Veranstaltungsinfo

Do, 30.01.2020
20.00 Uhr
Literatur
Musik
22,00 / 10,00 €*
* Regulär / bis 25 Jahre


Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.

August Zirner & Sven Faller: Transatlantische Geschichten

Geschichten über Reisen nach innen und außen im Dialog von Flöte und Kontrabass
August Zirner und Sven Faller verbindet ein wundersames Band biographischer Analogien. Während der junge Amerikaner August vor dem Vietnamkrieg nach Österreich flieht - das Land, das seine Eltern auf der Flucht vor den Nazis verlassen hatten - und dort eine große Karriere als Schauspieler beginnt, zieht es den jungen Deutschen, von der amerikanischen Kultur beseelt, nach New York, um sich dort einen Namen als Musiker zu machen. Der jüdische Verlobte seiner Großmutter hatte 1938 den gleichen Weg angetreten und kehrte erst über 30 Jahre später zurück, um sein Eheversprechen einzulösen.

Diese und andere transatlantische Geschichten über den Mythos der deutschen Autobahn, einen deutschen Wandervogel in Hollywood und Reisen nach außen wie innen spinnen die beiden mit Humor und Tiefgang zu einem kurzweiligen Programm. Der spannende musikalische Dialog von Flöte und Kontrabass führt die Geschichten munter fort. Spielerisch beleben Zirner und Faller dabei die Jazzgeschichte von Gershwins „Summertime“ über Duke Ellington und Miles Davis zu Brubecks „Take Five“ auf kammermusikalische Art neu.

AUGUST ZIRNER Flöte, Lesung
SVEN FALLER Bass, Lesung

Der Schauspieler und Grimme-Preisträger August Zirner ist einem breiten Publikum aus über 120 Kino- und Fernsehfilmen vertraut, u. a. der Oscar-prämierte „Die Fälscher“. Acht Jahre war er Ensemble-Mitglied der Münchner Kammerspiele. Zahlreiche Gastspiele führten ihn an die wichtigsten deutschsprachigen Theater, u.a. Wiener Burgtheater, Theater in der Josefstadt und Salzburger Festspiele. Er arbeitete mit Regisseuren wie Peter Stein, Luc Bondy, Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta, Franz Xaver Bogner und Rainer Kaufmann.

Mit seinem melodischen Stil auf dem Kontrabass hat sich Sven Faller international einen Namen gemacht. Viele Jahre lebte und arbeitete er in New York und teilte in seiner beeindruckenden Karriere die Bühne mit namhaften Künstlern wie Larry Coryell, Konstantin Wecker, Pippo Pollina, Philip Catherine, Ulf Wakenius ,Georg Ringsgwandl u. v. a. Mit seinem Album „Night Music“ und dem gleichnamigen Buch hat er sich nicht nur als Komponist, sondern auch als Autor und Geschichtenerzähler etabliert.
Galerie 
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2020

Nach(t)kritik 

Alle wirklich guten Geschichten nehmen ihren Anfang in einer außergewöhnlichen Begegnung. Eine Begegnung wie die der jungen Kaufmannstochter Ella Zwieback aus Wien mit dem Komponisten Franz Schmidt. Wie alle „besseren Töchter“ erhält die künftige Erbin des bekannten Wiener Kaufhauses Maison Zwieback Klavierunterricht, und natürlich verliebt sie sich in diesen jungen Pianisten, doch den Eltern erscheint die Verbindung nicht standesgemäß. „Der Name Schmidt bildete regelrecht ein Decrescendo zum Namen Zwieback“, erzählt der Schauspieler August Zirner. Erzählt weiter, dass die Eltern für Ella stattdessen den Kommerzienrat Zirner zum Gatten wählten. Doch Ella Zirner-Zwieback gab das Klavierspiel auch nach der Heirat nicht auf, spielte sogar vierhändig mit Franz Schmidt. „Sie spielten so intensiv vierhändig Klavier, dass ein Kind daraus entstand“, erzählt August Zirner. Die Geschichte seiner Großmutter und ihrer schicksalhaften Begegnung mit dem Komponisten Schmidt nimmt ihren Fortgang in Amerika, wohin sie mit dem „Kuckuckskind“, das den Namen des Kommerzienrates trägt, auf der Flucht vor den Nazis gerät. Sie wird zu einer „Transatlantischen Geschichte“, in der neben dem großen Teich vor allem die Musik eine große Rolle spielt.

Diese spielt auch in der transatlantischen Geschichte von Gerd Lacoeur eine Rolle. Dieser war in München mit einer jungen Studentin verlobt und musste ebenfalls vor den Nazis fliehen. „In spätestens zwei Jahren ist der Spuk vorüber und ich bin wieder zurück“, versprach er seiner Verlobten und machte sich auf den Weg nach Kalifornien. Leider dauerte der Spuk sehr viel länger, man verlor sich aus dem Augen, Lacoeur fand in Amerika eine andere Frau und vor allem eine ganz andere Musik als die, die er kannte. Drei Jahrzehnte später war die amerikanische Frau gestorben und die Jazzplattensammlung Lacoeurs auf einen Umfang angewachsen, der in mehreren großen Überseekisten Platz fand. Mit diesen reiste er über den Atlantik zurück zu seiner einstigen Verlobten und löste endlich sein Eheversprechen ein. „Mein Großvater brachte den Jazz in meine oberbayerische Kindheit“, erzählt der Musiker Sven Faller. Erzählt weiter, wie ihn diese Musik über den Atlantik nach New York trieb, wo er genau jenen Blues fand, den der junge Amerikaner August auf der Flucht vor dem Vietnamkrieg mit nach Wien nimmt, wo er die Schauspielausbildung absolviert.

Auf dem Kontrabass und der Querflöte werden die transatlantischen Geschichten von August Zirner und Sven Faller hörbar, spürbar. Werke von Duke Ellington, Miles Davis oder George Gershwin erzählen in der ganz besonderen Interpretation dieser beiden Musikphantasten, Geschichtenspieler von besonderen Begegnungen und deren weltumspannenden Folgen. Eine solche Begegnungsgeschichte steht am Anfang dieses ungemein berührenden, großartigen Programms der beiden Ausnahmekünstler: es war bei Dreharbeiten zu einem Film, in dem der Jazz eine gewisse Rolle spielte und beide beteiligt waren. In einer der oft langen Pausen griff Zirner zur Flöte und improvisierte ein wenig zum Zeitvertreib. Sven Faller hörte das und antwortete mit dem Kontrabass. Die beiden gewannen so viel Gefallen an diesem Dialog, dass sie ihn an anderer Stelle fortsetzten und einander auf diese Weise Geschichten erzählten - „Transatlantische Geschichten“. Etwas Besseres als diese hat man lange nicht mehr zwischen den beiden historisch so verflochtenen Kontinenten gehört.