Veranstaltungsinfo

So, 09.02.2020
20.00 Uhr
Vielklang
25,00 / 12,00 €*
* Regulär / bis 25 Jahre | Karten an der Abendkasse oder Telefonisch unter: 089-45238580


Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.

Lydie Auvray Trio: Musetteries

Die „Grande Dame des Akkordeons“ klingt frisch, authentisch und überzeugend – wohl auch deshalb, weil sie einen weiten Bogen um die Klischees macht, die sich aufdrängen, wenn man an französische Akkordeonmusik denkt
Seit fast vier Jahrzehnten begeistert und fasziniert Lydie Auvray mit ihrer Musik und ihrem Akkordeon-Spiel. Sie hat dem als volkstümlich-verstaubt verorteten Instrument zu neuem – modernem – Glanz verholfen.

Von Beginn ihrer Karriere an hat sie sich mit vielen musikalischen Genres beschäftigt und immer wieder ausprobiert, was auf dem Knopfakkordeon möglich ist. Auf ihrem neuen Album, mittlerweile ihr 21., wendet sie sich explizit ihrer musikalischen Herkunft, der Musette-Musik, zu. Den Titel „Musetteries“, eine eigene Wortschöpfung, erklärt sie so: „Ich wollte mit einem Augenzwinkern ausdrücken, dass dieses Album zwar mit Musette zu tun hat, aber nicht dem reinen, puren Musette-Stil gewidmet ist. Es handelt sich dabei um 12 sehr unterschiedliche Stücke, die mehr oder weniger nah an dieser Musik sind. Sie spiegeln wider, was ich aus meinen Musette-Wurzeln gemacht habe." Und was dabei herausgekommen ist, klingt frisch, authentisch und überzeugend, wohl auch deshalb, weil sie einen weiten Bogen um die Klischees macht, die sich aufdrängen, wenn man an französische Akkordeonmusik denkt.

Bei den Konzerten von Lydie Auvrays „Musetteries“-Tour steht die neue CD im Mittelpunkt, aber auch vertraute Werke, von denen manche schon Kultstatus bei ihren Fans haben, kommen selbstverständlich nicht zu kurz. Typische „lydieske“ Walzer und Tangos, berührende Lieder in französischer Sprache, deren Inhalt die Künstlerin charmant erläutert, und auch Weltmusik im weitesten Sinne – mal lyrisch-melancholisch, mal rhythmisch-feurig. Zusammen mit ihren beiden Begleitmusikern macht Lydie Auvray mit ihrer ausnehmend gefühlsbetonten Musik aus jedem Konzert ein bleibendes Erlebnis.
 
LYDIE AUVRAY, Gesang, Akkordeon
ECKES MALZ, Klavier, Percussion
MARKUS TIEDEMANN, Gitarre

Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2020

Nach(t)kritik 

Wer Annie Proulxs weltberühmten Roman „Das grüne Akkordeon“ gelesen hat, der weiß um die Kulturen und Kontinente überbrückende Kraft dieses Instruments. Es kann ein lebenslanger Wegbegleiter sein, sogar ganze Biografien und Schicksale bestimmen. Die Französin Lydie Auvray hat ein sogenanntes „chromatisches Knopfakkordeon“ als musikalischen Lebensgefährten. Seit sie als Kind von ihrem Vater lernte, auf dem Instrument zu spielen, hat sie nach eigenen Angaben „in 42-jährigem Schaffen 23 CDs eingespielt“, nur eine einzige davon („Pure“) als Solistin. Auch bei ihrem Gastspiel im „Bosco“ war sie nun als „Lydie Auvray Trio“ unterwegs – an ihrer Seite Markus Tiedemann (Akustikgitarre, Bass, Ukulele) und Eckes Malz (E-Piano, Percussion). Zu dritt erweitern sich naturgemäß die Möglichkeiten, das im Zentrum des Geschehens stehende Akkordeon gebührend zu inszenieren – in Lydie Auvrays speziellem Fall wäre allerdings auch ein reiner Solo-Auftritt gut denkbar: „Musetteries“ war der Abend überschrieben, genau wie ihre jüngste, noch nicht offiziell erschienene Einspielung mit 13 Stücken. „Es sind meist keine reinen Musette-Stücke“, erklärt Lydie dem Publikum. So gibt es u.a. einen kreolischen Walzer zu hören, den sie ihrer Zeit auf der Karibik-Insel Martinique verdankt. Auvrays Repertoire erzählt, ein bisschen analog zur Emigranten-Saga der Annie Proulx, im Grunde die Lebensgeschichte der Französin: Kompositionen, die nach „Paris im Frühling“ schmecken. Musette-Walzer, die bestimmte Bilder im frankophilen Kopf erzeugen, aber auch persönlich verarbeitete Enttäuschungen mit verflossenen Partnern, wie Lydie andeutet: „Oublie-le“, vergiss ihn!

Als die eigene Tochter Cannelle flügge wurde und nach Südamerika zog, widmete die im Département Calvados in der Normandie geborene Auvray ihr das Stück „Aller retour“ (Hin und zurück), das neben der interessanten Percussion (Eckes Malz) nicht unbedingt auch noch den Bass-Part benötigt hätte, um zu wirken. Dies soll nicht heißen, dass Markus Tiedemanns Beitrag überflüssig gewesen wäre, doch gab es im Laufe des Abends immer wieder Stücke, bei denen man sich Lydie Auvray instrumentell „pur“ bzw. pure gewünscht hätte – die Öffnung in Richtung „Weltmusik“ glückt nämlich nicht immer: „Cohabitation“ etwa, eine mit afrikanischem Rhythmus unterlegte Nummer, bietet zu Beginn und am Ende ein wenig Getrommel, ansonsten stehen die Elemente Akkordeon (Europa) und Percussion (Afrika) eher fremdelnd nebeneinander und gehen keine geglückte Verbindung ein. Besser klappt die angepeilte Internationalität, wenn Tiedemann zur „Oud“ bzw. „portugiesischen Gitarre“ (Auvray) greift und das „Couscous à la Véro“ intoniert, quasi ein vertontes maghrebinisches Spezialgericht einer guten Freundin.

Das „Bosco“-Publikum schien vor allem dann entzückt, wenn Lydie mit viel mimischer Begleitung das französische Kern-Element der „Musetteries“ inszenierte, um nicht zu sagen, das Klischee bediente: Leidenschaftlich wirft sie dann ihren Kopf mit den blonden Locken hin und her, singt mit Melancholie und Dankbarkeit von ihrem geliebten Papa („Pour toi“), der ihr das Spielen einst beigebracht hatte. Vor allem mit solchen Liedern erzeugt die Französin aus Langrune-sur-Mer höchst innige Momente, die man gerne teilt, den Atem angehalten. Ihre Komposition „Das Meer“ lässt ihrerseits das Meer geradezu ein- und ausatmen: Ein atonales Zusammendrücken des Akkordeons und ein perkussives Rieseln genügen für diese perfekte Illusion. Und wenn ein Tango gespielt wird, gelingen Lydie trotz des schweren weißen Akkordeons sogar noch entsprechende Tanzschritte. Auvray lebt inzwischen in Köln, hat dort viele Freunde, zu denen offenbar auch der große Hannes Wader zählt. Der war als Liedermacher selbst immer eine Art Purist, ließ sich nicht auf den populären Geschmack ein – womöglich eine Anregung für die unbedingt als Virtuosin zu preisende Lydie, die „karibische Normandie-Französin“, die doch nicht zu sehr dem „deutschen“ Geschmack Tribut zollen sollte? Das Publikum war jedenfalls absolut begeistert, der nörgelnde Kritiker aber meint: Da wäre noch mehr von „La France pure“ drin gewesen ...