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Für Kinder sind Konzerte wichtig
Weg vom Bildschirm, rein ins Konzert! Das ist besser für die Entwicklung der Kinder, sagt die Geigerin Julia Fischer. Deshalb organisiert sie jetzt mit dem Bosco in Gauting bei München ein Musikfest für Familien. Sie möchte Eltern Mut machen, ihre Kinder in Konzerte mitzunehmen: Da gebe es mehr zu erleben als auf Social Media.
BR Klassik: Frau Fischer, Sie haben ein volles Wochenende vor sich. Fangen Sie jetzt schon mit dem "Vorschlafen" an?
Julia Fischer: Nein, mit dem Vorschlafen nicht, nur mit dem Vorproben. Wir sind schon seit zwei, drei Wochen am Proben und ich freue mich sehr, dass wir dieses Projekt am Wochenende in Gauting machen können.
BR Klassik: Wie viel ist noch zu tun auf den letzten Metern?
Julia Fischer: Schon noch eine Menge. Man kann immer proben. Am Sonntag sind zwei Konzerte mit dem "Karneval der Tiere". Das ist ein Highlight, weil die Kindersinfoniker den Orchesterpart spielen. Das Orchester habe ich vor sieben Jahren gegründet. Wir hatten am Montag unsere Hauptprobe. Es läuft wirklich gut, die Kinder machen das super, aber es ist schon eine große Herausforderung.
BR Klassik: "BOSCO, CAMBINI" heißt das kleine Festival am Wochenende, "ein Familienfest der Fantasie". Was ist da alles los?
Julia Fischer: Eine Menge! Ich habe das nicht allein gemacht, sondern zusammen mit Barbara Schulte von "bosco". Sie hat viele, auch nicht-musikalische Ideen eingebracht. Meine Idee war: Wenn es in einem Ort einen Konzertsaal gibt, dann sollte der einmal im Jahr für Kinder öffnen. Das Publikum von morgen muss man sich auch verdienen und ranziehen. Ich möchte, dass Familien mit Kindern ab drei Jahren kommen können, das Haus sehen und erleben, dass Kultur nahbar wird. Man braucht keine Vorbildung, um mit seinem Kind in ein Konzert gehen zu können. Deswegen gibt es wirklich alles an diesem Wochenende.
Am Freitagabend spiele ich zusammen mit meiner Kollegin, der Geigerin Lena Neudauer, ein Eröffnungskonzert. Darauf freuen wir uns beide sehr, weil wir seit fast 40 Jahren zusammen musizieren. Am Samstag gibt es Puppenspiel, Workshops, und abends findet Kabarett für größere Kinder statt. Am Sonntag dann zweimal "Karneval der Tiere" mit den Kindersinfonikern. Jungstudierende der Hochschule übernehmen die Klavierparts. Ich glaube, das wird eine ganz tolle Sache.
BR Klassik: Verändert sich Ihr musizieren, wenn Sie wissen, im Saal sitzen viele Kinder und Eltern, die vielleicht zum ersten Mal in einem Konzert sind?
Julia Fischer: Ich schaue mir das ehrlich gesagt spontan an. Ich habe mich auch noch nicht entschieden, ob ich etwas zu den Stücken sage oder nicht. Das hängt davon ab, wie alt das Publikum ist. Das beeinflusst, ob man viel sagt, wenig sagt, vielleicht etwas erklärt oder auch nicht, ob man die Instrumente vorstellt. Das Programm ist sehr bunt: Es gibt Kontrabass, Solo-Klavier, die Händel-"Passacaglia" für Geige und Bratsche, die "Kleine Nachtmusik" von Mozart und die "Simple Symphony" von Britten. Es geht einmal quer durchs Repertoire und verschiedene Besetzungen. Es wird für alle etwas dabei sein.
BR Klassik: Sehr griffige Stücke. Inwieweit sind Sie bei der Auswahl auf das besondere Publikum eingegangen?
Julia Fischer: Darauf sind wir sehr eingegangen und haben lange darüber gesprochen, was wir spielen möchten. Es ergibt für mich nicht so viel Sinn, mit einer Brahms-Sonate anzukommen, wenn man Leute im Saal hat, die vielleicht zum ersten Mal in einem Konzert sitzen. Da gibt es Stücke, die sich mehr anbieten. Wir spielen zum Beispiel "Navarra" von Pablo de Sarasate, das ist ein super Stück für zwei Geigen und Klavier, das jedem gefällt. Und die "Kleine Nachtmusik" fängt mit dem bekannten Thema an, da hat man gleich am Anfang einen Wiedererkennungswert. Das hilft, um Grenzen zu überschreiten oder Mauern runterzureißen.
BR Klassik: Spielen Sie die Stücke anders vor Kindern als vor einem Erwachsenenpublikum mit Konzerterfahrung?
Julia Fischer: Nein, das nicht. Wir haben auch genauso ernsthaft geprobt, wie wenn wir in der Philharmonie spielen würden. Das spielt keine Rolle, der Anspruch an uns selbst ist immer gleich. Ich versuche nicht, die Interpretation zu verändern. Lieber suche ich Stücke, von denen ich überzeugt bin, dass sie für dieses Publikum geeignet sind.
BR Klassik: Was würden Sie Eltern sagen, die unsicher sind, ob ihr Kind schon für ein Konzert bereit ist?
Julia Fischer: Ich glaube, Kinder sind nicht von heute auf morgen konzerttauglich. Das ist ein Prozess. Und man braucht in der Erziehung von Kindern einfach Mut und muss mal ausprobieren, was passiert, wenn ich mit meinem Kind ins Konzert gehe. Manche Kinder sind sofort begeistert, andere brauchen mehrere Anläufe, manche sind für 20 Minuten begeistert und möchten dann nach Hause. Das finde ich in Ordnung. Ich glaube, man darf nicht dogmatisch denken: Ich kann mein Kind erst in ein Konzert nehmen, wenn es zwei Stunden still sitzen kann.
BR Klassik: Warum ist es Ihnen wichtig, generationenübergreifend ein Angebot für Kinder und Familien zu bieten?
Julia Fischer: Da gibt es sehr viele Gründe. Ein Grund ist, dass ich mir gesellschaftlich große Sorgen mache. Durch dieses ständige Internet, Instagram, Tik Tok, sind wir nur noch am Bildschirm und leben in einer virtuellen Welt. Das finde ich persönlich dramatisch und schrecklich. Ich möchte alles dafür tun, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. In ein Konzert gehen und mit anderen Menschen gemeinsam etwas erleben – solche Erlebnisse finde ich wichtig. Gerade auch in der Erziehung von Kindern. Deshalb tue ich alles dafür, um junge Menschen ins Konzert zu bekommen, von zu Hause raus, dass sie etwas erleben und neugierig werden.
BR Klassik: Auch Sie durften als Kind wahrscheinlich tolle Konzerte erleben. Gibt es da eines, das Sie besonders geprägt hat?
Julia Fischer: Es gibt zwei Konzerte, an die ich mich sehr erinnere. Ich war mit fünf oder sechs Jahren, zusammen mit Lena Neudauer in einem Konzert. Wir haben den Geiger Itzhak Perlman gehört mit der Sonate von Ravel. Der zweite Satz ist Blues, Jazz und fängt sehr lustig mit Pizzicato an, daran erinnere ich mich sehr genau. Das andere Mal war mit etwa zehn Jahren mit meinem Bruder bei den Münchner Philharmonikern mit Sergiu Celibidache. Daniel Barenboim hat das fünfte Klavierkonzert von Beethoven gespielt und im zweiten Teil "Bilder einer Ausstellung" von Mussorgskij. Meine Eltern haben woanders gesessen und mein Bruder und ich waren beide wahnsinnig stolz drauf, dass wir allein sitzen durften. Wir haben dieses Konzert extrem genossen.
