht es weiter als Strindbergsches Seelenstriptease mit kommentierten Geistern aller Genres. Der Osterspaziergang ist ein Volkstheater mit Schrammlmusik und lustigen Liedern („Vom Eise befrei-heit…“), und die Flirtszene mit dem Doppel aus Mephisto-Frau Marthe und Faust-Gretchen gerät zum glasklaren Feydeau mit Tür-auf-Tür-zu-Dialogen und Rausche-Abgängen. Es geht einmal quer durch die Theatergeschichte, genau wie es mit dem Faust-Stoff seit Jahrhunderten zugeht.

Alexander Netschajew, in Gauting definitiv kein Unbekannter und bis zur vergangenen Spielzeit Intendant am Theater der Altmark, hat einen „Faust. Der Tragödie erster Teil“ inszeniert (Premiere feierte die Inszenierung im vergangenen September), der beim Zuschauen vor allem richtig Spaß macht. Das liegt an der feinen und vom Ensemble mit großer Begeisterung aufgegriffenen Ironie, die den Regisseur Netschajew einen ebenso klugen wie zeitgemäßen Blick auf den Faust-Stoff werfen lässt. Jeder spielt hier nahezu jeden: Hannes Liebmann zunächst den alten, mit der Begrenztheit der Erkenntnis selbstzerstörerisch hadernden Faust und Andreas Schulz einen im dämonischen Grinsen an den Joker in „The Dark Knight“ erinnernden Mephisto; nach dem Pakt schieben sich in der Projektion ihre Gestalten übereinander und der Alte wird der Junge, der Junge der Alte. Faust ist Mephisto, und die „zwei Seelen“ in einer Brust gewinnen einen gut nachvollziehbaren Sinn. Caroline Pischl wird nach dem trollgleichen Erdgeist und anderen Figuren zum Gretchen, dessen Naivität sie so nach außen stellt, dass sich ein #Goethe.too beinahe aufdrängt. Michaela Fent ist, ebenfalls nach einer ganzen Reihe anderer Figuren, eine aus dem Boulevard entlehnte Frau Marthe, deren Kuppel- und Intrigenaktivitäten wie eine frisch geöffnete Champagnerflasche sprühen. Und Dimitrij Breuer spielt einen verzweifelten Theaterdichter, einen treuherzigen Wagner und einen Valentin, der eine Schillersche Leidenschaft an den Tag legt. Eine ganz besondere Rolle spielt der Musiker Niklas Fischer, der live die von ihm komponierte Bühnenmusik einen eigenen Dialogpart übernehmen lässt. Stellenweise lässt dieser Soundtrack Visionen von einem Faustschen Harry Potter aufkommen, dann wieder sind Batman und Co. Paten dieses Antihelden-Helden-Epos. Zusammen mit den geschickt eingesetzten Videoprojektionen schaffen diese benachbarten medialen Sparten eine einleuchtende Modernität.

Wenn am Ende Gretchen angesichts der Unausweichlichkeit ihres Schicksals die von Blut durchtränkte, sitzengelassene Kindmörderin in Erwartung ihres Henkers ist, macht der Abend noch einmal eine Wendung und wird nun, endlich, zur Tragödie. Keine Sekunde zu früh.

Sabine Zaplin, 30.01.2019
Galerie 
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2019