Veranstaltungsinfo

Mi, 20.02.2019
20.00 Uhr
Literatur
15,00 / 8,00 €*
* Regulär / Schüler

Gerd Holzheimer "Auf geht´s: Zu neuen Ufern!" (4): Bumm, des hat gsessn!

Revolutionäre Dichter an der Macht
Sprecher: PETER WEISS
4. Bumm, des hat gsessn! Revolutionäre Dichter an der Macht
„Es ist doch recht eigentümlich“, staunt Wedekind zu Beginn seiner Münchner Zeit 1884, „dass die Bühnenwelt beinahe so groß ist wie die übrige Welt; hier in München ist sie fast noch größer, aber das hängt halt mit den Verhältnissen zusammen.“ Vielleicht ist es kein Zufall, dass die einzig wirkliche Revolution, die je in dieser Stadt stattgefunden hat, von Schriftstellern wie Eisner, Mühsam, Landauer oder Toller ausging und getragen wurde. „Schwabing“ ist für Mühsam ein Kulturbegriff, ihm gefällt die Unbekümmertheit der Schwabinger, die „Genieanwärter“. Mühsam schreitet zur Tat und gründet die anarchistische Gruppe Tat. Im Pasinger Verlag Bachmair erscheint alle zwei Wochen seine Zeitschrift Revolution, und was Revolution ist, definiert Erich Mühsam so: „Tyrannenmord, Etablierung einer Religion, Zerbrechen alter Tafeln (in Konvention und Kunst), Schaffen eines Kunstwerks, der Geschlechtsakt.“ Synonyma für Revolution sind ihm „Gott, Leben, Brunst, Rausch, Chaos“.
Zum Leiter für Auswärtige Angelegenheiten beruft man einen Dr. Lipp, der angeblich den Papst persönlich kennt, und tatsächlich findet sich auch eine Depesche des revolutionären Zentralrats an den Papst: „Proletariat Oberbayerns glücklich vereint. Sozialisten plus Unabhängige plus Kommunisten fest als Hammer zusammengeschlossen, mit Bauernbund einig. Liberales Bürgertum als Preußens Agent völlig entwaffnet. Wir wollen den Frieden für immer.“ Da wird sich der Papst gefreut haben. Resigniert notiert Ernst Toller in seiner Jugend in Deutschland: „Hier sitzt der deutsche Revolutionär, gutmütig und ahnungslos, addiert Zahlen und kontrolliert Vorräte, damit alles seine Ordnung habe, wenn er erschossen wird", so beschreibt der Dramatiker Ernst Toller den Revolutionär, als er selbst Revolutionär geworden war – als Pazifist mit dem Aufbau einer Roten Armee beauftragt. Einer seiner Gefolgsleute schießt auf die Glocken der Paulskirche und freut sich: „Bumm, des hat gsessn!“
 
Wie kommt es, dass Schriftsteller politische Verantwortung übernehmen? Was machen sie daraus? Was geschieht mit ihnen? Dahinter steht das große Thema vom Verhältnis von Traum und Wirklichkeit, die Frage, inwieweit sich Visionen einlösen lassen in der Realität – bis hin zu dem legendären Ausspruch eines Münchner Sozialdemokraten: „Na, macht’s halt Euer Revolution, damit a Ruah is!“

Konzeption & Moderation
GERD HOLZHEIMER
Sprecher
PETER WEISS
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2019

Nach(t)kritik 

„Wir brauchen eine neue Sprache“, hatte einst Gustav Landauer gefordert. Der Schriftsteller, Sozialist und Pazifist war einer der Köpfe der Münchner Räterepublik, einer der vielen Schriftsteller und Denker, die diese kurze Epoche prägten. Selbstverständlich lag ihm die Sprache, dieser ideelle Schatz aus Worten, besonders am Herzen, und er fand die bestehende Sprache aufgrund ihrer Herkunft aus Diktatur, Unterdrückung und Krieg einer Republik nicht würdig. Sein besonderes Sprachgefühl und die Fähigkeit, mit Worten umzugehen, teilte Landauer mit den anderen Weggefährten dieser Zeit, Dichter und Erzähler wie er selber. „Ein Dichter ist der Seher des Zukünftigen“, hat Kurt Eisner gesagt, der erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern. Ihm und den anderen revolutionären Dichtern, die für eine kurze Zeit Machthaber gewesen sind, ist der vierte Abend der Literaturreihe von und mit Gerd Holzheimer, „Auf geht´s zu neuen Ufern“, gewidmet, den als Zitator der in Wessling lebende Schauspieler Peter Weiss begleitet.

Nach Abenden, die sich dem Zerfall der Monarchie widmeten, der Anwesenheit Lenins in München und in Stockdorf, dem revolutionären Boden in Wahnmoching und der Wandlung von Revolutionären in Funktionäre, stehen nun die Dichter und Denker im Fokus der literarischen Spurensuche. Wie kann aus Dichtung Revolution werden, lautet die Fragestellung, und die Antwort gibt der Titel des Abends: „Bumm, des hat gsessn! - Revolutionäre Dichter an der Macht“.

Die Herrschaft der Dichter fällt in eine Zeit des Umbruchs und der Unruhe. Die Schrecken des Ersten Weltkriegs dominieren nächtliche Träume und Ängste des Alltags. Alle herkömmlichen Orientierungen sind obsolet, dennoch sehnen sich viele mangels Mut und Vorstellungskraft nach den alten Zeiten und Herrschaftsformen. Andere hingegen wagen zu träumen, von sozialer Veränderung, Mitbestimmung, Freiheit. Eine „Realpolitik des Idealismus“ wünscht sich Kurt Eisner, und der Dichter Erich Mühsam, zentrale Figur der Schwabing Bohéme, gründet eine sozialistisch anarchistische Gruppe mit dem sprechenden Namen „Tat“ - der Worte waren schließlich bald genug gewechselt.

Genau wie einst Mühsam im Wittelsbacher Palais, so stieg auch im bosco Peter Weiss auf den Stuhl, um aus derart erhabener Position die Forderungen des Dichter-Revolutionärs vorzutragen. Dass er mit dem, was sein Mitrevolutionär Kurt Eisner später in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident unternahm, nicht immer einverstanden war, davon zeugen wieder andere Worte Mühsams, auf die nicht immer Taten folgen sollten. Was an Taten folgte, ging weniger auf Mühsams Konto als vielmehr auf das jener, die den neuen Zeiten noch lange nicht gewachsen waren und die wohl weniger Wert auf einen sorgsamen Umgang mit Sprache legten. Konservative Stimmen wie jene des Lehrers und Schriftstellers Josef Hofmiller, aus dessen „Revolutionstagebuch“ Weiss vorlas, geben davon beredt Zeugnis.

In zahlreichen klug gewählten Quellenzitaten folgt dieser Abend den lebhaften und vor allem poetischen Spuren einer Zeit, die heute entweder verklärt oder gleich ganz unter den Tisch gekehrt wird - der zur Zeit amtierende Ministerpräsident habe, so Holzheimer, tatsächlich geschafft, im Verlauf seiner Rede zum 100. Geburtstag des Freistaates Bayern den Namen des Begründers desselben nicht zu erwähnen, weshalb der Name des amtierenden Ministerpräsidenten im Laufe des literarischen Abends nun ebenfalls nicht genannt werde sollte. Bumm! Des hat gsessn!