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Mehr oder weniger demokratisch
Literatur-Marathon im Bosco schildert gesellschaftliche Entwicklungen und vermittelt Zuversicht
Gauting – Mit dem mehr als vierstündigen Lese-Marathon „Demokratie ist schön, macht aber viel Arbeit“ begeisterten Kulturschaffende um den Gautinger Schauspieler Ernst Matthias Friedrich circa 250 Interessierte im fast ausgebuchten Bosco-Saal. Auch Thomas Birnstiel, Daniel Friedrich, Bettina Fritsche, Elisabeth Günther, Johanna Jacobi und Stefan Merki saßen beim Literatur-Marathon auf dem Podium, der Pianist Michael Heigenhuber begleitete die Veranstaltung musikalisch – er war spontan eingesprungen.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, verlas Ernst Matthias Friedrich zum Auftakt. Doch der Weg von der Herrschaft (kratis) des Volkes (demos) im antiken Athen bis zu Artikel eins unseres Grundgesetzes war mühsam: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ schrieb Georg Büchner bereits 1834 im Hessischen Landboten. Und Heinrich Heine beklagte fast zeitgleich die politische Vollversammlung des Hambacher Fests als die „letzten Tage in Freiheit“.
Mit Auszügen aus der Lebensgeschichte „Das Ohr des Malchus“ des Autors Gustav Regler (1898-1963) erinnerte Matthias Friedrich wiederum an den ersten Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern: Kurt Eisner – und damit auch an das blutige Gemetzel beim Untergang seiner Münchner Räterepublik.
Mary Woolstonecraft forderte bereits 1792 in „Verteidigung der Rechte der Frau“ grundlegende Bürgerrechte wie Bildung, politische Teilhabe und Wahlrecht für Frauen, wie Johanna Jacobi betonte. Aber erst zum Ende der Monarchie, nämlich 1918, kam das Frauenwahlrecht. Und in der BRD „darf die Frau erst 1962 ihr eigenes Bankkonto eröffnen“.
Mit dem verfilmten Roman „Wer die Nachtigall stört“, ein flammendes Plädoyer von Harper Lee für Gleichberechtigung und gegen Rassismus in den USA der 1930er-Jahre, warf Friedrich auch einen Brennglas-Blick des amerikanischen Mädchens Scout auf die Judenvernichtung des deutschen Nazi-Staates von Adolf Hitler, „wo die Demokratie an die Wand gefahren wurde“.
Ein Highlight war die Lesung „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ mit Erinnerungen des engagierten DDR-Systemgegners, Stasi-Unterlagenbeauftragten und späteren Bundespräsidenten Joachim Gauck. Applaus gab‘s zum Finale: Mit der Idee „Erd-Demokratie“ der indischen Wissenschaftlerin und Preisträgerin des Alternativen Friedensnobelpreises, Vandana Shiva, sowie dem Text „Liebe Enkel. Die Kunst der Zuversicht“ von Gabriele von Armin vermittelten die Vorleser schließlich die Kraft der Hoffnung, um die Demokratie zu verteidigen.
