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Veranstaltungsinfo

18.09. - 19.11.2023
19.00 Uhr
Ausstellung

Eintritt frei

Voranmeldung möglich
unter 089 / 452 38 58-0 oder
kartenservice@theaterforum.de

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Veranstalter: Theaterforum Gauting e.V.

Daniel Chatard: Niemandsland

Die Ausstellung Niemandsland bildet Auftakt und Rahmen zu unserem Themenschwerpunkt "Tagebau & Widerstand".

Die Serie Niemandsland beschäftigt sich mit dem Konflikt um die Förderung von Braunkohle im Rheinland, wo der Energiekonzern RWE die Tagebaue Hambach, Garzweiler II und Inden betreibt. Zusammen bilden sie die größte Quelle von CO2-Emissionen in ganz Europa. Für die Vergrößerung der Gruben mussten Felder weichen, Wälder wurden abgeholzt und ganze Dörfer zerstört und umgesiedelt. In diesen Landschaften spiegelt sich die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Allmacht, die der Konzern seit Jahrzehnten auf die Region ausübt.

Seit 2012 formierte sich in der Umweltbewegung Widerstand gegen RWE, der in der Räumung des von Aktivisten besetzten Hambacher Forsts 2018 gipfelte. Auch das Bündnis Ende Gelände lenkt im Rheinland immer wieder durch Aktionen zivilen Ungehorsams die Aufmerksamkeit auf ihre Forderung globaler Klimagerechtigkeit. Die Umweltbewegung und deren Erfolg, den verbleibenden Rest des Hambacher Forsts zu retten, gab auch den Bewohner*innen von sechs verbleibenden Dörfern Mut, gegen deren Umsiedlung zu kämpfen. Die 2021 beschlossene Rettung von fünf dieser Dörfer hinterlässt geteilte Dorfgemeinschaften, von denen ein Großteil bereits am Umsiedlungsstandort lebt.

Deutschland will nun bis zum Jahr 2030 die Kohleverstromung beenden. Anhand des beschriebenen Konfliktes um den Raum wird der aktuell in Deutschland herrschende Konflikt zwischen Umwelt- und Wirtschaftsinteressen untersucht und der Anfang vom Ende des Zeitalters der Kohle in Deutschland dokumentiert.

Biografie
Daniel Chatard (*1996 in Heidelberg) ist ein deutsch-französischer Fotograf. In seinen Projekten beschäftigt er sich mit Themen rund um unsere Umwelt, kollektive Identität und Trauma. Insbesondere interessiert er sich dafür, wie sich diese in der Landschaft manifestieren. Er beschreibt seine Arbeit als involvierte Dokumentation, in der er seine eigene Beziehung zu seinen Themen zum Teil der Arbeit macht und kollaborative Ansätze nutzt, um neue Erkenntnisse zu schaffen.

Er studierte Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover und absolvierte 2018 ein Austauschsemester an der journalistischen Fakultät der Tomsk State University in Russland. Derzeit studiert er mit einem Stipendium des DAAD im Master Photography & Society an der Königlichen Akademie der Künste in Den Haag.

Seine Arbeiten wurden in verschiedenen internationalen Medien veröffentlicht, darunter National Geographic, The British Journal of Photography, Die ZEIT und 6mois. Er wurde mit dem Deutschen Jugendfotopreis ausgezeichnet und erreichte den 2. Platz des Deutschen Fotobuchpreises, war Finalist des Leica Oskar Barnack Awards und wurde für den Prix Pictet nominiert.

 

Programm zur Ausstellungseröffnung
Fotograf Daniel Chatard spricht über das Konzept der „creeping crisis“ und dessen Übertragbarkeit auf die Krise des Klimawandels, der besonders durch die Verbrennung von Braunkohle angetrieben wird.

 

Programm zum Themenschwerpunkt "Tagebau & Widerstand"

Ausstellungseröffnung & Vortrag Mo 18.09.2023 | 19:00 | Eintritt frei, Voranmeldung möglich
Film Di 17.10.2023 | 20:00 | Eintritt frei, Voranmeldung möglich
Workshop Mi 25.10.2023 | 19:00 | Eintritt frei, Voranmeldung möglich
Lesung Fr 27.10.2023 | 20:00 | € 15 / € 8
Ausstellungsführung So 19.11.2023 | 14:00 | Eintritt frei, Voranmeldung möglich
Dauer der Ausstellung Bis So 19.11.2023 zu den Öffnungszeiten des bosco und während der Abendveranstaltungen für Gäste der entsprechenden Veranstaltung

Der Besuch unserer Ausstellungen während der Öffnungszeiten des bosco ist frei.

Nach(t)kritik
Abrissbirne gegen die Gewöhnung
Nach(t)kritik von Sabine Zaplin

„Traurig, aber nur für den, der es versteht“, hat Willy unter das Foto des gigantischen Braunkohle-Tagebaugebiets mit dem riesigen Bagger am Rand des Gebiets geschrieben. Willy musste dem Tagebau weichen: sein Dorf wurde umgesiedelt, sein Haus zerstört. „In der neuen Heimat noch nicht angekommen“, schreibt er zu einem anderen Foto, das die Neubauten im Ersatz-Dorf zeigt. „Niemandsland“, heißt die Ausstellung mit Bildern des deutsch-französischen Dokumentarfotografen Daniel Chatard, mit der das bosco in die neue Spielzeit startet.

Das Thema könnte aktueller kaum sein. Daniel Chatard dokumentiert in seinen analog fotografierten Bildern den Zusammenhang zwischen Energiebedarf und Umweltzerstörung anhand von - scheinbaren - Momentaufnahmen: ein leerstehendes Baumhaus im Hambacher Forst; eine fast klinisch weiße Neubau-Siedlung mit identischen Fertighäusern; Polizisten in voller Montur und mit Helmen, die einen sehr zart wirkenden Demonstranten wegtragen; Menschen auf einem Aussichts-Plateau über der vom Tagebau zerfrästen, zerstörten Landschaft. Alle Aufnahmen entstanden rund um die Tagebaue Hambach und Garzweiler II und zeugen vom Ausmaß des Konfliktes: ein Alltag auf dem fragilen Boden des einst begehrten und längst umstrittenen Rohstoffs.

Die Kommentare des Zeitzeugen sind in einem Buch zu finden, in dem Daniel Chatard seine Fotografien zusammengestellt und den Menschen der Region vorgelegt hat. In ihren teils anonymen Kommentaren sprechen sie aus, was viele von ihnen öffentlich nie zu sagen gewagt haben: ihre Ängste, ihre Beobachtungen, auch ihre Wut. Denn der Widerstand gegen die Zerstörung war nicht von Anfang an da, er wuchs erst allmählich - so wie auch die Erkenntnis, an einer Abbruchkante zu leben, sich erst von der Gewöhnung an diesen Zustand lösen musste.

Diesen Prozess der allmählichen Gewöhnung an eine Krise und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, erläutert Chatard in seinem Vortrag am Tag der Ausstellungseröffnung anhand des Begriffes der „Creeping Crisis“. Die Wissenschaftler Arjen Boin, Magnus Ekengren und Mark Rhinard benennen mit diesem Begriff das Phänomen des langsamen, aber stetigen Anschwellens einer kritischen, gefährlichen Lage, die aufgrund ihrer Beschaffenheit als „Hintergrundrauschen“ kaum wahrgenommen wird. Willy, der Tagebau-Zeitzeuge, erklärt es am Beispiel eines Autounfalls: wer bei einem lauten Crash sich Arme, Beine und auch noch die Nase bricht, landet auf der Inetnsivstation und wird mit großer Aufmerksamkeit behandelt; wer sich hingegen einmal ein Bein und Jahre später einen Arm und noch etwas später die Nase bricht, wird eher behandelt nach dem Motto „Unkraut vergeht nicht“.

Vor diesem Hintergrund werden die Bilder der Ausstellung „Niemandsland“ zu stummen Zeugen einer Creeping Crisis. Doch wer genau hinsieht, hört sie laut schreien. Am lautesten schreit das Bild, auf dem die Abrissbirne in ein altes Kirchengebäude hineindonnert. Alle haben seit Jahrzehnten gewusst, dass dieser Moment kommen wird. Doch erst, als die Kirche dem Tagebau-Bagger weichen muss und in sich zusammenstürzt, wird die schleichende Krise zur realen Bedrohung. Wird wahrgenommen. Und da die Kirche längst verschwunden ist, braucht es Ausstellungen wie diese, die einen Widerhaken setzen in der schleichenden Krise der Unaufmerksamkeit.

Galerie
Bilder der Veranstaltung
Mo, 18.09.2023 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.