Veranstaltungsinfo

Mi, 21.11.2018
20.00 Uhr
Literatur
15,00 / 8,00 €*
* Vorverkauf ab 07.07.2018

Gerd Holzheimer "Auf geht´s: Zu neuen Ufern!" (2): Majestät, Revolution is!

Nach 700 Jahren Herrschaft der Wittelsbacher
Sprecher: HANS-JÜRGEN STOCKERL
Majestät, Revolution is!: Nach 700 Jahren Herrschaft der Wittelsbacher
1918 endet die Herrschaft einer Familie in Bayern, die über 700 Jahre lang das Land regierte: die Wittelsbacher. 700 Jahre sind eine respektable Zeit, in deren Verlauf – wie könnte es anders sein? – es natürlich ebenso Aufbrüche gab wie Niedergang. Die Geschichte in einem Abend zusammenfassen zu wollen, muss höchst selektiv und exemplarisch bleiben. Sie beginnt 1180 nach der Absetzung von Heinrich dem Löwen, der in einem mafiösen Akt 1158 eine kleine Siedlung bei Mönchen unweit eines vergleichsweise viel älteren Bratananium, später „Gauting“ genannt, gegründet hatte, mit Otto von Wittelsbach, dessen Sohn Ludwig die verwitwete Gräfin von Bogen heiratet. Auf diese Weise kommen die Rauten der Grafen von Bogen in das Wappen der Wittelsbacher, künftiges Markenzeichen der Bayern. Herzzerreißende Liebesgeschichten bleiben nicht aus: Agnes Bernauer! Lola Montez! Ein König, Ludwig der Städtebauer, wird darüber zum Dichter, den Heinrich Heine parodiert: Stammverwandter Hohenzoller, / Sei dem Wittelsbach kein Groller; / Zürne nicht ob Lola Montez, / Selber habend nie gekonnt es.“ Zu den markanten Vertretern der Familie gehören auch Max Emanuel, der blaue Kurfürst, der München mit Kanälen und Gondeln in eine Art von Venedig verwandeln wollte, und Bayern Staatsschulden, hinterließ, die hundert Jahre lang zu spüren waren. Und natürlich der Kini, Ludwig II., der Schlösserbauer, der erste König der Geschichte, der als Privatperson pleite ging -  bis hin zu Ludwig III., den „Milibauer“, nach der Revolution Milchbauer von Leutstetten, auch „Ludwig der Vielfältige" genannt, seiner ungebügelten Hosen und seiner Wesensart wegen, die solcherart in ironischer Weise beschrieben werden sollte. Ihm verkündet ein Lakai: „Majestät, Revolution is!“ Und der König muss sich ein Auto mieten, weil seine Chauffeure streiken, und landet in der Nähe von Rosenheim im Graben, weil er nichts mehr gesehen hat und seinerzeit nur königliche Fahrzeuge mit Scheinwerfern ausgestattet waren, und Bayern ist ein Freistaat. Am Morgen des 8.11.1918 erklärt Kurt Eisner die Dynastie der Wittelsbacher für abgesetzt.

Konzeption & Moderation
GERD HOLZHEIMER
Sprecher
HANS-JÜRGEN STOCKERL
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2018

Nach(t)kritik 

„Gott mit dir, du Land der Bayern!“ - so endet der zweite Abend der Literaturreihe „Auf geht’s: Zu neuen Ufern“ von und mit Gerd Holzheimer, diesmal an seiner Seite mit zahlreichen Auszügen aus der Literatur zu den Wittelsbachern: Hans-Jürgen Stockerl. Mit der ersten Zeile der Bayernhymne schließt sich ein Kreis, der mit dem Satz „Majestät, Revolution is!“ und der Flucht im Auto des letzten bayerischen Königs, Ludwig III., begann. Stockerl, der zur Feier von hundert Jahren Freistaat und zweihundert Jahren Bayerischer Verfassung in Gaibach im Schatten der Konstitutionssäule als Ludwig I. mit einem Text von Gerd Holzheimer im Frühjahr an die grundlegende Idee eines Freistaates Bayern und den Vater einer ersten Verfassung erinnert, holt hier - wohlgemerkt: als Ludwig I. - zu einer kräftigen Schelte auf die heutigen Gefährder von Demokratie und demokratischem Gedankengut aus. „Uns liegt dieser Ludwig viel mehr am Herzen als der oft so idealisierte Ludwig II.“, bekennt Gerd Holzheimer offen.

Der Abend schlägt einen großen Bogen vom Ende der Regentschaft seitens der Wittelsbacher im Jahr 1918 zurück zu den verschiedenen Stationen einer 700 Jahre währenden Herrschaft einer Familie. Natürlich kann der Durchzieher keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, das hätte den zeitlichen Rahmen mehr als gesprengt (wenn auch die fortwährenden Klagen über all das, was nun nicht zur Sprache kommen kann, beinahe auch den zeitlichen Rahmen gesprengt hätten). Doch eines wird bei der Tour d´historique bavaroise deutlich: hier waren in der Regel Regenten am Werk, die den Künsten und Wissenschaften immer wieder zugänglich waren, die ein offenes Ohr für die Töne der Zeit besaßen und denen nichts Menschliches fremd war - ob das nun Herzog Wilhelm V. im 16. Jahrhundert war, unter dessen Regentschaft die Michaelskirche entstand; ob das der zur Verschwendung neigende Kurfürst Max Emanuel war, dem ein zu beschiffendes Kanalnetz im Stil von Venedig für München vorschwebte; ob das der bereits erwähnte Ludwig I. war, der über seine Affäre mit der Tänzerin Lola Montez stolperte; ob das Max II. Joseph und seine Vorliebe für die sogenannten „Nordlichter“ unter den Wissenschaftlern war oder schließlich Ludwig II. mit all den bekannten Legenden, die sich um seine schillernde Gestalt ranken - immer sind es Herrscher, die auch ein Dichter nicht besser hätte erfinden können.

Zahlreiche kleine Anekdoten weiß Holzheimer über die Könige zu erzählen, während Stockerl immer wieder Passagen aus Eberhard Straubs Buch über „Die Wittelsbacher“ zitiert. Diese mit sehr viel Humor geschriebene Kulturgeschichte des in Berlin lebenden Historikers ist eine der Entdeckungen des Abends und lohnt die Lektüre - wie die gewählten Auszüge belegen. Eine andere Entdeckung ist die Geschichte, mit der diese Folge der „Politischen Aufbrüche“ beginnt: darin geht es um den fluchtartigen Aufbruch des letzten Wittelsbacher Regenten, Ludwig III., mit einem Wagen hinaus aus der Stadt in Richtung Rosenheim. Mit einem geliehenen Wagen, da die festen Chauffeure sich den Aufständischen angeschlossen hatten. Unterwegs landet der Wagen in einem Kartoffelacker und wäre beinahe in diesem steckengeblieben. Wie konnte das geschehen? „Damals hatten nur die Fahrzeuge aus dem königlichen Fuhrpark Scheinwerfer“, erklärt Holzheimer, „Leihfahrzeug waren damit nicht ausgestattet, so dass der Weg buchstäblich im Nebel versank.“ Auf der Flucht vor der Revolution bleibt dem abgesetzten König die Sicht versperrt - wenn das kein Sinnbild ist!