Veranstaltungsinfo

Fr, 26.10.2018
20.00 Uhr
Jazz
30,00 / 15,00 €*
* Vorverkauf ab 07.07.2018

Michael Wollny Trio: Jazz-Pianist mit Prädikat Weltklasse

Er bringt alles mit, was man von einem perfekten Jazzpianisten verlangen kann: virtuose Technik, überschäumende Fantasie, Disziplin und die Fähigkeit zum kreativen Chaos, Sinnlichkeit sowie ästhetisches Gespür.
Die Süddeutsche Zeitung nennt Michael Wollny einen Musiker, der »aus jeder nur erdenklichen Musik ein Erlebnis machen kann, das einem den Atem nimmt«. Für die FAZ ist er der »vollkommene Klaviermeister“, für das Hamburger Abendblatt »die stärkste Jazz-Musikerpersönlichkeit, die Deutschland seit Albert Mangelsdorff hervorgebracht hat«. Nicht nur füllt er selbst die großen Konzertsäle, er ist auch bei den namhaftesten europäischen Kollegen als Partner gefragt.

Der 1978 in Schweinfurt geborene Pianist gilt zweifellos als einer der wichtigsten europäischen Jazzmusiker seiner Generation. Dabei ist er alles andere als ein typischer Jazzpianist. Wenige bearbeiten den Flügel so körperlich wie Wollny.
Geistig wie physisch ist er immer in Bewegung. Oft geht es dem Instrument an die Eingeweide. Seine Inspiration kann dabei von Franz Schubert oder Gustav Mahler kommen, von Björk oder Kraftwerk, von japanischen Gangsterfilmen oder
Horrorstories: Sein Spiel ist so grenzenlos, wie seine Suche nach dem bisher Ungehörten. Der Ausdruckskraft, die sich aus dieser Energie, gepaart mit unerschöpflichem Einfallsreichtum und überragender Technik, ergibt, kann man sich nicht entziehen.

MICHAEL WOLLNY piano
CHRISTIAN WEBER bass
ERIC SCHAEFER drums



Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2018

Nach(t)kritik 

Als ECHO-Preisträger Michael Wollny vor vier Jahren gemeinsam mit dem Vokalisten Theo Bleckmann im bosco auftrat, schrieb der Kritiker von einem „Glücksfall“. Auch diesmal war es offenbar nur den hervorragenden Kontakten des Hauses zu verdanken, dass das längst überall gefeierte „Michael Wollny Trio“ sich die Zeit für ein Konzert in Gauting nahm – und es sollte abermals ein denkwürdiges Ereignis werden: Wollny, mit gerade mal 26 Jahren 2014 als Professor an die Hochschule für Musik in Leipzig berufen, hat längst weitere Auszeichnungen erhalten, so 2017 den Bayerischen Kulturpreis. Dem gebürtigen Schweinfurter wird unter Jazzpianisten Weltklasse attestiert, daher verwunderte der Andrang eines erwartungsvollen Publikums beim bosco-Abend keineswegs, und es wurde nicht enttäuscht: Wollny und seine Mitstreiter Christian Weber (Kontrabass) und Eric Schaefer (Drums) dürften die great expectations sogar noch übertroffen haben, die auch die jüngste CD "Nachtfahrten" (2015) genährt hatte.

Alleine Wollnys Technik am Pianoforte ist eine Augenweide: Insbesondere die Finger der rechten Hand müssen immer wieder breiteste Spreizungen verkraften, um jene mehrtönigen Zusammenklänge zu erzeugen, die noch dazu in teils irrwitzigem Tempo erzeugt werden – das kann im Extremfall über Minuten so gehen, kraftraubend, ekstatisch und doch in höchstem Maße diszipliniert. Wollny arbeitet sich regelrecht in die Tasten hinein, stößt mal von oben wie ein Habicht zu mit hartem Anschlag, lässt dann wieder „alle Zehne“ von der Leine, um eine Art perlendes Arpeggio zu kreieren, ganz als flösse das Klavier über in diesem Moment. Sein Instrument wirkt bei Wollny wie ein Beet, in das er seine Ideen hineinpflanzt. Das kann auch mal atonal geschehen, in einer geradezu perkussiven Passage, in der Wollny dem Klavier quasi ins Gedärm greift, Christian Webers geschmeidiger Kontrabass mit den nun abgeklemmt angeschlagenen Klaviersaiten in Dialog tritt und Eric Schaefer als akurates „Schlagwerk“ der Dritte im Bunde ist. Man kann die Metapher vom „Beet“ aber durchaus noch weiter führen: Das Trio verwendet als Dünger für seine bis zu 20 Minuten langen Blöcke mit ineinander übergehenden Stücken und Arrangements nämlich die erstaunlichsten Ingredienzen: Das Oeuvre ludus tonalis des Neoklassizisten Paul Hindemith etwa steht nicht zufällig für praktische pianistische Probleme, die in seinen Kompositionen gerne mal bis an die physiognomischen Grenzen ausgereizt werden. Michael Wollny arbeitet sich auch an den musiktheoretischen, kompositorischen Ideen der „Ungewohnten Musik“ Hindemiths ab wie ein junger Gipfelstürmer.

Als weiteren „Humus“ verwendet das Trio unter anderem Material von Scott Walker („Walker Brothers“), Eric Schaefers japanisch inspirierte Eigenkomposition „Kyoto Mon Amour“ oder auch Claude Débussys „Nuit Blanche“ - zumeist stehen sogenannte Erneuerer der Musik für diese Stücke Pate, ihrerseits neu arrangiert oder dramatisch frisiert. Wer rätseln mag, der kann freilich immer mal auch mikroskopische Zitate der jüngeren Musikgeschichte vermuten und sie womöglich als Harmoniefolge aus „Moon River“ dechiffrieren oder als "Koyannisqatsi"-Derivat. Das akustische Gesamterlebnis ist jedenfalls von beeindruckender Wucht und voller Überraschungen: Glaubt man in alter Hörgewohnheit, eine Komposition komme zu ihrem Ende und habe ihren Bogen vollführt, erhebt sie sich auf einmal wie Phönix aus der Asche und zu völlig verwandelter Gestalt. Umgekehrt findet ein eben noch tobender Duktus – bei Michael Wollny buchstäblich im Handumdrehen - zu friedvoller und dann doch wieder trügerischer Ruhe: Nein, keine harmonischen Gefälligkeiten. Ein solch reiches Bukett an entfesselter Kreativität sucht seinesgleichen. Das Publikum lauschte gebannt, die hohe Konzentration der Akteure übertrug sich, es war wie ein Sog, und man hatte das Gefühl, einem spannungsgeladenen Ereignis beizuwohnen. Als Zugabe nach fast zwei Stunden ohne Pause noch ein zartes, nach innen gekehrtes Piano-Juwel. Ja, es war wohl Weltklasse, zu Gast im bosco.

 

Pressestimmen 
Seit Jahren schon reitet Michael Wollny auf einer gewaltigen Erfolgswoge. Superlative purzeln nur so daher in den Kritiken, einhellig mit dem Urteil des Publikums - so auch offenkundig im ausverkauften Gautinger Bosco. Zusammen mit Christian Weber am Kontrabass und Eric Schaefer am Schlagzeug sollte Wollny auch hier die Musik zum Abenteuer machen. Und das ist keine Floskel, denn exakt das ist wohl auch das Erfolgsrezept Wollnys und seines Trios.Der Pianist nahm es mit den Titeln nicht so ernst in seinen spärlichen Ansagen. Was gewiss nicht heißen soll, dass er nachlässig wäre oder das Publikum nicht wertschätzte, sondern vielmehr, dass es nicht so wichtig war, was zunächst der Anlass für ein Stück gewesen ist, sondern vielmehr wie es sich entwickelt, welche emotionalen Regionen es durchwandert und womit die drei Musiker aus dem Moment heraus dem Thema begegnen. Dennoch ist das Ausgangsmaterial nicht beliebig, denn Wollny und seine Mitstreiter steigen schon tief in den Steinbruch der Musikgeschichte ab, um Brocken rauszuhauen, die zunächst so gar nicht kompatibel scheinen, dann aber doch unter einem weiten Spannungsbogen zusammenfinden. Nicht etwa, dass es den drei Musikern darum ginge, die Elemente und Stücke auf Biegen und Brechen kompatibel zu machen. Ganz im Gegenteil: Gerade die Inhomogenität ist der Schlüssel dazu, Spannung zu erzeugen, avantgardistisch zu kontrastieren und zu reiben, mit plötzlichen Wendungen zu überrumpeln, ja letztendlich reichlich schräge Passagen zu erfinden, die auch mal hemmungslos wild lärmen.

Würde man die gespielten Titel des Trios auf stilistische Einflüsse analysieren, fände man wohl so ziemlich alles, was die Tonerzeugung je hervorgebracht hat. Deshalb ist hier wohl wichtiger, nicht nach dem Was zu fragen, sondern nach dem Wie. Wie geht man mit Hindemiths Gravity-Interludium oder eigenem Material um. Beispielsweise mit "Kyoto mon Amour", das mit nahtlosen Übergängen zwischen "Big Louise" von Scott Walker und Debussys "Nuit Blanche" stimmig aufgehen sollte. Und vor allem: Wie improvisiert man über so unterschiedliche Ansätze? Letzteres lässt sich nicht pauschal beantworten, denn das Michael Wollny Trio suchte individuell für jedes Material nach einfühlsam erspürten Lösungen. Keine Dramaturgie glich der anderen, was eben den Erlebnisfaktor ausmacht. Es erwies sich als ein fesselnder Ansatz, der nur mit einer gewissen Offenheit der Kompositionen möglich war. Der Rahmen war darin jeweils abgesteckt, doch was im Einzelnen dann spontan passierte, blieb der momentanen Eingebung der Musiker vorbehalten. Und der Überraschungseffekt galt nicht nur dem Publikum, sondern zum Teil auch den Musikern untereinander, die unentwegt in Bereitschaft blieben, auf die Erfindungen der Mitspieler zu reagieren.

Die musikalischen Reisen fielen denn auch recht abenteuerlich aus. Reinster Jazz mit packendem Drive über vorantreibendem Walking-Bass und dichtem Schlagzeugpuls stand im Zentrum, wohin das Trio immer wieder zurückkehrte. In Intros und Zwischenspielen ließen sich die Musiker gerne auf Klangexperimente ein. Etwa mit Gegenständen oder Dämmung auf den Flügelsaiten, Obertonspielereien am gestrichenen Bass oder Schrott-Geräuschhaftem vom erweiterten Schlagzeug-Set. Auf der anderen Seite fand Wollny aber immer wieder auch zu hinreißend fließender Schönmelodik mit wohligen Harmonien voller Poesie, was durch den Kontrast umso mehr unter die Haut ging. Oder er unterlegte augenzwinkernd einen Quint-Bordun und ließ die Melodik folkloristisch tanzen. Wenn es mal bluesig wurde, konnte aus einfühlsamer Thematik allmählich eine astreine Rockballade hervorgehen. Wollny, Weber und Schaefer brachten die Steigerungen mit satter Substanz bisweilen mächtig zum Dröhnen. Danach konnte es schon mal sehr klassisch werden mit einem tradierten Klaviersatz, was dem Trio einen kammermusikalischen Charakter verlieh, verhalten und homogen. Bis es eben wieder auf Abenteuerreise ging. Stets frenetisch bejubelt, was mit zwei Zugaben belohnt wurde.