Veranstaltungsinfo

Di, 04.12.2018
20.00 Uhr
Kabarett
22,00 / 10,00 €*
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HG. Butzko: echt jetzt

Sein 10. Programm. Kein "best-of" mit abgestandenen Nummern, sondern eine frische Bestandsaufnahme. Wo stehen wir heute?
Unglaublich, aber wahr, in einem sind sich Wissenschaften und Religionen einig: Der Mensch lebt nur im „Hier und Jetzt“. Und in einem sind sie sich außerdem auch noch einig: Hantiert der Mensch am Smartphone oder Tablet rum, ist er in dem Moment nicht im „Hier und Jetzt“, sondern im „Zewa“, also im „Wisch und Weg“.
 
Und wenn man bedenkt, wie viel Einfluss dieses digitale Paralleluniversum bereits auf unser Leben hat, und wie sehr unsere globale Infrastruktur inzwischen von Computerviren und Hackerangriffen bedroht wird, oder noch schlimmer: von Twittereinträgen von Till Schweiger, dann muss man feststellen: Die wirklich Mächtigen sitzen nicht auf den Regierungsbänken in den Parlamenten, oder an der Wall-Street, die wirklich Mächtigen sitzen im Silicon Valley.
 
Und genau dorthin hat HG Butzko diesmal seine investigativen Recherchefühler ausgestreckt, Hinter- und Abgründe beleuchtet, und Erschütterndes herausgefunden. Und zwar erschütternd für das Zwerchfell, aber auch für die grauen Zellen.
 
Denn wie immer bietet auch „echt jetzt“ getreu dem Motto: „logisch statt ideologisch“ eine brüllend komische und bisweilen besinnliche Mischung aus schonungsloser Zeitanalyse, Infotainment, schnoddrigen Gags, Frontalunterricht und pointierter Nachdenklichkeit, mit der Butzko einen ganz eigenen, preisgekrönten Stil entwickelt hat, und dabei die großen Zusammenhänge so beleuchtet, als würden sie „umme Ecke“ stattfinden.

Georg Schramm sagte mal zu Butzko: „Ich kann gehen, wenn Sie so bleiben.“ Seitdem fragt Butzko sich: Was muss ich also ändern, damit er wieder kommt?“ Bislang ist es ihm noch nicht gelungen. Vielleicht klappt es ja mit diesem Programm. Echt jetzt.


Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2018

Nach(t)kritik 

Wenn einer Schalke-Fan ist wie der „direkt gegenüber dem Stadion“ in Gelsenkirchen aufgewachsene H.G. Butzko, dann wurde ihm die Leidensfähigkeit praktisch in die Wiege gelegt: Seit 1958 ist sein Schicksalsverein nicht mehr Deutscher Fußballmeister geworden, aber einmal immerhin „Meister der Herzen“, sprich in letzter Sekunde vom FC Dusel-Bayern entthronter Zweiter, als ein ganzes Stadion weinte. Der Schauspieler und Kabarettist Butzko reagiert auf die kleinen und großen Ungerechtigkeiten dieser Welt allerdings ganz und gar nicht larmoyant - er benennt die Übel lieber und arbeitet sich an ihnen so lange ab, bis sie im chemischen Sinne analysiert sind: „Wird anstrengend heute“, warnt er das Bosco-Publikum oder vielmehr jene unter den Zuschauern, die den etwa alle zwei Jahre in Gauting auftretenden Mann mit dem Basecap noch nicht kennen. Und wie er dann so am Stehtisch auf der Bühne mit seinem aktuellen, seit 1997 mittlerweile zehnten Programm „echt jetzt“ loslegt, möchte man ihm das mit dem Gefordertwerden erst mal gar nicht so recht abnehmen. Butzko kommt nämlich eher in der Ansprache eines Mannes am Tresen daher und nicht eines Dozenten, das öffnet schon mal die Ohren und vielleicht auch die Herzen und hilft jedenfalls dabei, auch etwas komplexere Zusammenhänge an die Frau und den Mann zu bringen – fehlte nur das Pils zum Anstoßen zwischendurch.

Trotz dieses leicht „Tegtmeier´schen“ Elements im Vortrag (Butzko hat u.a. 2013 den Kabarettpreis „Tegtmeiers Erben“ erhalten) wird der in Birkesdorf bei Düren gebürtige 53-Jährige zu keinem Zeitpunkt allzu ruhrpottmäßig. Ihn beschäftigt im Jahre 2018 vor allem das global heraufgedämmerte Zeitalter der digitalen Idiotie: Menschen, die anscheinend nicht mehr smartphonelos miteinander kommunizieren können, die sich in allem, was sie tun, einem datensammelnden Provider-Monster ausliefern und die als „Smombies“ von der ersten, analogen Welt schon kaum noch was mitkriegen. Einer dieser Permanentaufshandyglotzer hat passender Weise gerade „The Walking Dead“ auf dem Schirm, berichtet Butzko aufgebracht. Hinter der Bestandsaufnahme, dass die Vollpfosten aus der Jugend sich heute als Programmier-Nerds die Welt untertan machen, steckt für den Stehtisch-Plauderer aber noch sehr viel mehr. „HG“, wie er sich seltsam abgekürzt mit Vornamen nennt, hat längst die politische Verheerung, die kulturelle Verrohung und die um sich greifende allgemeine Verblödung geortet, die mit den handlichen „Wisch & Weg“-Geräten einhergehen. Wenn er dann auch noch einen dieser Smartphone-Süchtigen im Publikum beim abgelenkten Treiben entdeckt, spricht er von „Aufmerksamkeitsdefizitepidemie“.

Butzko, das muss man ihm lassen, ist sehr gründlich in seinen Betrachtungen: Früher sezierte er in aller Ausführlichkeit vor allem das Phänomen Angela Merkel oder etwas schön Kompliziertes wie die weltweite Finanzkrise („Bundeskanzlerin“ habe als Anagramm „Bankenzinsluder“, hatte er irgendwann herausgefunden), heute kommen Themen wie Donald Trump, AfD-Rassismus und moderner Selfie-Narzissmus bei „HG“ als verschiedene Seiten ein und derselben Medaille vor – nämlich Verblödungssymptome. „Die Älteren werden sich noch erinnern...“ verwendet er als wiederkehrende Floskel, wenn er vorführt, was inzwischen so alles auf der Strecke geblieben ist. Dann ist auch wieder die Leidensfähigkeit des Schalkers gefragt, wenn er schmerzensreich davon berichtet, was früher ein „Tablettwischen“ war und was heute ein Wischen auf dem Tablet bedeutet – die Welt, in der er einst sozialisiert wurde, sie scheint unterzugehen. Und wenn er dann doch konkret politisch wird, lassen seine Sätze nicht zu wünschen übrig an Deutlichkeit: „Wenn die zarte Pflanze der Demokratie in den Herbst kommt, färben sich die grünen Blätter braun.“ Oder, noch härter holzend: „Wer aus Protest die AfD wählt, der lutscht auch inner Kneipe anner Klobürste, weil´s Bier nicht schmeckt!“ Da gab es im feinen Gauting doch einige „Ho-Hos“ bei so viel Proleten-Charme, wo zuvor noch Gesinnungsapplaus gereicht hätte. H.G. Butzko arbeitet alles in allem klar heraus, was uns blüht, wenn wir den Algorithmen unser Leben überantworten: die völlige Entmündigung nämlich, „Wisch & Weg“. Man ist versucht, tatsächlich mit ungläubigem Staunen „echt jetzt?“ zu fragen, aber der sympathische Mann am Stehpult hat wohl einfach recht mit seiner emotionalen Kritik an den „tief verwurzelten Denkstrukturen“, die letztlich alles einfach hinnehmen. „Wer mehr Bildung will, muss auch mehr Klugscheißer ertragen“, sagte er an einer Stelle entwaffnend. Man darf ihm diese ganze Dialektik glauben, denn er ist aus Gelsenkirchen und damit ohnehin weitgehend illusionslos.