Veranstaltungsinfo

So, 19.01.2020
20.00 Uhr
Kabarett
22,00 / 10,00 €*
* Regulär / bis 25 Jahre | Restkarten an der Abendkasse erhältlich

Frank Lüdecke: Neues Programm

Querdenker des politischen Kabaretts
Dem Kabarettisten und Autor Frank Lüdecke gelingt das Kunststück, intellektuell und trotzdem höchst unterhaltsam zu sein. Mit wohlkalkulierter Präzision philosophiert er sich hinauf zu den Grundsatzfragen menschlichen Zusammenlebens. Er ist ein Querdenker des politischen Kabaretts der ersten Riege. Anfang 2020 ist sein neues Programm erschienen, mit dem er nun direkt nach Gauting kommt.

Frank Lüdecke (Deutscher Kabarettpreis 2009, Bayerischer Kabarettpreis 2010, Deutscher Kleinkunstpreis 2011), viele Jahre Mitglied beim "Scheibenwischer", gehört seit Jahren zur ersten Riege des deutschen Kabaretts. Er war Hauptautor für Dieter Hallervorden und Künstlerischer Leiter der "Distel" in Berlin, er schreibt satirische Theaterstücke und Kolumnen. In seinen Programmen beweist er "bitterböse und unendlich charmant, dass man als politischer Kabarettist den Spagat zwischen intellektuellem Witz und Unterhaltung glänzend meistern kann"(Internet-Kabarettpreis "Zeck").

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Nach(t)kritik 

Nein, „das Falsche muss nicht immer richtig sein“, wie Frank Lüdecke sein brandneues Programm getauft hat. Das Bewährte muss aber auch nicht immer stimmig sein: Der nach inoffizieller Zählung mittlerweile vierte Auftritt Lüdeckes im Bosco nach 2010, 2014 und 2017 litt diesmal allzu stark darunter, dass der Berliner Kabarettist seinen Text noch nicht im Griff hatte – vor drei Jahren entwickelte diese „Unfertigkeit“ noch einen gewissen Reiz, diesmal hinderte es Lüdecke spürbar daran, seine gewohnt geschmeidige Intellektualität auszuspielen, zumindest am zweiten Abend seines Gautinger Doppelgastspiels. Im Vergleich zu 2017 („Über die Verhältnisse“) hatte der inzwischen zum Chef der legendären „Stachelschweine“ avancierte Vielspieler den musikalischen Teil an der Gitarre ein wenig reduziert, was der sprachlichen Zuspitzung eigentlich ganz gut bekam. Was Lüdecke damals „Vorprogramm“ genannt hatte („Das ist, wenn der Künstler den Text nicht kann“), hieß jetzt „Voraufführung“. Der mehrfach ausgezeichnete, von Bühne und Fernsehen bestens bekannte Mieter warb also erneut um Verständnis dafür, dass er während des Auftritts gelegentlich im Textbuch blättern musste – ein Umstand, den die Fans dem beliebten Gast nur allzu gerne nachsahen, doch mussten sie genauso miterleben, dass es mit dem Schwung im Vortrag der Sottisen auch immer wieder haperte.

Frank Lüdecke kam es hierbei noch zugute, dass er diesen Charme des erwachsenen Lausbuben an sich hat, den früher auch ein Dieter Hildebrandt regelmäßig hervorblitzen ließ: Sätze, die im letzten Moment in ihr semantisches Gegenteil umschlagen, wohlgesetzt im Timing und vor der Pointe mit einer winzigen Kunstpause versehen. Dazu dieser leicht resignative Tonfall des unverstandenen Kopfmenschen, der sich in Anbetracht der galoppierenden Volksverblödung mit einem Lächeln in sein Inneres zurückzuziehen scheint – Kostprobe: „Heutige Jugendliche halten Heraklit für einen Dämmstoff.“ Wenn es um beklagenswerte Bildungsdefizite oder nicht zu Ende gebaute Flughäfen geht, läuft der Berliner ohnehin zuverlässig zu Höchstform auf. Doch mit dem einen oder anderen anspielungsreichen geistigen Höhenflug Lüdeckes tut sich das Publikum offenbar schwer: „Ich verstehe es nicht, wie eine Hochsprung-Olympiasiegerin später zur Terroristin werden konnte“, lässt er jemanden sagen und muss dann doch die Pointe der Namensverwechslung Ulrike Meyfarth/Ulrike Meinhof nachliefern – viele waren da bereits ausgestiegen. Zusammen mit der erwähnten Textunsicherheit lief es in solchen Momenten einfach noch unrund, als hätte der von Lüdecke zitierte Adorno mal wieder Recht gehabt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Das elegante Hinlenken zu den Sätzen der Erkenntnis, es fehlte öfters – der Meister wusste immerhin aus den TV-Zeiten seiner Jugend: „Das Böse trägt Fellmantel und heißt Olga!“

Lüdecke sammelte aber auch wieder etliche Pluspunkte: Immer wenn er mit der Klampfe ansetzt wie ein pseudofortschrittlicher evangelischer Jugendpfarrer der siebziger Jahre, gelingen ihm hübsche „Gustostückerln“, wie man in Wien sagen würde. Berühmte Vorlagen der Pop-Geschichte wie „Come Together“ von den Beatles oder „The Boxer“ von Simon & Garfunkel oder Billy Joels „We didn´t start the fire“ dichtet er dann zu haarsträubender Lyrik über deutsche Politiker um („Sie brauchen unsere Liebe“) und schafft es dabei sogar, ein Namensmonstrum wie „Thorsten Schäfer-Gümbel“ in die Reimzeilen zu pressen. Auch hier regiert übrigens wieder zarte Resignation, indem Lüdecke vom „neuen Willy Brandt“ singt. Tja, vielleicht ist ja Anja Karliczek doch „eine tschechische Tennisspielerin“ und nicht Bundesbildungsministerin? Lüdeckes Pfeilspitzen sind natürlich auch im neuen Programm wieder spitz und in Gift getaucht: „Wir haben seit 1918 die Trennung von Staat und Kirche und seit 1989 die von Moral und Wirtschaft“. Schön bündig seine Bestandsaufnahme zum Berliner Sanierungsstau: „Turnhallen mit Original-Baumängeln aus der Weimarer Republik“ hat er dort ausgemacht, und man merkt, wie ihm das Herz an dieser Stelle besonders blutet. Die Hauptstadt lebt eben vorwiegend „von Tourismus und Hundesteuer“, so die nüchterne Bilanz. Der große Bogen, also die Analyse der klimatischen Verhältnisse in der Gesellschaft, ist bei „Das Falsche muss nicht immer richtig sein“ freilich nur mühsam zu erkennen, auch wenn Lüdecke sich vorher an einer Art Inhalts-angabe versucht und das Publikum animiert: „Wenn Sie hier sauber mitarbeiten...“ Längere Zeit kreist der 58-Jährige um die Themenfelder „Innovation“ bzw. „Bereitschaft zur Veränderung“ - und bringt die Kritik am Pragmatismus der jüngeren Generation auch geschickt auf den Punkt: „Manche sind ja vielleicht noch bereit für eine Revolte, aber dann müsste der Gesetzgeber Anreize schaffen.“ Ernsthaft nachdenken sollte man laut Lüdecke vielleicht darüber, dass die Generation über 60 nur noch eine Wählerstimme zugeteilt bekommt, die Jüngeren aber deren zwei oder gar drei: „Wäre eine klare Benachteiligung des Kabarettpublikums“, weiß er selbstredend. Kunst als beliebiges Massenphänomen erscheint ihm ebenso verdächtig, und er beschließt, „nicht zur Vernissage meines Tankwarts“ zu gehen. Etliche Gedanken widmet Frank Lüdecke dann noch dem „bedingungslosen Grundeinkommen“. Er schlägt den Bogen zu Martin Schulz´ üppigen Sitzungsgeldern als damaliger EU-Parlamentspräsident und zu Mesut Özils noch weitaus üppigeren „Bankdrücker“-Geldern bei Arsenal London und philosophiert darüber, warum das jeweilige Nichtstun so verschieden honoriert wird: „Warum nicht ich?“, lautet die logische Frage.

Gedankenreich und formulierungsscharf ist also auch das neue Lüdecke-Programm wieder. Der Charme des noch Unfertigen aber verbraucht sich sogar bei einem Charmeur wie Frank Lüdecke, und wenn man für eine 22-Euro-Karte einen arg holprigen Auftritt erleben muss, ist das nicht die reine Freude. Ein einzelner Buh-Rufer (ohne Fellmantel!) entlockte dem Gast noch die Replik, dass er es gut finde, „dass Kabarett auch Widerspruch hervorruft“. Nun ja, womöglich war Lüdecke ja nur verschnupft im Sinne von erkältet. Das Bosco hätte ihn sicherlich in gewohnter Top-Form verdient gehabt.