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Veranstaltungsinfo

Mi, 09.12.2020
20.00 Uhr
Literatur

15,00 / 8,00
* Regulär / bis 25 Jahre
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Veranstalter: Theaterforum Gauting e.V.

Gerd Holzheimer: Mir ham!

Gegen jeden auch noch so heftigen Anprall garstiger Gewalten

Teil 1 der Literaturreihe "Mir ham! Von den Möglichkeiten des Lebens" mit Gerd Holzheimer

An drei Abenden geht es am ersten (MI 09. DEZ 2020) um ein Lebensgefühl des „Mir ham“, nicht triumphal, jedoch voller Seins-Gewissheit. Am nächsten, Variante zwei (MI 20. JAN 2021) um ein Durchwurschteln, was nicht unbedingt das Schlechteste sein muss, und am dritten (MI 24. FEB 2021) um Perspektiven der unterschiedlichsten Art, wie man durchkommen kann, weiterkommen kann, zumeist mit einer gewissen Selbst-Distanz und Humor am besten.

Literatur-Reihe "Mir ham! Von den Möglichkeiten des Lebens"

Wir haben in unserem Leben schon etliche Beschwörungsformeln einer guten Zukunft, einer besseren womöglich, gehört: „Yes, we can!“ in den USA, „Podemos“ in Spanien, „Venceremos“ gar, „Wir schaffen das“ in Deutschland. Aber keine scheint so tief und so festdauernd in menschlichen, also auch nichtbairischen Genen verwurzelt wie das bairische „Mir ham!“, das triumphale „Mir ham!“ beim Eisstockschießen, ehe überhaupt der Eisstock die Eisfläche berührt: schon ist die ganze Mannschaft sich vollkommen sicher, dass sie nun mit einem ihrer Stöcke näher an der Daube sein wird, dem Holzwürfel, der als Ziel dient, als einer der gegnerischen Mannschaft. Solch unerschütterliche Gewissheit lässt uns halbwegs unbeschadet Krisen überstehen, wenn man die Metapher aus der Welt des Sportes ins ganz normale Leben übernimmt. Schon in der Daube selbst liegt etwas begründet, was man im Arabischen eine „Kasbah“ nennt, eine praktisch uneinnehmbare Festung. Zweiflern sei noch gesagt, dass es sich beim Eisstockschießen um eine sogenannte Präzisionssportart handelt.
 
In dem Roman Der geborene Gärtner des österreichischen Schriftstellers Alois Brandstetter rüffelt der Abt seinen Klosterbruder Wernher der Gartenaere, der lieber Epen verfasst als sich der Gartenarbeit widmet, dass – wenn schon – er beachten solle, worin die Unterschiede von Personen bestehen, die er beim Eisstockschießen beobachtet und in seinem ohnehin unbotmäßigen Meier Helmbrecht beschreibt. „Jedermann müsse merken, wenn er einem Mönch oder Herrn beim Eisstockschießen zusieht, dass hier ein geweihter Mann schießt.“ Schließlich würde der ernsthafter spielen, Rechthabereien vermeiden und vor allem würde er nicht so gottserbärmlich fluchen … Auch ist beim Eisstockschießen in jedem Fall ein Zusammenspiel mit Agnostikern oder gar Atheisten zu vermeiden! Da ist er leider bissl dogmatisch, der ehrwürdige Herr Abt aus dem 13. Jahrhundert.

Wir spielen uns unerachtet solcher Anweisungen durch verschiedene Möglichkeiten, wie man auch in schwierigen Zeiten nicht aus dem Auge zu verlieren braucht, wie man Perspektiven entwickeln kann. Ein Ziel, von dem keiner weiß, wie es auszuschauen hat, muss nicht unbedingt unser Ziel sein: das lehrt uns das Eisstockschießen, es geht um seine Nähe, um eine Annäherung an ein Ziel, das ist schon viel.

Teil 1: Mir ham! Gegen jeden auch noch so heftigen Anprall garstiger Gewalten
 
Die Haltung des „Mir ham!“ muss gar nicht lautstark sein, sie kann sich auch der leisen Töne bedienen wie etwa die Madeleine Winkelholzerin – durch alle nur erdenklichen tragischen Phasen des Lebens hindurch in der gleichnamigen Erzählung von Wilhelm Dieß. Mit der Widerstandsfähigkeit der stets wiederkehrenden Vegetation übersteht sie alle Schicksalsschläge: „Im Vorlenz ist es die richtige Zeit, zum Winkelholzer auf den Berg zu gehen, mag der Schnee sich noch so hartnäckig zeigen. Im Windschutz der Haselnußstauden lächeln die ersten Schlüsselblumen und Lungenkräutlein …“
 
Mit der Rumplhanni von Lena Christ tritt ein Typus von Weiblichkeit in die Literatur ein, der von selbstverständlicher Selbstbestimmung ist, vor allem auch gegenüber Männern. Erst lässt die Hanni einen Metzgerburschen, der ihr nachstellt, auflaufen, und nennt ihn dann doch auf einmal „lieber Hans!“ Und der Metzgerhansl frißt „immer mehr den Narren an ihr“ und setzt sich fest und steif in den Kopf: „D‘Hanni oder gar koane!“ Doch „sie hält ihn am Schnürl“.

Lena Christs Madame Bäurin setzt mit folgender Zeitangabe ein: „Die Geschichte hebt an um die Zeit, da unser lieber Herr bereits seine Himmelfahrt getan, den Heiligen Geist gesandt und das Heu auf den Wiesen gut und dürr genug gemacht hat zum Heimfahren.“ Und der Roman endet damit, dass die Madame Bäurin am Christtag selber einem eigenen Christkindlein die Wiege hinstellt – worüber sich sogar die über dieser Ehe bitter gewordene Bäurin, die Schiermoserin, versöhnt, was ihren Mann zu dem Ausruf bringt: „Jetz is richtig no aus dera Dreifaltigkeit a Dreieinigkeit wordn.“
 
Neben solchen Beispielen aus Bayern treten Erzählungen aus Amerika (von Alice Herdan-Zuckmayer: Die Farm in den grünen Bergen) und aus Spanien (Camilo José Cela: La parejas que bogan en el estanque del Retiro Liebespaare beim Rudern auf dem Weiher des Retiro-Parks), in denen ähnliche Haltung ans Tageslicht tritt, die uns Mut macht. Auch Alice Herdan-Zuckmayer entwickelt als Farmerin mit den notwendigen handwerklichen Fähigkeiten das bäuerliche Bewusstsein in ihrer neuen Umgebung in Vermont, USA: „Sie scheuen ihre Armut nicht, sie lieben den Reichtum nicht, sie haben wenig zu gewinnen und nicht viel zu verlieren. Diese Bescheidung und dieses Maßgefühl verleiht ihnen eine Unabhängigkeit von unsicheren Zeitläufen und wappnet sie mit Stolz und Furchtlosigkeit.“ Und den Liebenden auf dem Weiher des Retiro-Parks stärkt die Liebe das Gemüt. Sie „fürchten weder Sonne noch Wind, weder Aufseher noch äußere Widrigkeiten. Die Liebe stählt sie gegen jeden auch noch so heftigen Anprall garstiger Gewalten“.

Konzeption & Moderation
GERD HOLZHEIMER
Sprecher*in
N.N.