Direkt zum Inhalt

Veranstaltungsinfo

Sa, 20.11.2021
19.00 Uhr
Klassik

tickets@collegium-bratananium.de

Tickets sind zum Preis von 28 Euro (ermäßigt 15 Euro)

 

< Zurück zur Übersicht > Termin im Kalender eintragen
Veranstalter: collegium:bratananium

collegium:bratananium: Mozart-Requiem (in besonderer Fassung)

Nach fast zwei Jahren Pause ist der Kammerchor des collegium:bratananium nun erstmals wieder in voller Besetzung in einem Konzert zu hören: Zusammen mit seinem Dirigenten Johannes X. Schachtner bringt das Ensemble das „Requiem“, die Totenmesse von Wolfgang Amadeus Mozart in einer besonderen Fassung zur Aufführung.

Das „Requiem in d-moll“ aus dem Jahr 1791: Es ist Wolfgang Amadeus Mozarts letzte Komposition – ein Werk, dass zweifelsohne zu den wichtigsten und wirkmächtigsten Werken des klassischen Kanons gehört. Und obwohl durch den frühen Tod des Komponisten keine vollständige Fassung aus des Meisters Händen vorliegt, so etablierte sich bereits wenige Jahre nach Mozarts Ableben eine Version seines Schülers Franz Xaver Süßmayer, der das Werk vervollständigte. Diese Fassung wurde zur Grundlage der Rezeption im 19. Jahrhundert und so entstanden schon wenige Jahre nach der Uraufführung zahlreiche Bearbeitungen, etwa für Klavier zu vier Händen.

In den 1850er-Jahren richtete der Münchner Staatsbeamte Heinrich Ritter von Spengel eine Fassung für Soli, Chor, Streicher und Orgel ein, die sich damals im süddeutschen Raum verbreitete haben dürfte. Aufführungen im 20. Jahrhundert sind nicht belegt. So wird nun diese Bearbeitung anlässlich des Erscheinens der ersten gedruckten Ausgabe im Laurentius-Verlag (Frankfurt) aus ihrem über hundertjährigen Schlaf erwachen und zum ersten Mal in einem Konzert zu hören sein – in deutscher Sprache. In dem Autograph ist neben dem ursprünglichen lateinischen Text nämlich auch eine sehr freie Textübertragung ins Deutsche zu finden, von Christoph Daniel Ebeling aus dem Jahr 1800.

Zuvor erklingen noch drei weitere kurze Werke, allesamt ebenfalls in spannender Neufassung: der in München wirkende Komponist Rudi Spring setzte den lutherischen Choral „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ in eigen-artiger Art und Weise neu und beleuchtet dabei insbesondere die herbe Melodik der Urfassung aus dem 17. Jahrhundert. Als reines Instrumentalwerk wird das „Adagio h-moll“ von Wolfgang Amadeus Mozart aufgeführt, in einer kongenialen Fassung für Streicher von Jonathan Heinrich. Ebenfalls ungewöhnlich werden die bekannten Klänge des elegischen Gesangs zu „Ases Tod“ aus der Schauspielmusik vom Peer Gynt zu hören sein: der junge Bearbeiter und Chorkomponist Paul Johansen schuf eine neue Version für Chor, den Introitus-Text der Totenmesse intonierend: „Requiem aeternam“.

Pressestimmen
Imposante Musik aus zweiter Hand
Pressestimme von Reinhard Palmer
Erschienen in:   Süddeutsche Zeitung - Starnberg

Johannes X. Schachtner und sein Chor führen das Mozart-Requiem in der Fassung von Heinrich Ritter von Spengel auf.

Das Requiem von Mozart ist nicht von Mozart, das ist geklärt. Als es vollendet wurde, war Mozart längst tot. Aber: Das bereits Zu-Papier-Gebrachte und die Skizzen von Themen und Stimmendisposition sind so stark und klar Mozarts Handschrift, dass den Vollendern wohl wenig Spielraum blieb. Mozarts Ideen behaupteten sich gegen unpassende Fremdeinwirkung. Das wurde bei der Aufführung des Requiems in der Fassung von Heinrich Ritter von Spengel mit Streichsextett und dem Volumen verleihenden Orgelpositiv, die im Gautinger Bosco erstmals wieder nach möglicherweise 150 Jahren erklang, durchaus deutlich.

Trotz der sonst nicht gar so meisterlichen Bearbeitung deckt die reduzierte Fassung Feinheiten auf, die klar auf Mozart verweisen. Zumal der Herausgeber der Neuausgabe, Johannes X. Schachtner, am Pult vor dem Kammerchor des collegium:bratananium die bisweilen kammermusikalische Charakteristik zum Anlass nahm, reich und feinsinnig zu differenzieren. Im Grunde ist die Interpretation dieses Requiems ja immer ein Aufspüren Mozarts im vorgegebenen Material. Große Musik ist es immer, unabhängig von der Größe des Ensembles.

In dem Konzert standen Bearbeitungen im Fokus. Das Genre gehörte einst zur alltäglichen Praxis und war nebenbei ein Marketing-Instrument für Verlage, das breiteren Absatz ermöglichte. Aber es ist auch eine Kunst, die man als eine interpretierende verstehen muss, wie sie etwa auch im Theater mit Neuinszenierungen üblich ist. Der Münchner Komponist Rudi Spring nahm sich des Chorals „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ von Martin Luther an, um ausgehend vom homophonen, hymnischen Thema im Unisono-Gesang ein immer intensiveres, polyphones Flehen zu entfachen. A cappella war die Eindringlichkeit in der Uraufführung groß und intensiv, sie erfuhr in der harmonischen, rhythmischen und farblichen Steigerung, die in Springs Chorsatz sehr behutsam angelegt ist, seelentiefen Ausdruck. Paul Johansens Grieg-Bearbeitung „Requiem aeternam“ aus der Schauspielmusik von Peer Gynt ging einen ähnlichen Weg. Schachtner fand in Johansens Material eine Dramaturgie, die mithilfe wechselnder Stimmenkombinationen einen ganz neuen musikalischen Inhalt offenbarte – nun dem Introitus-Text „Requiem aeternam“ adäquat. Die rein instrumentale Bearbeitung führte auch im Kleinen den Beweis für die Selbstbehauptung mozartscher Erfindung. Jonathan Heinrich hatte das Adagio h-Moll – im Original KV 540 für Klavier – einem Streichersextett zugedacht. Hier vollzog sich der Wandel von der dramatischen Einleitung zu einer aufgeheiterten, geradezu galanten Melodik reinster Mozart-Couleur.

Bei seinem Requiem wurde es noch komplexer, denn über den Einsatz des Notenmaterials der Bearbeitung ist offenbar bisher nichts bekannt. Ob die Stimmen solistisch zu besetzen sind oder im Ensemble, ist aus der alten Druckausgabe nicht eindeutig abzuleiten. Die Orgelstimme arbeitete Schachtner selbst für die Neuveröffentlichung aus. Die Einstudierung dieser Version glich also einem Indizienprozess. Worin von Spengel gänzlich von Mozart abwich, war der deutsche Text, eine „sehr freie Nachdichtung“ (Schachtner) von Christoph Daniel Ebeling. Dessen Übersetzung des Händel-Messiah (neben der von Klopstock) hatte Mozart auch schon selbst für seine Bearbeitung genutzt. Die Beziehungen sind also vielfältig.

Der Einsatz eines Chores hat den Vorteil, solistisch besetzte Passagen effektvoller inszenieren zu können. Der Gautinger Kammerchor behielt zudem die kammermusikalische Veredelung auch an Forte-Stellen bei. Dank seiner Disziplin konnte Schachtner selbst scharfe Rhythmisierung sauber umsetzen. Susanne Kapfer (Sopran), Claudia Borchert (Alt), Anselm Sibig (Tenor) und Marc Kaufmann (Bass) waren zwar im Stimmvermögen wie im Ausbalancieren kein homogenes Solistenensemble, doch in der warmen, lyrischen Färbung bestand Einhelligkeit, was die Konsistenz der Interpretation wahrte. So verfehlte das Mozart-Requiem seine imposante Wirkung nicht.