Direkt zum Inhalt

Veranstaltungsinfo

Mi, 11.01.2023
20.00 Uhr
Klassik

31,00 / 15,00

Regulär / bis 25 Jahre

< Zurück zur Übersicht > Termin im Kalender eintragen
Veranstalter: Theaterforum Gauting e.V.

Jean-Guihen Queyras, Violoncello & Alexandre Tharaud, Klavier: Marais, Schubert & Poulenc

Cellist Jean-Guihen Queyras und Pianist Alexandre Tharaud spielen im bosco Gauting Werke von Marais, Schubert und Poulenc.

Neugier und Vielfalt prägen das künstlerische Wirken von Jean-Guihen Queyras. Auf der Bühne und bei Aufnahmen erlebt man einen Künstler, der sich mit ganzer Leidenschaft der Musik widmet, sich dabei aber vollkommen unprätentiös und demütig den Werken gegenüber verhält, um das Wesen der Musik unverfälscht und klar wiederzugeben. Wenn die drei Komponenten – die innere Motivation von Komponisten, Interpret und Publikum – auf derselben Wellenlänge liegen, entsteht ein gelungenes Konzert. Diese Ethik der Interpretation lernte Jean-Guihen Queyras bei Pierre Boulez, mit dem ihn eine lange Zusammenarbeit verband. Mit diesem Ansatz geht Jean-Guihen Queyras in jede Aufführung, stets mit makelloser Technik und klarem, verbindlichem Ton, um sich ganz der Musik hinzugeben.

In den 25 Jahren seiner Karriere hat Alexandre Tharaud sich ein unverkennbares Profil in der Welt der klassischen Musik geschaffen und ist heute einer der wichtigsten Botschafter französischer Klavierkunst. Seine außergewöhnliche Diskographie umfasst über 25 meist preisgekrönte Solo-Alben. Dabei reicht das eingespielte Repertoire von Couperin, Bach und Scarlatti über Mozart, Beethoven, Schubert, Chopin, Brahms und Rachmaninov bis hin zu den großen französischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Breite seines künstlerischen Bestrebens spiegelt sich auch in Kollaborationen mit Theatermachern, Tänzern, Choreografen, Schriftstellern und Filmemachern, sowie mit Singer-Songwritern und Musikern außerhalb der klassischen Musik wider.

Programm
Marais: Suite Nr. 1 a-Moll (Pièces de viole, Livre III) | Prélude | Sarabande | Couplets de Folies d’Espagne (Pièces de viole, Livre II)
Schubert: Sonatine D-Dur D 384
Poulenc: Sonate für Violoncello und Klavier

 

Medienpartnerschaft:

Logo Medienpartner BR KLASSIK

Pressestimmen
Gewagt und gewonnen
Pressestimme von Reinhard Palmer
Erschienen in:   Süddeutsche Zeitung - Starnberg

Im Gautinger Bosco begeistern Jean-Guihen Queyras und Alexandre Tharaud das Publikum. Erst nach der dritten Zugabe beruhigt sich dieses wieder.

Darf man das? So tun, als ob Marin Marais, der königliche Musikus zu Versailles, im fortgeschrittenen 19. Jahrhundert für Violoncello und Flügel und nicht im frühen 18. Jahrhundert für Gambe und Cembalo komponiert hätte? Das experimentierfreudige und langjährig aufeinander eingespielte Duo Jean-Guihen Queyras (Violoncello) und Alexandre Tharaud (Klavier) wagte diesen Bruch in der Stilechtheit konsequent. Die Begeisterung des Publikums im Gautinger Bosco am Mittwochabend gab den beiden Franzosen zwar Recht, aber wäre auch der Komponist damit einverstanden gewesen?

Diese Frage ist nicht neu und wurde bereits vor allem in Bezug auf Jazz-Versionen von Bach-Werken lange hitzig diskutiert. Was bei Marais für das Wagnis spricht, ist die außergewöhnliche Selbstständigkeit der Instrumente und noch deutlicher die starke Ausdifferenzierung der Klavierstimme. Definitiv: Es handelt sich nicht um begleitete Gambenstücke, sondern um echte Duos, in denen sich die Instrumente gegenseitig aufs Engste ergänzen. Und dies mehr als ein halbes Jahrhundert vor Mozart.

Queyras und Tharaud nahmen diesen fortschrittlichen Geist zum Anlass, die Vielfalt der musikalischen Formen für eine reiche, dynamische und agogische Ausgestaltung zu nutzen, wie sie erst im 19. Jahrhundert zum Repertoire der Musiker gehören sollte. So mutierten die ausgewählten „Pièces de Viole“ II und III zu ausgesprochenen Charakterstücken, denen man im Nachhinein gerne programmatische Titel verpasst hätte. Die barocken Tänze bekamen dadurch eine sinnenfreudige Pracht, wie man sie sich in der Prunkepoche des Barock in Frankreich gut vorstellen kann.

Besonders in den „Couplets de Folies d’Espagne“, einer Reihe von Variationen über das populäre Folia-Thema. Hier zogen Queyras und Tharaud alle Register der spieltechnischen Differenzierung und spannten ein weites Spektrum an Ausdrucksvarianten auf: etwa lyrisch, tänzerisch, resolut, kapriziös, verträumt, hymnisch, wirbelnd, narrativ, bravourös. Mehr kann man aus dem Material wohl kaum rausholen. Und dieser Zugriff kam so überzeugend daher, dass die Vermutung nahelag, dass Marais dafür seinen Segen gegeben hätte.

Emotional unterschied das Duo aber im Programm die barocke Affektenlehre von den romantischen Empfindungen deutlich. Schuberts Sonatine D-Dur (D 384), ein gutes Jahrhundert später entstanden, bezauberte mit einer luftigen Leichtigkeit, die den Komponisten über die Wiener Biederkeit jener Zeit deutlich emporhob. Dieser Komposition eines 19-Jährigen haftete nichts Verstaubtes an. Jedem Ton entlockten die Instrumentalisten sprühende Freude am Leben, jugendliche Empfindsamkeit eines übersensiblen Geistes, schwärmerische Sehnsüchte einer liebenden Seele sowie Vitalität eines wachen Verstands.

Der zarte Kopfsatz kam geradezu filigran daher, zeigte aber auch Leidenschaft in den Verdichtungen. Synkopierte Sprunghaftigkeit kontrastierte im Mittelsatz mit einem anrührend melancholischen, seelentief-innigen Gesang. Die heitere Ausgelassenheit in tänzerischer Leichtigkeit im Schlusssatz vermochte dann sogar eine Brücke weit ins 20. Jahrhundert zu schlagen. Und dies in einem nahezu impressionistischen Kolorit, das die Entfernung zwischen Wien und Paris vergessen ließ.

Francis Poulenc gehörte aber schon der nachfolgenden Generation französischer Klangbildner an und griff tiefer in die Farbtöpfe. Seine ausladende viersätzige Sonate FP 143, deren Komposition vom Militärdienst im Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurde, hält sich ans Schema der Romantik, hat aber ansonsten nichts mit dieser Epoche gemein. Da findet sich viel Tänzerisches und Kapriziöses mit einer narrativen Rhetorik darin.

Queyras und Tharaud scheuten nicht davor, die vielen Einflüsse in dem Werk deutlich herauszuarbeiten, etwa die impressionistische Atmosphäre der Cavatine, das folkloristische Poltern in der Art von Schostakowitsch oder sogar auch eine gewisse Expressivität eines Strawinsky. Das Feuerwerk an Farben und intensiver Spielfreude verfehlte seine Wirkung nicht. Erst nach der dritten Zugabe beruhigte sich die Euphorie des Publikums.

Nach(t)kritik
Tanzwut mit Marais
Nach(t)kritik von Klaus Kalchschmid

1991 war der Film von Alain Corneau ein Welterfolg: In „Die siebente Saite“ spielten Guillaume Depardieu den jungen und sein Vater Gérard Depardieu den alten Marin Marais (1656-1728), der einst hochgeschätzter Musiker am Hof Ludwigs XIV. in Frankreich war. Jean-Guihen Queyras kündigt die erste von drei Zugaben mit begeistertem Verweis auf diesen großartigen Film an, ist doch „La rêveuse“ (Die Träumerin) dort ein zentrales Musikstück aus der Feder Marais‘. Ein letztes Mal verzaubern Queyras und Alexandre Tharaud daraufhin mit 300 Jahre alter Musik, die teilweise wirkt, als wäre sie heute komponiert. Das liegt an der Vitalität, Frische und Hingabe, mit der Queyras und Tharaud diese Musik spielen und für eine CD, die am 27. Januar erscheint, auch eingespielt haben.

So bestand die gesamte erste Hälfte des intensiven Duo-Abends der beiden Franzosen aus Suiten für Cembalo und Gambe, die Marais einst zwischen 1689 und 1725 in mehreren Büchern unter dem Titel „Pièces de Viole“ veröffentlicht hat: der ersten Suite a-Moll aus dem dritten Buch und der ebenfalls ersten Suite d-Moll aus dem zweiten Buch. Grandios lebendig, facettenreich und ein wenig exzentrisch schon die jeweils einleitenden Teile („Fantasies“ und  „Prélude“ überschrieben). Wenn dann aber so unterschiedliche (langsame und schnelle) barocke (Tanz-)Sätze sich abwechseln wie Allemande, Sarabande, Courante, Gigue oder Gavotte, dann laufen die beiden Musiker zu Hochform auf. Man kann sich das durchaus getanzt vorstellen, so rhythmisch pointiert und im Charakter unterschiedlich klingen die einzelnen Sätze. Da knallen dann schon mal die synkopierten Akkord-Zäsuren des Flügels heftig oder die Cello-Stimme bekommt fast etwas rastlos Gehetztes. Deshalb sind die langsamen und ganz leisen Passagen vielleicht die Allerschönsten. Gekrönt wird das Ganze mit den wunderbar vielfältigen, nicht enden wollenden „Couplets de Folies d’Espagne“, also Variationen über das von unzähligen Komponisten verwendete und somit weltberühmte „La Follia“-Thema.

Der Kontrast konnte nach der Pause nicht größer sein. Da erleben wir die konzentrierte, sehr kurze Sonate (bzw. Sonatine) D-Dur des 19-jährigen Franz Schubert von 1816 mit ihren nur drei Sätzen. Sie sind allesamt schon unverkennbar Schubertisch geprägt, nicht nur die ansonsten ganz regelkonforme Sonatenform des Kopfsatzes, sondern auch und vor allem das Andante im Zentrum, nicht zuletzt, weil sein Mittelteil von Queyras so entrückt sanft „gesungen“ wird! Eigentlich für Geige komponiert, hat die Version für Cello durchaus ihren Reiz, zumal Schubert viel für Geige und Klavier komponiert hat, aber, obwohl sein C-Dur-Streichquintett ungewöhnlicherweise ein zweites Cello statt einer Bratsche vorsieht, wie Mozart nichts Solistisches oder dezidiert Kammermusikalisches für dieses Instrument.

Dagegen ist Francis Poulencs Cellosonate, an der er ab 1940 bis 1948 komponierte, ein oft freches, springlebendiges Stück eines ganz eigenen Klassizismus in vier Sätzen. Es schlägt immer wieder neue Volten und klingt bei Queyras/Tharaud im eigentlich launigen Presto-Finale fast so grimmig und scharfkantig wie Manches von Dmitri Schostakowitsch. Ein wenig fehlte da im Eifer des Live-Musizierens Lockerheit und Esprit – und das bei zwei Franzosen! Aber das ist nur eine kleine Einschränkung für eine bis dahin wunderbar facettenreiche Interpretation eines immer wieder ungetrübt Freude bereitenden Werks.

Nach der berückenden Marais-Zugabe gab es als weitere „Encores“ die Bearbeitung eines Barytontrio-Satzes („Haydn mit sehr sehr viel Piatigorsky“) und als Rausschmeißer Brahms – einen der ganz berühmten Ungarischen Tänze!

 

Galerie
Bilder der Veranstaltung
Mi, 11.01.2023 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.