Veranstaltungsinfo

So, 10.03.2019
20.00 Uhr
Schauspiel
30,00 / 15,00 €*
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Metropoltheater München: „Alice“ nach Lewis Carrolls "Alice im Wunderland"

Ein magisch-surreales Spektakel aus Poesie, Groteske, Verlangen und Wahnsinn und eine tragisch unerfüllte Liebe.
Von Robert Wilson, Tom Waits und Kathleen Brennan. Deutsch von Wolfgang Wiens.
Zeit seines Lebens war der studierte Theologe und Mathematiker Charles L. Dodgson, weltbekannt unter seinem Dichternamen Lewis Carroll, fasziniert von der jungen Alice Liddell, Tochter seines Universitäts-Dekans. Sie war häufiges Motiv seiner Fotografie-Arbeiten und Vorbild für die Heldin seines berühmten Klassikers „Alice im Wunderland“, den er für sie schrieb.

ALICE, neben "The Black Rider" und „Woyzeck“ eine weitere Zusammenarbeit von TomWaits und Robert Wilson, verflicht das Leben Charles Dodgsons und seine Obsession für Alice Liddell mit den Motiven aus "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln": An einem gefährlichen Wendepunkt in seiner bislang unschuldigen Beziehung zu Alice angelangt, entführt Dodgson sie zum Schutz vor seinem Begehren in ein von ihm geschaffenes Wunderland, in dem er gefahrlos an ihrer Seite bleiben kann. In einer stets zwischen Traum und Wirklichkeit changierenden Szenerie von phantastischen Gestalten und rätselhaft-skurrilen Begegnungen, ist Dodgson mal unschuldiges Kaninchen, mal rettender Ritter, und verliert dabei zusehends die Fähigkeit, Fiktion und Realität auseinanderzuhalten. Als sich die Atmosphäre emotional und erotisch mehr und mehr auflädt, droht die Situation zwischen den beiden einander so tief verbundenen Figuren zu eskalieren…

Die innere Zerrissenheit des Schriftstellers kommt in Tom Waits' melancholischen, sehnsuchtsvoll-zarten Melodien zum Ausdruck, die von lyrischen Balladen über einen spielerischen Walzer bis hin zu verrauchten Jazzsongs reichen - eine kongeniale Spiegelung des fragilen, abgründigen Traum- und Seelenlebens Dodgsons. Tom Waits über seine Alice-Musik: "Alice is adult songs for children, or children’s songs for adults. It’s a maelstrom or fever-dream, a tone-poem, with torch songs and waltzes... an odyssey in dream and nonsense."

ALICE, 1992 am Thalia Theater in Hamburg in der Regie von Robert Wilson uraufgeführt, vervollständigt die Tom Waits-Trilogie am Metropoltheater, die 1998 mit "The Black Rider" zur Theatereröffnung ihren Anfang nahm und 2010 mit WOYZECK fortgesetzt wurde. Co-Autorin der Musik und Gesangstexte ist Tom Waits' Ehefrau und langjährige musikalische Kollaborateurin Kathleen Brennan.

Für Philipp Moschitz, regelmäßig als Schauspieler am Metropoltheater zu sehen, ist ALICE nach dem mit dem Monica Bleibtreu-Preis ausgezeichneten Abend "Das Abschiedsdinner" seine zweite Regiearbeit am Metropol.

Regie PHILIPP MOSCHITZ
Musikal. Leitung/Arrangements ANDREAS LENZ VON UNGERN-STERNBERG
Choreographie KATJA WACHTER
Bühne THOMAS FLACH
Kostüme CORNELIA PETZ
Licht HANS-PETER BODEN
Maske NICOLE WEINFURTNER
Puppenbauer LORENZ SEIB

Mit VANESSE ECKART, THOMAS SCHRIMM, SEBASTIAN GRIEGEL, PATRICK NELLESSEN, MARIA HAFNER, NATHALIE SCHOTT, NICK ROBIN DIETRICH

Musikalische Besetzung
Cello EMIL BEKIR, ANIKÓ ZEKE
Schlagzeug STEFAN GOLLMITZER, FLURIN MÜCK, JOHANNES ROTHMOSER
Kontrabass RENE HADERER, JULIA HORNUNG
Piano, Orgel ANDREAS LENZ VON UNGERN-STERNBERG
Klarinette, Saxophon SILVAN KAISER, WOLFGANG ROTH, STEFFEN SCHMITT, ULRICH WANGENHEIM

Dauer 2 Std. 20 min, eine Pause
Einführung 19:15 Uhr
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2019

Nach(t)kritik 

Wer ist Alice? Ein kleines Mädchen, das mit Puppen spielt? Eine junge Frau, die das Kind, das sie war, abgespalten hat? Ein verführtes Kind, Projektionsfläche für die Phantasien eines einsamen Mannes? Oder ist Alice eine Figur in einer Geschichte, die Mr Dodgson alias Lewis Carroll sich ausgedacht hat?

„Alice“, nach Motiven der Romane „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“, ist nach „The Black Rider“ und „Woyzeck“ der dritte und düsterste Teil der Trilogie von Tom Waits und Robert Wilson, mit der das Metropoltheater das Thema „Traum“ auf die Bühne bringt und Traumdramaturgien in Szene setzt. An drei aufeinanderfolgenden Abenden gastieren sie mit „Alice“ im bosco.

Und wie weit geht ein Traum? Traum, Trug, tragische Tragweite thronender Trapezkünstler. Philipp Moschitz inszeniert einen absurden Alptraum aus assoziierenden Artisten und altersloser Ahnungslosigkeit. Im Zentrum der Szene dreht sich ein aufrechtes Rad, mal Tor, mal Hamster- (oder Schicksals-)rad. Hier öffnen sich die Türen hinein ins Unbekannte, hier nehmen Traumfiguren Platz und werden im Drehen auf den Kopf gestellt. Das Rad trennt in ein Davor und ein Dahinter, in Oben und Unten, in Vorher und Nachher. Zugleich bietet es Fenster, die zur Bühne werden, die Einblicke freigeben und varietégleiche Auftrittsmöglichkeiten bieten.

Und was darf die Liebe? „Alice“ erzählt die Geschichte des Einzelgängers Charles Lutwidge Dodgson, das Drama eines begabten Kindes, das viel schneller verstand als alle anderen, aber von den anderen nicht verstanden wurde. Und das lag nicht allein an der Tatsache, dass Dodgson stotterte. Selbst zu früh zum Objekt der Begierde anderer, viel älterer geworden, verliert er sein Herz an das Mädchen Alice, ein Kind, das er gerne ansieht und sehr gerne fotografiert und das er am liebsten für immer vor bösen Träumen beschützen möchte. Also verwandelt er die Welt für Alice, verwandelt den Tag in einen Traum und sich  selbst mal  in ein Kaninchen, mal in einen guten Ritter. Alice gerät mitten hinein in Dodgsons Geschichte und muss sich darin zurechtfinden, an ihrer Seite eine kindgroße Puppe, die stumm mit ansieht, was Alice geschieht. Sprechende Blumen, ein scheues Reh, ein verrückter Hutmacher und eine Königin, die liebend gern Köpfe rollen sieht, dazu ein Rätsel aus wüst wirren Wörtern und Stabreimen, das sich Jabberwocky nennt und ungelöst zu bleiben scheint - Alice sucht in diesem wundersamen Land nach einem Ausgang, nach des Rätsels Lösung und nicht zuletzt nach sich selbst. Und vielleicht sucht Alice auch nach einer Erklärung für das, was zwischen ihr und Mr Dodgson geschieht, was sie verbindet und wie ein großer Schmerz für immer zwischen ihnen steht.

Das Ensemble des Metropoltheaters - Nick Robin Dietrich, Vanessa Eckart, Sebastian Grießle, Maria Hafner, Patrick Nellessen, Nathalie Schott und Thomas Schrimm - spielt, singt, tanzt - in der Choreographie von Katja Wachter - und erzählt die tieftraurige und unendlich schöne Geschichte um eine moralisch anzufechtende und aufgrund der Beschaffenheit der Liebe aber unerklärliche Leidenschaft, die versucht, sich selbst neu zu erfinden und damit - vergeblich - zu beherrschen. 

Und wie ist die Musik? Tom Waits` Songs sind von großer Poesie, hier von den Schauspielerinnen und Schauspielern präsentiert mit Leidenschaft und Gespür für die Tragfähigkeit von Show und Schabernack.

Was aber ist Jabberwocky? All mimsy were the borogoves, and the mome raths outgrabe. Vielleicht ist es, mimsy und mome, der Versuch, die Zeit anzuhalten, und sei es nur für den Moment eines stehenbleibenden Bildes aus unschuldiger Schönheit. Doch das Rad der Zeit dreht sich unaufhaltsam weiter.

Pressestimmen 
Das Metropoltheater München verzaubert die Zuschauer im Gautinger Bosco mit seiner Inszenierung von "Alice", einer kühnen Mischung aus Musiktheater, Musical, Jahrmarkt und Drama

Die Bühne im Bosco ist um die ersten Stuhlreihen vergrößert, schwarz ausgeschlagen, bedrohlich dunkel. Eine seltsame, metallisch glänzende und runde Konstruktion nimmt die Mitte der Bühne ein, ein Rad oder auch eine senkrechte Drehscheibe, in der Öffnungen mal zu Türen, mal zu Fenstern werden. Ein Schicksalsrad. Und Durchgang für das Mädchen Alice von der realen Welt in die Traumwelt, in den dunklen Wald, ins Ungewisse, Unbewusste. "Alice" basiert auf einem Album des Rockmusiker Tom Waits von 1992 und einer Inszenierung von Regisseur Robert Wilson und Texterin Kathleen Brennan. Darin hatten sie das Leben von Charles Dodgson, der unter dem Namen Lewis Carroll "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln" geschrieben hat, mit dessen Obsessionen für das Mädchen Alice Liddell verwoben.

Das Metropoltheater unter der Regie von Philipp Moschitz ist nun an drei aufeinanderfolgenden Abenden mit dem Stück im Gautinger Bosco zu Gast und wird, das soll gleich verraten werden, bei der ersten Aufführung am Sonntag frenetisch gefeiert. Es ist ein ganz neues Erlebnis, nicht nur Theater, Musiktheater, Musical, Singstück, Jahrmarkt - es ist alles zusammen und es ist magisch. Das Publikum ist verzaubert.

Schon die erste Szene ist eine Fotosession. Die kleine Alice und ihre Puppe werden von einem alten schwabbeligen Dodgson geblitzt, der, das ist durch die Forschung verbürgt, von ihr und ihren Freundinnen, die mal mehr, mal weniger bekleidet waren, zahlreiche Aufnahmen gemacht hat. Immer wieder wird Carrolls Passion für Alice thematisiert, und mehr als einmal steht Pädophilie im Raum: "Ich mach' alles, was er will", sagt Alice, und so echoen auch die Stimmen. Ganz gleich ob Thomas Schrimm, der eine wunderbar bluesige Stimme hat, Dodgson ist oder das weiße Kaninchen, eine Blume, der Fotograf oder der weiße Held, er bestimmt das Tempo und den Fortgang der Geschichte. Alice ist immer doppelt auf der Bühne, als junges Mädchen, gespielt und mit zauberhafter Stimme gesungen von Vanessa Eckart, und als lebensgroße Puppe, die ihr Abbild als Kind ist. Beide bewegen sich fast synchron, sind die meiste Zeit wie miteinander verwachsen. Nur ab und an lässt Alice ihr jüngeres Alter Ego los. Sie steht mitten drin in der Geschichte, ratlos, "wer bin ich?" fragend, suchend, umherirrend. Sie ist der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Sie weiß, dass sie sich im Wald verirrt hat und nun den Sinn des Zauberworts "Jabberwocky" finden muss. Die surrealen Wesen aus den beiden Büchern versuchen, mit unsinnigen Dada-Reimen Hinweise zu geben und dem Mädchen mit zirkusreifen akrobatischen Nummern im sich drehenden Rad auf die Sprünge zu helfen oder es auch nur noch mehr zu verwirren.

Doch Alice ist weiterhin unwissend, verwundert. Und dann kommt die Königin, die in ihrem ganzen Auftreten, ihrem Ton-in-Ton-Outfit, obligatorischem Hut und Handtasche, wie auch dem etwas gebeugten Gang schon sehr an die gute alte Queen Lilibeth erinnert. Doch Ihre Majestät, genial gespielt von Maria Hafner, ist eine Böse, will Köpfe rollen sehen. Ohne die Lösung des Rätsels geht nichts, sie steigt ins Rad und schaut den weiteren Ereignissen von oben herab zu.

Dass der junge Dodgson, der ja nach dem Willen seines Vaters Geistlicher hätte werden sollen, nicht aus dem Nichts zum Stotterer und Kinderfreund wurde, macht ein Tanz von Pfarrer und Ministranten im rotweißen Ornat deutlich. Und dann sind die Schreie eines Kindes zu hören. Klarer geht es wohl kaum. Eine Stimme aus dem Off sagt: "Sei brav, niemand hilft dir in der Not!" Es ist nun sehr still im Zuschauerraum. Es gibt etliche dieser unheimlichen aufgeladenen Szenen, die auch dem Letzten im Publikum jede Nachsicht mit Carroll nehmen. Die Beziehung zwischen dem unglücklichen Autor und dem Mädchen Alice kann nun nicht mehr als unschuldig durchgehen. Auch wenn sie zum Schluss ein verträumtes Solo singt und sich wohlzufühlen scheint.

Die Musik von Tom Waits, die Choreographie von Katja Wachter, die unsichtbaren Musiker der Band von Andreas Lenz von Ungern-Sternberg, das weitere Ensemble mit Nathalie Schott, Nick Robin Dietrich, Sebastian Griegel und Patrick Nellessen - alle sind großartig.