Veranstaltungsinfo

Do, 17.10.2019
20.00 Uhr
Jazz
22,00 / 10,00 €*
* Regulär / bis 25 Jahre

Enders Room: Hikikomori

Johannes Enders beschreitet mit seinem Projekt Enders Room stilistische Pfade, die sich weit aus der Ästhetik von Jazzmusik heraus bewegen und eine hypnotische elektronische Musik ermöglichen.
Saxophonist Johannes Enders betreibt seit Jahren eine Art Laboratorium namens Enders Room. Hier beschreitet er stilistische Pfade, die sich weit aus der Ästhetik von Jazzmusik heraus bewegen und eine hypnotische elektronische Musik ermöglichen. Mitunter veredelt Enders seine im eigenen Studio gebauten und programmierten Stücke auch als Improvisator. Im Kern sind sie jedoch so etwas wie ein privates Klanguniversum, bei dem jeder Sound, jeder Beat und jedes kleinste Detail zu einer musikalischen Sprache beitragen, die unverwechselbar Enders Room ausmacht.
 
Am ehesten könnte man die Musik des mit dem SWR Jazzpreis ausgezeichneten Projektes Enders Room vielleicht als eine Melange aus all den Einflüssen bezeichnen, die in den letzten 51 Jahren durch das Gehirn des Masterminds Johannes Enders geflossen sind: auf der einen Seite seine Erfahrungen aus unzähligen Konzerten und CD-Aufnahmen mit Jazzgrößen wie Billy Hart, Lee Konitz, Kenny Wheeler, Richie Beirach, Bobby Hutcherson, Jerry Bergonzi, Wolfgang Muthspiel, Joe Lovano , Hank Jones u.v.a.; auf der anderen Seite Begegnung und Kooperationen mit so unterschiedlichen Künstlern wie The Notwist, Tied & Tickled Trio, Console, Peter Kruder, JBBG, Rebekka Bakken, Nils Petter Molvaer, Fauna Flash oder Nana Mouskouri - all diese gepaart mit seinem Faible für Science-Fiction-Romantik, elektronischer Musik und analoger Klangästhetik.
 
Auf der Suche nach Antworten auf die ältesten Fragen der Menschheit unterstützen Ihn seine neue Band mit alten und neue Weggefährten: Deutschlands zurzeit aufregendster Trompeter Bastian Stein, Notwists Vibraphonist Karl Ivar Refseth, die Schweizer Groovemeister Wolfgang Zwiauer mit dem Pfund am Bass und Wizzard Gregor Hilbe am Schlagzeug und an der Elektronik.

JOHANNES ENDERS tenor sax
BASTIAN STEIN trumpet
KARL IVAR REFSETH vibraphone
WOLFGANG ZWIAUER electric bass
GREGOR HILBE drums, electronic



Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2019

Nach(t)kritik 

Bereits vor 17 Jahren hatte die „Jazz-Zeitung“ eine Überschrift gefunden, die bis heute Gültigkeit besitzen dürfte: „Johannes Enders und die Sehnsucht nach dem eigenen Sound“. Die stilistische Experimentierfreude war bei dem Weilheimer Saxophonisten schon immer derart produktiv, dass seine Discografie mittlerweile über 30 Titel aufweist. Das seit 2002 bestehende Format „Enders Room“ ist dabei sozusagen das Planschbecken, in dem sich der inzwischen 52-Jährige tummelt – jetzt stellte der einst in München, Graz und New York ausgebildete Musiker sein im Sommer auf CD eingespieltes Projekt „Hikikomori“ im Bosco vor. Der japanische Begriff umschreibt laut Enders „Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen und auf Bildschirme starren“. Man darf bei der kompositorischen Entsprechung des Wortes also entweder eine geschlossene Form mit Variationen vermuten oder aber ein musikalisches Spiegeln der (un)freiwilligen Abschottung eines Menschen von der äußeren Welt – als Konzept wäre derlei modernes Eremitentum ein spannender Ansatz, als einzelner Musiktitel wie bei Enders Room“ ist „Hikikomori“ radikal, in der Wirkung überwältigend und geradezu hypnotisch.

Johannes Enders, dem die Kritik seit "Notwist"-Zeiten einen „holzigen, weichen“ Saxophon-Ton attestiert, versammelt in seinem „Room“ bzw. Labor aktuell den E-Bassisten Wolfgang Zwiauer, den Trompeter Bastian Stein, Gregor Hilbe an den Drums und elektronischen Effekten sowie den aus Norwegen kommenden Vibraphon-Virtuosen Karl Ivar Refseth. Der eingangs erwähnten Experimentierlust sind mit einer solchen Besetzung schon mal keine Grenzen gesetzt: Der im Herzen „wienerisch“ gebliebene Kölner Bastian Stein bekommt genügend „Auslauf“ für ausgedehnte Solo-Passagen im Stile eines Miles Davis, Karl Ivar Refseth darf mannschaftsdienliche Vibraphon-Akzente setzen, die man diesem normalerweise „solistischen“ Instrument eher nicht zutrauen würde, und die Drum & Base-Abteilung mit Zwiauer und Hilbe bildet den gut geölten „Maschinenraum“ der ausladenden Stücke. Enders fühlte sich beim aufmerksamen Bosco-Publikum offenkundig sehr wohl und sagte in seiner trockenen Art ziemlich bald den Satz: „Wir fühlen uns schon jetzt zu Ihnen hingezogen.“ Ansonsten waren die Ansagen knapp gehalten – die Musik sollte für sich selber sprechen. Titel wie „Notre Dame“ oder „Old Promise“ luden zum Assozieren ein, bewahrten sich aber ihr privates Geheimnis. Man kann es gleichwohl spüren, wenn „Enders Room“ bei seiner komplexen und bis zu 25 Minuten langen Suche nach dem Momentum (oder gar dem „Stein der Weisen“) fündig wird: Dann greifen sämtliche Elemente ineinander, finden Saxophon und Trompete ihre Parallelität. Alles kreist dann um einen thematischen Kern, zu dem die Musiker auch aus größeren Umlaufbahnen immer wieder zuverlässig zurückkehren. Die von Gregor Hilbe zum variationsreichen (Hand- und Sticks-)Drumming ergänzend bediente Elektronik mit laptopgenerierten Beatbox-Effekten und Loops erzeugt zusammen mit dem E-Bass jene emotionale Grundierung, die Enders, Stein und Refseth für ihre kühnen Expeditionen brauchen – im Hör-Ergebnis darf vermutet werden, dass Enders auf der Sehnsuchtssuche nach dem „eigenen Sound“ fündig geworden ist. Und immer dann, wenn die Zuhörer ahnungsvoll ein solches nahezu erlösendes Gelingen erleben, gibt es dafür vollkommen zu Recht enthusiastischen Beifall. Wenn man Johannes Enders fragt, darf auch das Bosco-Publikum gerne das heimische Zimmer verlassen und wiederkommen.





 

Pressestimmen 
Das Projekt "Enders Room" im Gautinger Bosco

Diese Musikrichtung als Elektrojazz zu bezeichnen, wäre wohl zu weit gegriffen. Trotzdem ist der Einfluss der Elektronik in diesem Dauerprojekt des Saxofonisten Johannes Enders bestimmend dafür, was sich in diesem gedachten Raum abspielt: Sie sorgt mit ihrer hypnotischen Wirkung für eine psychedelische Kühle, mit Hall und visionären Weiten.

"Enders Room" ist aber ein offener Raum, ein Freiraum für Möglichkeiten, in dem immer wieder neue Konstellationen ersonnen und ihre Potenziale ausgelotet werden. Und er ist abhängig von den mitwirkenden Musikern, die in der aktuellen Zusammenstellung im Gautinger Bosco schnell einen Draht zum Publikum fanden. Eine CD-Vorstellung war es noch nicht, mit den neuesten Titeln aber ein Vorgeschmack auf die aktuell entstehende Produktion, die zum Jahresbeginn 2020 erscheinen soll.

Auch wenn die Musik bisweilen entrückt wirkte, war ihre Thematik konkret und absolut irdisch. "Hikikomori" war der Abend überschrieben, und so heißt auch ein Song, der wohl der CD den Titel geben wird. Das freiwillige Entsagen der Welt meist zugunsten einer virtuellen Existenz im Cyberspace, wofür das japanische Wort erfunden wurde, ist ein um sich greifendes Phänomen, das symptomatisch für den global zu beobachtenden Realitätsverlust steht.

Der irrsinnige Trip, den die Musiker als eine Odyssee durch alle Stufen des Wahnsinns und des Abdriftens ins Virtuelle charakterisierten, war schon eine abenteuerliche Expedition von entsprechender Länge. Generell sind die Stücke in Enders Room meist ausgedehnt, nehmen sich die nötige Zeit, thematische Szenarien von der Atmosphäre her sorgsam auszuformen.

In "Hikikomori" begann alles mit dem sperrigen Trommeln von Gregor Hilbe, der neben seinem reichhaltigen Schlagwerkset bisweilen auch für die elektronischen Hilfsmittel zuständig war, die allerdings erst im Schlussteil ihre Wirkung entfalten sollten. Das dunkle, bedrohliche Grollen verstärkte E-Bassist Wolfgang Zwiauer. Die schrille Note brachten die sich immer wieder aneinander reibenden Bläser ein. Neben Enders am Tenorsaxofon sorgte Bastian Stein - derzeit offiziell in Elternzeit, daher auf der Bühne rar - an der Trompete fürs nötige Schmetterblech. Wie Stein kommt auch der Norweger Karl Ivar Refseth ursprünglich von der klassischen Musik her. Nach einem klassischen Schlagzeugstudium und Orchesterarbeit spezialisierte er sich aufs Jazz-Vibrafon. Sein klassisches Vorleben nahm er aber mit, vor allem in Form ausgeklügelter Spieltechniken, mit denen er raffinierte Klangeffekte zu erzeugen verstand. Passend dazu hob er mit bogengestrichenen Klangplatten immer wieder in magisch-gläserne Klangsphären ab.

In "Hikikomori" galt es aber zunächst, ein wildes Solo hinzulegen, das wohl die letzte Steigerung vor dem Filmriss darstellte. Was folgte, war ein wirkungsvolles Mittel, das in mehreren Stücken des Ensembles vorkommt und knapp dosiert immer wieder für enorme Wirkung sorgte. Gemeint ist eine dramaturgische Entwicklung von sinnlichen Klangexperimenten, die sich allmählich konkretisieren, bis sich über einzelne Soli eine beherzte Tonsprache entwickeln, die zu ekstatischer Fülle anwächst. So auch in "Hikikomori", hier sogar zweimal hintereinander, wobei der Nachsatz einen geradezu rituellen Charakter erhielt: ein irrer Tanz ums goldene Kalb mit einem handgeklatschten, elektronisch und perkussiv angereicherten Chorus zum Schluss.

In diesem Stück griff das Ensemble so ziemlich alles auf, was vorher in einzelnen Kompositionen schon vereinzelt zur Sprache gekommen war: etwa die groovige Unterlage mit geschärften Oberstimmen in "Old Promis", die Entwicklung klangexperimenteller Sphärik zur kernigen Konkretisierung in "Notre-Dame" oder auch der melodische Gesang der Oberstimmen über einer dichten Unterlage aus Schlagwerk, Bass und monotonen Vibrafon-Figuren in "Reconciliation". Alle diese Konzepte erwiesen sich als überaus ansprechend und unschlagbar darin, das Publikum euphorisch zu stimmen. Zwei ausgedehnte Zugaben.