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Veranstaltungsinfo

So, 20.09.2020
20.00 Uhr
Klassik

27,00 / 15,00
* Regulär / bis 25 Jahre | Wir führen eine Warteliste im Theaterbüro
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Veranstalter: Theaterforum Gauting e.V.

Edgar Moreau, Violoncello & David Kadouch, Klavier: Mendelssohn und Bruch

Den Cellist Edgar Moreau und den Pianist David Kadouch verbindet eine mehrjährige erfolgreiche Zusammenarbeit. Die beiden vielversprechenden jungen Musiker sind nun gemeinsam zu Gast im bosco.

Edgar Moreau, 1994 geboren, studierte in der Klasse von Philippe Muller am Conservatoire national supérieur de musique in Paris und an der Kronberg Academy bei Frans Helmerson. Im Alter von nur 17 Jahren gewann Edgar Moreau den zweiten Preis beim Internationalen Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau (2011) und zuvor den Young Soloist Prize beim Rostropowitsch-Cello-Wettbewerb in Paris (2009). Er war “Solist des Jahres 2015” der Victoires de la Musique in Frankreich und "Young Concert Artist” in New York 2014. 2016 erhielt er den „ECHO Klassik“ als Nachwuchskünstler des Jahres. Kritiker rühmen nicht nur die stupenden technischen Fertigkeiten des jungen Franzosen, sondern auch seine gestalterische Reife und die Natürlichkeit seines Spiels. Alle großen Cellokonzerte gehören bereits zu seinem Repertoire.

David Kadouch, geboren 1985, begann sein Klavierstudium am Konservatorium von Nizza bei Odile Poisson. Im Alter von 14 wurde er einstimmig in die Klasse von Jacques Rouvier am Pariser Conservatoire aufgenommen. Nach einem ersten Preis mit Auszeichnung trat er in die Klasse von Dmitri Bashkirov an der Musikhochschule Reina Sofía in Madrid ein, wo er seine Ausbildung fortsetzte. Daneben perfektionierte er sein Spiel bei großen Meistern wie Murray Perahia, Maurizio Pollini, Maria-Joao Pires, Daniel Barenboim, Vitaly Margulis, Itzhak Perlman und Elisso Virsaladze. Schon früh wurde Itzhak Perlman auf ihn aufmerksam und lud ihn ein, unter seiner Leitung an der Metropolitan Hall in New York zu spielen. Im Alter von 14 Jahren trat er am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau, und im Jahr 2008 in der Carnegie Hall in New York auf. David Kadouch war 2010 „Nachwuchskünstler des Jahres“ bei den Victoires de la Musique und wurde 2011 bei den Classical Music Awards als "Young Artist of the Year" ausgezeichnet.

Programm
MENDELSSOHN Sonate Nr. 1 B-Dur, op. 45 für Violoncello und Klavier
BRUCH Kol Nidrei op. 47 für Violoncello und Klavier
MENDELSSOHN Sonate Nr. 2 D-Dur, op. 58 für Violoncello und Klavier

Hinweis zur Programmänderung:
Aufgrund der aktuellen Situation in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie findet das Konzert ohne Pause statt und eine Anpassung des Programms war daher erforderlich. Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis.

 


Pressestimmen
Mendelssohn für Entdecker
Pressestimme von Reinhard Palmer
Erschienen in:   Süddeutsche Zeitung - Starnberg

Edgar Moreau und David Kadouch suchen im Bosco nach den jüdischen Wurzeln des Komponisten

Frankreich brachte schon immer großartige Musiker hervor – aber so stark wie in den vergangenen 20 Jahren waren die Grande Nation wohl nie zuvor in der Weltelite vertreten. Auch der gerade mal 26-jährige Cellist Edgar Moreau heimste schon einige Preise und Auszeichnungen ein, mit 17 gewann er sogar den Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau. Ähnlich schaut die Vita des neun Jahre älteren Pianisten David Kadouch aus, der schon für Größen wie Murray Perahia und Lang Lang eingesprungen ist. Kurzum: Eine bessere Wahl konnte das Klassikforum im bosco kaum treffen, um nach der langen Corona-Pause wieder durchzustarten. Mit der vorgeschriebenen, begrenzten Zahl an Zuhörern und der lockeren Sitzordnung war die Akustik zwar nicht optimal, doch das kulturell ausgehungerte Publikum ließ sich den Abend nicht verderben.

Auch im Repertoire sollte es so richtig in die Vollen gehen. Vor allem dank Mendelssohns Cellosonaten wurde das Publikum bestens mit bravouröser Virtuosität, aber auch höchster Musikalität versorgt, zumal Moreau und Kadouch mit spieltechnisch reich differenzierter Klangsubstanz zur Sache gingen. Für Mendelssohn gehörte Kammermusik mit Klavier zur „Claviermusik“, die er „die rechte Kammermusik“ nannte und mit halsbrecherischem Klavierparts versah. So konnte er sich als genialer Pianist mit eigenen Werken als Interpret profilieren. Bei Mendelssohns zuhause übernahm sein Bruder Paul den Cellopart: ein Bankier, der vortrefflich sein Stradivari-Cello spielte. Doch im Bosco verfolgten die beiden Franzosen mit ihrem speziellen Programm eher eine inhaltliche Idee. Mit „Kol Nidrei“, einem Adagio nach hebräischen Melodien von Max Bruch sowie „Prayer“ aus der Suite „From Jewish Life“ von Ernest Bloch als Zugabe lag der Fokus auf jüdischer Musik, die es wohl bei Mendelssohn, dem protestantisch getauften Juden, noch aufzudecken gilt. Auch wenn sich der Komponist zeitlebens mit der jüdischen Kultur auseinandersetzte, finden sich in seinem musikalischen Werk davon kaum Spuren. Die Programmkonzeption von Moreau und Kadouch schien darauf angelegt, dies zu hinterfragen. Ein berechtigter Gedanke, dem bis dato kaum jemand nachging – und ein spannendes Vorhaben.

Kompositionstechnisch eher an Bach und die Wiener Klassik angelehnt lieferten die beiden Cellosonaten auf den ersten Blick nicht das geeignete Material. Doch das Duo wurde im leidenschaftlich-inbrünstigen Gesang des Cellos fündig, hinter den sich das Piano zurückzog. Kadouch tat dies mit meisterhafter spieltechnischer Differenzierung, die trotz des dichten Klaviersatzes stets leicht und meist non legato für perlende Frische sorgte. So brachte das Duo eine Spannung in die Interpretationen, die auf dem Kontrast zwischen schlankem Klavier und dem dichten, substanzvollen Cellogesang basierte. Eben in der Art, wie es Bruch in „Kol Nidrei“ mit sakral-inbrünstiger Ausdruckskraft kompositorisch angelegt hatte.

Insgesamt betrachtet stellten sich weit mehr Fragen, als im Konzert beantwortet wurden. Etwa nach der Herkunft von Mendelssohns Idee der Lieder ohne Worte, die auch in den Cellosonaten immer wieder für weite Spannungsbögen sorgten und in ihrer ernsten Charakteristik von Moreau mit expressivem Nachdruck formschön dargeboten wurden. Oder im wehmütigen Andante-Intermezzo der ersten Sonate; vor allem aber im feierlich-sakral ausgebreiteten Adagio des Opus 58, das Kadouch nun gewichtiger mit dem imitierten Orgelchoral eröffnete. Das hatte eine Ambivalenz, die man auch im Elfenreigen des Allegretto scherzando erkennen konnte.

Lässt sich dieser geheimnisvolle, ja mystische Zauber als Klezmer in romantischer Harmonik betrachten? Moreau und Kadouch legten sich da zwar nicht fest, zumal die Präzision im Zusammenspiel einem möglichen musikantischen Impetus entgegenwirkte. Aber vom Tisch war das Thema deswegen nicht, zumal das Duo zur Einleitung des Schlusssatzes noch einmal den aufwühlenden Gesang bemühte, bevor man mit einem virtuosen Feuerwerk im Finale definitiv die Euphorie des Publikums entfachte.

Nach(t)kritik
Inbrunst jüdischen Gesangs
Nach(t)kritik von Reinhard Palmer

Endlich wieder ein Klassikforum-Konzert! Dieser Gedanke war hier deutlich präsent, wenn auch unausgesprochen. Die lockere Verteilung des zahlenmäßig reduzierten Publikums tat der Konzertatmosphäre keinen Abbruch. Der Akustik hingegen schon. Wer hier das Cello als allzu dominant empfand, möge dies berücksichtigen. Das war insofern etwas unglücklich, da gerade für Mendelssohn sein Instrument, das Klavier, als die tragende Stimme in diesen Cellosonaten wahrnehmbar sein sollte. „Zudem ist ein ganz bedeutender und mir sehr lieber Zweig der Claviermusik, Trios, Quartetten und andere Sachen mit Begleitung, so die rechte Kammermusik, jetzt ganz vergessen und das Bedürfniß, mal was Neues darin zu haben, ist mir gar zu groß. Da möchte ich auch gern etwas dazu thun“, schrieb er 1838 an seinen Freund und Komponistenkollegen Ferdinand Hiller kurz bevor er die B-Dur-Cellosonate op. 45 ersann.
„Claviermusik“ also, in der sich allerdings das Cello gut zu behaupten weiß, wie Edgar Moreau bewies. Aber David Kadouch dachte am Flügel auch gar nicht daran, hier fulminant aufzutreten, wie es einst offenbar Felix Mendelssohn wohl selbst tat. Kadouchs non legato perlte schlank und ganz leggiero, er zog dichte Linien erst dann, wenn die Melodiestimme zu übernehmen war. Aber da gab es auch die dramatischeren Momente, in denen ein ordentliches Zupacken und mit großen Akkorden Protzen ausdrücklich gewollt war und von Kadouch auch keinesfalls vernachlässigt wurde. Kurzum: Der pianistische Part hatte von Mendelssohn mehr gestalterische Mittel auf den Weg bekommen als das Cello, das vor allem im Sinne der Lieder ohne Worte weite melodische Linien zu ziehen hatte. Moreau tat das mit Leidenschaft und satter Substanz, die er bei jedem Ton formschön zu modellieren vermochte.
Man könnte denken, Mendelssohn hätte im jugendlichen Übermut den Klavierpart seiner ersten Cellosonate so virtuos ausgestattet. Doch die fünf Jahre später entstandene, reifere Cellosonate D-Dur op. 58 sah auch keinen bescheideneren Klavieranteil vor. Ausgewogener wurde der instrumentale Satz dennoch, allerdings nun mit einem bravourösen und forscheren Cellopart. Und das französische Duo Moreau und Kadouch nahm das Angebot beherzt an und wirbelte in den schnellen Sätzen, vor allem im Schlusssatz, schon ordentlich herum. Aber Mendelssohn verstand auch, seine Hörer zu verzaubern. Seine Elfen des Sommernachtstraums waren hier vor allem im Allegretto scherzando unterwegs, die Moreau und Kadouch mit viel Fingerspitzengefühl in ein legendenhaftes Gewand kleideten.
Die langsamen Passagen und Sätze sprachen aber eine andere Sprache. Die Trio-Cantilene im Scherzo, das sakral anmutende Adagio und auch die aufgewühlt wogende Einleitung des Schlusssatzes sangen stets mit großer Inbrunst, Leidenschaft und beseelter Ausdruckskraft. Im Kontext des Programms mit Max Bruchs „Kol Nidrei“ (Adagio nach jüdischen bzw. hebräischen Melodien) sowie mit der Zugabe von Ernest Bloch, dem „Prayer“ aus der Suite „From Jewish Life“ (Cleveland 1925), drängte sich die Frage nach dem Einfluss jüdischer Musik auf Mendelssohns Kompositionen geradezu auf. Interessierte den christlich erzogenen Musiker seine Herkunft? Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums und selbst Nachfahre der Mendelssohns, gab darauf in einem Aufsatz eine Antwort: „Beide, Hiller wie Mendelssohn, hat ihre jüdische Herkunft zeit ihres Lebens stark beschäftigt. Das Christentum war für sie Bekenntnis, aber es bedeutete nicht, dass sie durch ihre Konversion zum Christentum zu Gegnern des Judentums geworden wären. Was sie, jeder auf seine Weise, in ihrer Person verkörperten, war die Sichtweise und Gefühlswelt des getauften Juden, für den das Judentum nach wie vor ein wichtiger Teil seiner Identität bleibt.“
Ein Aspekt, dem Moreau und Kadouch mit der Programmkonzeption offensichtlich nachgingen. Zwar waren traditionelle jüdische Elemente in den beiden Mendelssohn-Cellosonaten nicht herauszuhören, doch in der Spielweise vor allem Moreaus klang eine Verwandtschaft zu Bloch und Bruch deutlich an. Ein erhellender Einblick, der darauf verweist, wie viel es in Mendelssohns Musik noch zu entdecken gibt.