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Veranstaltungsinfo

Mi, 16.03.2022
20.00 Uhr
Schauspiel

30,00 / 15,00

Regulär / bis 25 Jahre

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Veranstalter: Theaterforum Gauting e.V.

Metropoltheater München: „Die Wahrheiten“ von Lutz Hübner & Sarah Nemitz

„Die Wahrheiten“ ist ein Stück über Machtstrukturen und Machtmissbrauch zwischen den Geschlechtern, und zwar genau dort, wo sie am häufigsten zu finden sind: in der Paarbeziehung.

Seit 17 Jahren sind Bruno und Sonja mit Erik und Jana befreundet. Eine gute Paarfreundschaft. Doch aus heiterem Himmel kündigen Erik und Jana per SMS an, den Kontakt abzubrechen – mit sofortiger Wirkung. Nachdem der erste Schock vorüber ist, bringt die Nachricht unausgesprochene Verletzungen ans Licht. Bruno hat Janas Psychologiestudium finanziert und das Paar in Erbschaftsangelegenheiten beraten. Nun fühlt er sich gedemütigt und abserviert. Und Sonja fürchtet, sie habe ihre Freundin Jana verstört, als sie ihr in einem schwachen Moment ein intimes Geheimnis über ihr Leben mit Bruno beichtete.

Dass für Jana vor allem Bruno und ein vier Jahre zurückliegender Übergriff bei einem durch ihn vermittelten Coaching-Seminar für Führungskräfte der Auslöser ist, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Denn die Geschichte, die alle kennen, ist nur die halbe Wahrheit. Und einmal in Gang gesetzt, kommen bei der Suche immer weitere Wahrheiten ans Licht …

„Die Wahrheiten“ ist ein Stück über Machtstrukturen und Machtmissbrauch zwischen den Geschlechtern, und zwar genau dort, wo sie am häufigsten zu finden sind: in der Paarbeziehung.
Lutz Hübner und Sarah Nemitz legen ihre Figuren unter das Brennglas und fächern Schicht um Schicht eingeschliffene Dynamiken, festgewachsene Geschlechterstereotypen und zwischenmenschliche Kommunikationsdefizite auf. Sie erzählen aus mehreren Perspektiven und legen so den Blick frei auf „unverantwortliche Wahrheiten“, die man dem anderen lieber verschweigt und die mit Wucht dazu führen, dass sich alles grundlegend ändert.

Regie JOCHEN SCHÖLCH
Bühne THOMAS FLACH
Kostüme CORNELIA PETZ
Licht HANS-PETER BODEN
Dramaturgie KATHARINA SCHÖFL
Regieassistenz DOMAGOJ MASLOV

Mit MICHELE CUCIUFFO, KATHARINA MÜLLER-ELMAU, LEO REISINGER, MARA WIDMANN

Einführung 19.15 Uhr
Dauer 1.40 Std., keine Pause 

Nach(t)kritik
Short Message als Teilchenbeschleuniger
Nach(t)kritik von Sabine Zaplin

Am Anfang ist es nur eine kurze Irritation: als Bruno und Sonja aus dem Kino kommen und den Abend noch kurz bei einem Glas Wein ausklingen lassen wollen, ploppt auf Brunos Handy eine SMS auf. Sie kommt von Erik und Jana, einem befreundeten, etwas jüngeren Paar. In knappen Worten kündigt Erik, auch im Namen von Jana, dem anderen Paar die Freundschaft auf und fügt noch hinzu, das müsse auch nicht mehr diskutiert werden. Zunächst halten Sonja und Bruno die Nachricht für einen schlechten Scherz, doch als keine anders lautenden Zeichen eintreffen, beginnen sie zu mutmaßen, zu analysieren, bald schon zu streiten. Wer sind die anderen, wer sind sie beide selber, und was haben sie einander in den siebzehn Jahren ihrer Freundschaft - und in ihren Ehen - angetan, verheimlicht, anvertraut, zugemutet? Und was alles davon ist die Wahrheit?

Dass es in dem Theaterstück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz nicht um die eine, allgemein gültige Wahrheit geht, zeigt schon der Titel: „Die Wahrheiten“, ein Auftragswerk für das Staatstheater Stuttgart aus dem Jahr 2020, ist im bosco in einer Produktion des Metropol Theaters zu sehen, inszeniert von Jochen Schölch. Schölch stellt, zusammen mit Bühnenbildner Thomas Flach, das Drama um Kommunikationsverlust und Machtmissbrauch auf die Drehbühne und damit auf einen per se nicht festen Boden. Das Bild ist auf eine mit länglichen, nüchternen Quadern angedeutete Sitzgruppe reduziert, dem Zentrum häuslicher Kommunikation, das zur einen Seite hin im ersten Bild Raum für das Gespräch zwischen Bruno und Sonja bietet, im zweiten Bild mit der anderen Seite zum Sofa bei Erik und Jana wird und auf diese Weise die andere Seite des Konflikts zeigt. Das dritte Bild schließlich rückt den Kommunikationsort in den öffentlichen Raum: eine Parkbank, ein urbaner Platz mit Sitzmöglichkeiten.

Immer wieder werden die Perspektiven gewechselt, wird aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet, was zu diesem radikalen Bruch zwischen den beiden Paaren, den vier Freunden geführt hat: eine viel zu lange verschwiegene Demütigung, ein Nicht-Wahrhaben-Wollen einer Missbrauchserfahrung, ein falsch gedeutetes Verhalten und damit einhergehend ein von den Beteiligten nicht bemerkter Machtmissbrauch. Die Ursache dafür, dass  diese schwerwiegenden Verletzungen so lange unbenannt blieben, ist die Sprache: die Kommunikation zwischen den Männern und Frauen, aber auch zwischen den Freunden war gestört, fand auf verschiedenen Ebenen statt, war nicht kompatibel.

Ausdruck für die gestörte Kommunikation ist schon die SMS, die zum Auslöser für die einsetzende Dynamik wird - ganz so, als sei sie der Motor für die Drehscheibe, die ihrerseits zum Sinnbild für die Beschleunigung der Offenbarungsprozesse wird. Wie in einer Trommel prallen die als verschieden wahr-genommenen Wahrheiten aufeinander, bis am Ende Jana beinahe hinausgeschleudert wird, als sie versucht, trotz einer immer schneller werdenden Drehbewegung ihre Position in dem Vierergeflecht zu behaupten.

Mara Widmann spielt Jana als eine bis vor kurzem noch in stereotypen Mustern gefangene junge Frau, bei der aufgrund einer äußeren Mitteilung das bisher in ihr abgekapselte Missbrauchserlebnis wie eine Wunde aufbricht und sie die Verletzung spüren lässt; nur mühsam kann sie sich beherrschen, versucht bis zur Schmerzgrenze nachzuspüren, warum sie bisher immer nur bei sich selbst die Schuld gesucht hat. Leo Reisinger ist ihr Mann Erik, ein auf den ersten Blick einfühlsamer, empathiefähiger Zeitgenosse, der seine eigenen Schwächen jedoch für sich überzeugend zu entschuldigen versteht und nciht wirklich begreifen kann, wie wenig er seine Frau tatsächlich versteht. Katharina Müller-Elmau lässt ihre Sonja als äußerst beherrscht wirken, eine eher kopfgesteuerte Frau, die ihre Gefühle jedoch immer weniger unterdrücken kann, vor allem hinsichtlich der Beziehung zu ihrem Sohn, ihrer personifizierten Lebenslüge. Ihr Mann Bruno wird von Michele Cuciuffo als „alter weißer Mann“ gezeichnet, der mit klassischen Rollenmustern aufgewachsen und als solcher zu kommunizieren gewohnt ist. Konfrontiert mit dem von ihm ausgeübten Machtmissbrauch, reagiert er zutiefst irritiert - sein Weg heraus aus den ihn einschränkenden Stereotypen ist nicht weniger weit als der von Jana hin zu einer freien, selbstbestimmten Persönlichkeit.

Was als Gesellschaftskomödie begann, im scheinbar unterhaltsamen Ton, entwickelt sich mehr und mehr zu einem Psychodrama mit hohem Identifikationspotential. Ein Abend, der unter die Haut geht.

Galerie
Bilder der Veranstaltung
Mi, 16.03.2022 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.