Veranstaltungsinfo

Do, 09.05.2019
20.00 Uhr
Klassik
27,00 / 15,00 €*
* Wir führen eine Warteliste

Michail Lifits, Klavier: Schubert und Schostakowitsch

“Beglückende Klangfarbenfreudigkeit” schwärmt die Frankfurter Allgemeine Zeitung über das Klavierspiel des jungen Pianisten Michail Lifits, der mit seiner hinreißenden Musikalität die internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht.
In umjubelnden Solorezitalen auf den großen Konzertpodien und als versierter Kammermusiker berührt sein “durchgeistigter, beinahe weise anmutender Ton” (Süddeutsche Zeitung) das Publikum und die Fachpresse weltweit. Den Gewinner des 57. Internationalen Klavierwettbewerbs Ferrucio Busoni führten zahlreiche Konzerte unter anderem in die Carnegie Hall und das Lincoln Center in New York, die Wigmore Hall in London, die Philharmonie Berlin, den Herkulessaal und die Philharmonie in München, die Laeiszhalle Hamburg, den Sala Verdi in Mailand, die Tonhalle Zürich, das Concertgebouw Amsterdam, das Palais des Beaux-Arts in Brüssel.

Geboren in 1982 in Taschkent (Usbekistan), übersiedelte Michail Lifits als 16-jähriger nach Deutschland und lebt seitdem in Hannover, einer Stadt, der er sich künstlerisch und kulturell sehr verbunden fühlt. An der dortigen Hochschule für Musik und Theater studierte er in den Meisterklassen von Karl-Heinz Kämmerling und Bernd Goetzke. Prägende künstlerische Einflüsse erhielt er darüber hinaus im Aufbaustudiengang bei Boris Petrushansky an der Internationalen Klavierakademie Incontri col Maestro in Imola (Italien). Seit 2014 ist Michail Lifits „Steinway Artist“.

19.00 Konzerteinführung durch den Kulturjournalisten Reinhard Palmer (Entfällt) *

* Da wir im laufenden Jahr mit erheblichen Zuschusskürzungen der öffentlichen Hand rechnen müssen, sind wir gezwungen, rechtzeitig Einsparungen vorzunehmen, um die Liquidität des Vereins nicht zu gefährden. Es werden in allen Bereichen des Theaterforums nach und nach verschiedene Sparmaßnamen umgesetzt werden. In der Klassik-Reihe müssen wir schweren Herzens die Konzert-Einführungen einstellen. Vielen Dank für Ihr Verständnis, Ihr Theaterforum  Gauting e.V.

Programm
SCHUBERT Sonate Nr. 22 B-Dur, D 960
SCHOSTAKOWITSCH Präludien op. 34
SCHOSTAKOWITSCH Präludium und Fuge Nr. 24 d-Moll aus op. 87




Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Nach(t)kritik 
Die Zugabe mit Chopins Nocturne cis-Moll op. posth. BI 49 war schon sorgfältig gewählt. Mal abgesehen davon, dass dieses Stück zweifelsohne den perfekten Abschluss abgab, ohne die Erinnerung an das zuvor Gehörte zu überdecken, verwies es zudem noch auf den Bezug der Präludien op. 34 von Schostakowitsch. Der damals 27jährige Russe hat nicht nur die Anordnung der Präludien nach dem Quintenzirkel und jeweils gefolgt von den mollparallelen Tonarten von Chopin übernommen, sondern sich auch musikalisch an den fast 100 Jahre zuvor entstandenen Préludes des Romantikers orientiert. Trotz der tonartfremden Harmonien und atonalen Skalen schaffte es Schostakowitsch, in seinen 24 Miniaturen eine geistige Verwandtschaft zu Chopin aufzubauen. Maichail Lifits fand dazu eine großartige Balance zwischen Schostakowitschs ureigener Stilistik und Chopins seelentiefer Schönharmonik sowie lyrisch ausgesungenen Themen und Melodien.
Zwischen den Ausprägungen sinnierender Lyrik über groteske Humoristik bis hin zu bravourös-brillanter Virtuosität breitete der Usbeke dabei eine Vielfalt an Schattierungen, Charakteren, anschlagstechnischen Nuancen wie Klangfarben aus, wie sie bei Schostakowitsch in der gegebenen Einfühlsamkeit selten zu hören ist. Gerade die anschlagstechnische Perfektion und vor allem darin eine üppige Differenzierung macht die hohe Qualität der Interpretationen Lifits‘ aus. Seine Pedalarbeit ist dabei präzis und mit viel Fußspitzengefühl austariert, sodass die pianistischen Eigenschaften in klarer und transparenter Weise ihre Wirkung zeigen konnten. Und das galt auch schon für die Sonate B-Dur D 960 von Schubert gleichermaßen, die Lifits vom Hammerflügel her gedacht weit zurücknahm. Hier fokussierte der besonnene Pianist die geistigen, ja philosophischen Werte, die in dieser letzten Sonate des Komponisten, ja in seinem musikalischen Vermächtnis an die Nachwelt auch eine zentrale Rolle spielen.
Als Schubert die ersten Skizzen notierte, war der Tod noch ein allgemeingültiges Thema. Als er die Sonate vollendete, hatte es sich zur persönlichen Betroffenheit konkretisiert. Die rhetorisch reichhaltige Diktion der Präludien von Schostakowitsch, die diese Aphorismen so eindringlich und ausdrucksstark macht, hatte bei Schubert bisweilen etwas Legendenhaft-Elegisches an sich. Mit perlender Pianistik wie auch formvollendetem Legato-Gesang verwandelte Lifits die Sonate mit leisen Tönen in eine Perle der Klavierliteratur. Umso wirkungsvoller zeigten sich die wenigen Intensivierungen im Ausdruck und Verdichtungen der fülligen Substanz, in denen Lifits schon mächtig in die Tasten greifen konnte, allerdings ohne dabei jemals ins Banale abzugleiten.
Zum Programmfinale vermochte Lifits daran mit Schostakowitschs letzten Werkpaar aus den Präludien und Fugen op. 87 anzuknüpfen, um einen eindrucksvollen Schlusspunkt zu setzen. Am Ende der stalinistischen Ära in der Sowjetunion hatte Schostakowitsch längst zu einer Tonsprache gefunden, in der der geschickte Komponist seine persönliche künstlerische Ausdrucksweise mit den Vorgaben der Zensurbehörden zumindest vordergründig in Einklang vorgab. Seine ursprünglich urwüchsige Kraft zeigte sich indes in der geistigen Ausdehnung, die Lifits im Hintergrund selbst in den ausgedehnten sinnierenden Passagen deutlich spüren ließ. Eine mächtige Spannung baute sich da hinter den leisen, bisweilen fast mystischen Tönen auf, um immer wieder aus der trotz weiter Zurücknahme sonorer Substanz aufzubrodeln. Die finale und erlösende Eruption hatte es denn auch in sich, als Lifits nun die orchestrale Kraft seiner Hände offenbarte. Nach dieser Flutwelle waren ihm frenetische Ovationen sicher.
Pressestimmen 
Michail Lifits schlägt eine Brücke zwischen Tradition und Moderne

Mit Beethoven und Chopin war Michail Lifits 2012 schon einmal im Gautinger Bosco. Seither hat sich viel getan bei dem usbekischen Pianisten: Weltweit unterwegs, ist Lifits vor allem in Europa längst etabliert und hat als Solist - mit und ohne Orchester - wie Kammermusikpartner ein breit gefächertes Betätigungsfeld gefunden. Er ist gern gesehener Gast in den renommiertesten Konzertsälen wie bei namhaften Festivals. Nun war ursprünglich Beethoven, Ravel und Schumann für das Bosco-Konzert geplant. Dass es kurzfristig eine Änderung gab, lag daran, dass Lifits mit seiner CD-Einspielung von 2017 und anschließenden Konzerten mit den Präludien op. 34 von Schostakowitsch große Erfolge feierte. Letztlich sorgte Lifits dafür, dass dieser Zyklus von 24 teils aphoristisch kurzen Stücken aus dem Schattendasein erwachte. Das wurde dem Gautinger Publikum nicht vorenthalten.

Mit der gegebenen Konzentration auf sehr unterschiedliche Charaktervarianten demonstrierte Lifits seine Stärke der spieltechnischen Differenzierung. Das Ausdrucksspektrum schlug einen weiten Bogen vom andächtigen, bisweilen religiös-frommen Sinnieren, über lyrischen Gesang und perlende Mystik bis hin zum virtuos-brillanten Wogen und hymnischen Donnern. Mit seiner Wendigkeit vermochte Lifits den Flügel geradezu zum Sprechen zu bringen mit rhetorischen Ausdrucksgesten, fesselnden Erzählungen, überraschenden Fragen und Ausrufen. Das Vorbild der Idee für dieses Werk - Chopin mit seinem Präludien-Zyklus in der Reihenfolge gemäß dem Quintenzirkel und dazugehöriger Mollparallelen - kam im Erscheinungsbild ohne Brüche zum Tragen. Die Brillanz wie auch der romantische Kerzenschimmer, wie er bei Chopin in den Nocturne mit spezifischem Klangbild verzaubert, vertrugen sich in Lifits' Interpretation selbst mit Atonalität und Dissonanzen. So schlug der 37-Jährige eine Brücke zwischen Tradition und Moderne - erst recht mit dem Anhang aus seinem zweiten Zyklus, dem der Präludien und Fugen op. 87.

Knapp 20 Jahre später entstanden, hatte es Schostakowitsch verstanden, die Kraft der Neuen Musik vor Stalins Zensurbehörden hinter gemäßigter Oberfläche zu verbergen. Lifits ließ diese unterschwellige Spannung spüren, was diese Stücke nun zu monumentaler Größe anwachsen ließ. Während das Finale des op. 34 eher unspektakulär den Schlusspunkt setzte, endete das Werkpaar des op. 87 in d-Moll mit gewaltigem Finale; Lifits inszenierte es mit sinnierend-feierlichem Vorlauf. Schließlich bahnte sich die Spannung den Weg aus dem Verborgenen und Lifits donnerte ein Finale von urwüchsiger Kraft heraus.

Die Wirkung war umso stärker, da Lifits seinen Auftritt mit einer zurückgenommenen Schubert-Sonate eröffnet hatte. In der letzten Sonate des Komponisten B-Dur D 960 aus dessen Todesjahr fokussierte Lifits vor allem den geistigen Gehalt, zudem die subtil changierenden Seelenzustände Schuberts, die dessen letzten Werke so tiefgründig machen. Zwar hatte der erst 31-jährige Komponist seine ersten Skizzen ohne Todesvorahnung zu Papier gebracht, doch deutete die Gewissheit des nahenden Endes dieses Material letztendlich um. Lifits versah die Schönheit der melodischen Gesänge und Motive mit einer Prise Wehmut und kreierte eine Ambivalenz zwischen Versöhnung und Trauer. Ein überaus feinsinniger Zugriff, den der Pianist mit Geduld erspürte. Präzis und minimalistisch austarierter Pedaleinsatz halfen, die pianistischen Mittel mit Nuancen auf dünnem Grat auszubalancieren. In der Zugabe griff Lifits diese feierlich entrückte, geradezu sakrale Verhaltenheit erneut auf: Chopins Nocturne cis-Moll op. posth. BI 49 verklammerte das Programm zu einer einzigartigen Ausdrucksform.