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Veranstaltungsinfo

Fr, 01.03.2024
20.00 Uhr
Schauspiel

30,00 / 12,00

Regulär / bis 25 Jahre

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Veranstalter: Theaterforum Gauting e.V.

Euro Studio Landgraf: "Gott" von Ferdinand von Schirach

In "Gott" stellt Ferdinand von Schirach eine zentrale Frage in Bezug auf die menschliche Freiheit und Selbstbestimmung: Darf man jemandem bei einer Selbsttötung helfen?

Das Stück wird empfohlen für Erwachsene und Jugendliche ab 15/16 Jahren.

In seinem zweiten Theaterstück widmet sich Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach, der mit „Terror“ bereits große Erfolge feierte, erneut einem Thema von höchster gesellschaftspolitischer Brisanz. In „Gott“ stellt er eine zentrale Frage in Bezug auf die menschliche Freiheit und Selbstbestimmung: Darf man jemandem bei einer Selbsttötung helfen? Seit dem Gerichtsurteil des Bundesverfassungsgerichtes vom Februar 2020, das den bestehenden Paragrafen 217 des Strafgesetzbuches für verfassungswidrig erklärt hat, erschien diese Frage vermehrt in den Schlagzeilen und wurde kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert.

Am Ende des Theaterstückes entscheidet das Publikum, und zwar über einen konkreten Fall: Richard Gärtner, 78 Jahre alt, will sich das Leben nehmen. Um dies für seine Begriffe würdevoll tun zu können, fordert er das Betäubungsmittel Pentobarbital, das ihm nur eine Ärztin oder ein Arzt geben kann. Soll er es bekommen? Zuvor erlebt das Publikum, wie in einer Sitzung des Ethikrats rechtliche, moralische, politische, christliche und persönliche Aspekte dieses hochaktuellen Themas zur Sprache kommen und darum gerungen wird, den richtigen Weg zu finden. In dieser Frage stehen zwei Prinzipien gegeneinander, die beide grundlegend unsere Gesellschaft charakterisieren: Auf der einen Seite das Selbstbestimmungsrecht der und des Einzelnen und auf der anderen Seite der Schutz des Lebens sowie die Verantwortung und Fürsorge gerade gegenüber einer Person, die Unterstützung braucht. 

Wie die Zuschauer*innen des Stücks "Gott" an welchem Abend abgestimmt haben, wird bundesweit auf der Website gott.theater veröffentlicht: Der Bühnenverlag Kiepenheuer trägt alle Ergebnisse sämtlicher Theatervorstellungen anschaulich auf einer Europakarte zusammen.

Regie MIRAZ BEZAR 
Ausstattung STEPHAN MANNTEUFFEL
Mit ERNST WILHELM LENIK, KLAUS MIKOLEIT, KARIN BOYD, CHRISTIAN MEYER, WOLFGANG SEIDENBERG, MARTIN MOLITOR, SUSANNE THEIL

Für Erwachsene und Jugendliche ab 15/16 Jahren.
Einführung
19:15 Uhr
Dauer 1.30 Std., mit Pause

Nach(t)kritik
Wem gehört der Tod?
Nach(t)kritik von Sabine Zaplin

Warum habe ich am Ende der Vorstellung von „Gott“ die Tür mit der Aufschrift „Ja“ gewählt? Ich habe damit einem Suizid zugestimmt. Die Gründe dafür liefert die Inszenierung von Miraz Bezar, der mit dem Ensemble, bestehend aus Ernst Wilhelm Lenik, Klaus Mikoleit, Ksrin Boyd, Christian Meyer, Wolfgang Seidenberg, Martin Molitor, Pia Hänggi und Susanne Theil das Theaterstück des Schriftstellers und Juristen Ferdinand von Schirach auf die Bühne des bosco gestellt hat.

Darin geht es um nichts Geringeres als die Frage, wem das eigene Leben gehört: dem Menschen selber, seinen Angehörigen, dem Staat, der Kirche oder Gott? Ferdinand von Schirach hat das Verfassungsrechtsurteil vom Februar 2020 zum Anlass genommen, in seinem Theaterstück eine fiktive Sitzung des Ethikrats darüber debattieren zu lassen, wie die Aufhebung des Verbots der Suizid-Beihilfe zu werten sei. Ebenso fiktiv ist der Hintergrund für diese Sitzung: der 78-jährige Witwer Richard Gärtner möchte von seiner Hausärztin das Mittel zum Suizid erhalten. Er leidet nicht an einer Krankheit, ist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und kann über beides ärztliche Gutachten vorliegen. Woran er tatsächlich leidet, ist das Leben, zu dem er seit dem qualvollen Krebstod seiner Frau verdammt ist. Er sieht keinen Sinn darin, auf einen zu irgendeinem Zeitpunkt auf ihn zukommenden natürlichen Tod zu warten, zumal er sich seit dem Erlebnis mit dem Sterbeprozess seiner Frau nicht sicher sein kann, dass dieser natürliche Tod schmerzfrei und ohne unerträgliche Qualen stattfinden wird. „Tu das Richtige“, hat seine Frau vor ihrem Tod zu ihm gesagt. Für Richard Gärtner ist es das Richtige, die Frage nach dem selbstbestimmten Tod der Gesellschaft zu stellen. Gemeinsam mit seinem Anwalt tritt er darum vor den Ethikrat.

Dessen Vorsitzende hat neben der Ärztin Gärtners drei Expert:innen eingeladen: sie vertreten die Bereiche Recht, Ethik und Religion. Während sie ihre Argumente ausführen, wird hinter ihnen auf der Bühnenrückwand - bestehend aus einem großen Storage-Regal voller Umzugskartons - nacheinander wie Titel die Worte „RECHT“, „EID“ und „GOTT“ eingeblendet werden. Während die juristische Seite eindeutig scheint, tun sich sowohl die medizinische als auch die theologische Seite schwerer mit dem Urteil und seinen Folgen. Der Vorsitzende der Ärztekammer zitiert den hippokratischen Eid und betont, als Arzt dem Leben und dessen Erhalt verpflichtet zu sein. Der Bischof verweist auf die Kirchenväter wie Augustinus und auf Thomas von Aquin, die den Selbstmord verurteilen. Immer wieder schaltet sich Gärtners Anwalt ein, immer wieder auch der alte Mann selber, mit der Frage, warum das Leben selbstbestimmt sein dürfe, der Tod aber nicht. „Gibt es eine Verpflichtung dazu, leben zu müssen?“ fragt der Anwalt.

Trotz einer insgesamt sehr sachlichen Darstellung setzt diese Inszenierung doch ein paar kleine, aber maßgebliche Akzente, die einer Objektivität zuwiderlaufen: so wirken vor allem der Bischof, aber in Teilen auch der Vorsitzende der Ärztekammer hier weniger argumentierend als insistierend, der Bischof zeigt zuweilen Züge einer leicht parodierenden Darstellung, die nicht wirklich zum Ernstnehmen einlädt. Und dann gibt es zu Beginn und gegen Ende zwei kurze Expempores, in denen sich Richard Gärtner anhand ausgewählter Requisiten wie einem Nachthemd traumgleich an seine verstorbene Frau erinnert; einmal wird sogar deren Gesicht als riesiges, sich bewegendes Schwarz-Weiß-Portrait im Hintergrund eingeblendet. Ein bisschen wirkt das so, als vertraue die Regie dem Text nicht hundertprozentig und müsse die Beweggründe Gärtners noch anders bebildern. Dabei ist das überhaupt nicht nötig, so dass diese Momente eher überflüssig wirken.

Nachdem alle Argumente ausgetauscht sind, legt die Vorsitzende eine Pause fest und bittet das Publikum, das mit zum Ethikrat gehört, den Saal zu verlassen, sich eine Meinung zu bilden, sich darüber auch miteinander auszutauschen und schließlich zurückzukommen: entweder durch die Tür mit der Aufschrift „Ja“ - Herr Gärtner soll von seiner Ärztin das Mittel zum Suizid bekommen - oder durch jene mit dem „Nein“ - Herr Gärtner soll das Mittel nicht bekommen.

Warum bin ich also durch die Tür mit dem „Ja“ gegangen? Weil zu Beginn des Abends die Ärztin von Richard Gärtner sehr deutlich gemacht hat, welche Möglichkeiten Menschen, die nicht mehr leben wollen, ohne ein Mittel wie Pentobarbital bleiben und welche fatalen Folgen ein immer mögliches Scheitern dieser brutalen Methoden nach sich ziehen. Eine deutliche Mehrheit des Gautinger Publikums hat ebenso entschieden.