Veranstaltungsinfo

Mi, 09.01.2019
20.00 Uhr
Jazz
22,00 / 10,00 €*
* Regulär / Schüler

Karl Ratzer Quartet: What'd I say

Die österreichische Gitarrenlegende Karl Ratzer beherrscht das soulig-funkige Grooven ebenso vorzüglich wie jene aus dem Bebop kommende strenge Linearität der Improvisation.
„Ratzer spielt Jazz, als wären’s Wienerlieder“ titelt Samir H. Köck in der „Presse“. Sein Debüt gab er als knapp 14-Jähriger in der Underground-Band The Slaves, die auch international für Furore sorgte. Es folgten Bands wie Charles Ryders Corporation, die Rockband C-Department und schließlich Gipsy Love mit Kurt Hauenstein und Peter Wolf, eine Band, die bis heute Kultstatus genießt. Karl Ratzer gehört heute zu den bekanntesten österreichischen Jazz-Musikern und hat sich auch im Mutterland des Jazz einen Namen gemacht.

„Tears“ nennt sich das aktuelle Opus des Meisters. Eine Aufnahme, die Karl Ratzer in Höchstform zeigt, mit einer Band, die dem Frontmann auf Augenhöhe begegnet, eine Einspielung, die restlos zu überzeugen weiß.

KARL RATZER guitar, vocals
JOHANNES ENDERS tenor sax
PETER HERBERT bass
HOWARD CURTIS drums



Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2019

Nach(t)kritik 

„Auf die österreichische Bahn ist Verlass“, sagt Jazz-Spartenleiter Ludwig Seuss, als er im bosco die aus Wien angereiste Gitarren-Legende Karl Ratzer ankündigt. Auf die Le-gende selbst war ebenfalls Verlass: Das Konzert, unter dem Motto der neuesten CD-Ein-spielung namens „Tears“ annonciert, entfachte schlichtweg die Aura eines ganz Großen. Der mit Gipsy-Leichtigkeit und US-Einflüssen gesegnete Meister sollte eigentlich mit vier Musikern als „Karl Ratzer Quintet“ auftreten, doch weil Trombone-Spieler Ed Neumeister ausgefallen war, reduzierte sich die Formation diesmal auf ein Quartett: Für den aus Weilheim stammenden Tenorsaxophonisten Johannes Enders war Gauting quasi ein Heim-spiel, für Kontrabassist Peter Herbst und Drummer Howard Curtis immerhin eine Bahn-fahrt mit der ÖBB bei anspruchsvollstem Winterwetter.

Ratzer war sein Ruf jedenfalls auch durch den Schneesturm vorausgeeilt, und so harrten eingefleischte Fans und Ratzer-Novizen gemeinsam auf das, was sie hinterm Ofen hervorgelockt hatte – die Magie des Augenblicks! Und der Mann mit dem Kapperl und der Tarnbrille war plötzlich da, als es damit ernst wurde – überließ zunächst der starken Präsenz des Kollegen Enders das Feld, schien an der E-Gitarre nur Kommentare abgeben zu wollen, wenn die drei Anderen sich die Bälle zuspielten. Dann aber erhob dieser bis dahin wie ein Florida-Rentner auf seinem Stuhl sitzende Ratzer auf einmal seine nahezu brüchige Stimme, um über eine fast schon Verflossene zu singen, die er nur noch als schönen Schmetterling („Butterfly“) in Erinnerung hat: „If you don´t come back / I would never sigh or cry / I just would die...“ Als Zuhörer solch herzzerreißender Zeilen aus dem Munde eines älteren Herren sieht man sich sogleich als einziger Gast in einer dieser trostlosen Keller-Bars bei einem Whisky-Glas sitzen – an der Wand Katastrophen-Bilder wie von der sinkenden „Titanic“. Ratzer, keine 69 Jahre alt und doch schier 100 Jahre auf dem Balladen-Buckel, erzeugt mit nur wenigen Handgriffen und gesanglichen Tupfern ein ganzes Panoptikum der leisen Wehmut. Das Publikum, darunter Leute, die dem Wiener nach eigenen Angaben seit 34 Jahren zu jedem Konzert hinterher reisen, hält den Atem an, wenn diese Melancholie erblüht. Und selbst als Ratzer einmal eine ganze Weile braucht, um seine Saiten zu justieren („Ich muss genau stimmen, sonst kann ich nicht singen“), beobachtet es das stumme Geschehen voller Andacht so lange, bis Johannes Enders zur Überbrückung einen Witz über die Österreicher kredenzt.

Karl Ratzer hat sich die Harmonielehre übrigens selber beigebracht: Der Autodidakt soll darüber einmal lapidar gesagt haben: „Vorher hab´ i gspielt und net gwusst wie“. Von 1972 bis 1980 hat er in den Staaten gelebt und ist dabei mit so gut wie allen damaligen Größen auf der Bühne gestanden. Mit Enders, dem experimentierfreudig-genialen Sax-Spieler aus Oberbayern, hat er bereits eine gemeinsame CD eingespielt, mit Neumeister, Herbst und Curtis ist er nun auf „Tears“-Tour. Die Gangarten reichen heute von Bebop über Funk bis zu Fusion-artigen Klangbildern: Ratzer kann mit seiner E-Gitarre auch mal hart dazwischengrätschen, wenn er Lust dazu hat, doch meist bevorzugt er die finger-feine Zurückhaltung, die sich im Zusammenwirken mit den drei oder vier Kollegen ganz plötzlich zu prachtvoller Entfaltung erheben kann. Und er verbeugt sich vor der Ahnen-reihe des Jazz und Blues, serviert Dave Brubecks „In Your Sweet Way“, eine alte Nummer des Organisten Larry Young, den Ray-Charles-Song „Hallelujah, I Just Love You“. Im Publikum können seine Fans sogar leise mitsingen, wenn er auf seine unvergleichliche Weise „Sweet Lorraine“ intoniert, als wäre er samt dem Lied und seiner Stimme einer Zeitkapsel entstiegen. Die Kollegen kommen im Laufe des Abends ausführlich zu ihrem Recht, wobei die Abfolge der – durchaus vorzüglichen - Soli zuweilen etwas absehbar wirkt: Ratzer ist Teamplayer, er lässt andere gewähren, nennt im genuschelten Wienerisch mindestens drei Mal die Namen jedes Musikers, mischt sich bei den ausladenden Stücken nach anfänglicher Minimalistik wie spontan immer wieder wuchtig ein ins musikalische Geschehen und ebnet dann beispielweise Enders und dessen enormem Können erneut selbstlos die Bühne. Und auf einmal steht auch dieser „oide Weana“ senkrecht, als wäre das eigene Konzert für ihn ein Jungbrunnen. Bedankt sich wie ein Buddhist mit beiden Händen für die Gnade des Augenblicks, erntet seinerseits den Dank des begeisterten bosco. Ein Großer war da, eine Größe verlässlich wie die österreichische Bundesbahn im Winter.

Pressestimmen 
Der österreichische Gitarrist Karl Ratzer steigert sich nach anfänglicher Zurückhaltung und spielt mit seinem Quartett doch noch groß im Gautinger Kulturhaus Bosco auf

Die musikalische Altersweisheit tendiert zu höchster Effizienz. Das Prinzip leuchtet ein: nicht zu viel und nicht zu wenig, das verheißt maximale Wirkung bei geringstmöglichem Einsatz. Und das schafft nur, wer eine Menge Erfahrung mitbringt und höchste musikalische Reife erlangt hat, denn schließlich muss man wissen, was das Wesentliche ist.

Der 68-jährige Karl Ratzer weiß es längst und konzertiert erfolgreich mit diesem Vorsatz - und sein unvollständiges Quintett pflichtete ihm im Gautinger Bosco vor fast ausverkauftem Saal letztendlich bei. Die weite Bahnanfahrt von Wien ins Würmtal hatte Ratzer offenbar etwas zugesetzt, denn er stieg müde in den Ring. Aber die Musik stellte ihn wieder auf die Beine. Zumal er sich darauf verlassen konnte, dass ihm seine drei großartigen Mitspieler (Posaunist Ed Neumeister war verhindert und kam nicht mit) schon die nötige Starthilfe geben würden. Die Rhythmusmaschinerie tickte denn auch wie eine sündhaft teure Schweizer Uhr, gnadenlos zuverlässig, klangvoll und sauber.

Dass Kontrabassist Peter Herbert einst seine Ausbildung klassisch und am Klavier begann, macht sich in seinem Spiel bis heute bemerkbar. Sein runder Ton und sein ganzheitlicher Ansatz sind eine große Stärke der Truppe, denn Herberts Unterlage steuert die nötige Klangfülle bei. Dennoch verstand er es, eine klare Abgrenzung zum klassischen Instrumentalspiel zu schaffen, und ging am gestrichenen Bass mit mehr Bogendruck derber und ohne Vibrato zu Werke. Howard Curtis, der in Graz Jazz-Drumming lehrt, setzt nicht weniger auf Klangbildung, aber als Ergänzung zu Herbert doch aufs Geräuschhafte fokussiert. Nicht selten ließ er die Trommelfelle nicht mit Einzelschlägen ausschwingen, sondern setzte pointierte Wirbel ein und formte kleine Geräuschwolken auf Trommeln und Becken. Umso scharfkantiger abgegrenzt waren dann die klar exponierten, meist sperrig rhythmisierten Motive, über die Curtis in seinen eigenwilligen Soli aufschlussreiche Variationen erfand.

Karl Ratzer zeigte zunächst keine Ambitionen, sich als Frontmann zu profilieren. Er gab anfangs dem Weilheimer Saxophonisten Johannes Enders den Vortritt, der aber auch mit melodiöser Stimmführung die Weichen für Ratzer stellte - und zugleich dem Blues des Jazzorganisten Larry Young gerecht wurde. Und so allmählich taute der Grandseigneur der Gitarre auf und kam in Fahrt. Vor Dave Brubecks "In Your Sweet Way" nahm Ratzer schon die Mütze ab und schaltete in einen höheren Gang. Bei "Butterfly" wollte ihm die Stimme noch nicht so recht in die Höhen folgen, doch "Love is a splendid thing" klang schon weitaus kraftvoller, untermauert von einem packenden Unisono-Duett von Gitarre und Kontrabass. Solche Unisono-Passagen, so auch zwischen Gitarre und Saxofon etwa in "Blues on the Corner", sorgten immer wieder für rockige Anspielungen, die Ratzer bisweilen dazu animierten, den Lautstärkeregler aufzudrehen und mit wilden Krachern schon mal auch reichlich schräge Töne einzuwerfen. Seine Mitspieler sprangen kurzentschlossen auf den Zug auf, boten doch diese gewollten Entgleisungen Gelegenheit, stärkere Kontraste zu setzen und die Songs so interessanter zu machen.

Dann lebte Ratzer sichtlich auf, und es hielt ihn nichts mehr auf dem Stuhl. Auch wenn er seine wilden Zeiten wohl hinter sich gelassen hat, juckte es ihn offenbar ab und an in den Fingern, wieder groovend abzurocken. In die Pause schickte er das Publikum mit funkiger Energie, im zweiten Set folgte gleich wieder ein kerniger Song. Ratzer war definitiv im Bosco angekommen und zeigte sich entschlossen, auch noch seine Vielseitigkeit vorzuführen. So Beispielsweise mit dem Klassiker "Sweet Lorraine", der nun dem Ausdruck folgend stimmlich reichlich Emotionen weckte. Aber immer in einer lässigen, gänzlich unverkrampften Art. Anfangs war das im Gesang noch allzu sehr an Udo Lindenbergs Nachlässigkeit angelehnt, doch Ratzer wurde zunehmend präziser und kam in "Hallelujah, I Just Love You" von Ray Charles durchaus auf die Höhe der Originalversion. Vor allem aber erreichte Ratzer wieder seine Fingerfertigkeit an der Gitarre, die es ihm erlaubte, filigrane Zaubereien einzuflechten, die sich zwar im reduzierten Rahmen von Kabinettstückchen hielten, aber gerade mit ihrer Präzision schon feinste Effekte erzeugten.

Das Publikum ging mit und wurde für seinen frenetischen Beifall mit einer fulminant beschwingten Zugabe belohnt: "Underground System".