Veranstaltungsinfo

Do, 05.12.2019
20.00 Uhr
Jazz
22,00 / 10,00 €*
* Regulär / bis 25 Jahre

Oddgeir Berg Trio: In the End of the Night

Das norwegische Oddgeir Berg Trio verbindet die Jazztradition Skandinaviens mit sphärischen Klängen und unaufdringlichen Klangexperimenten.
Erst „Before Dawn“, jetzt „In the End of the Night“ - die beiden ersten Platten des Oddgeir Berg Trios spielen im Grunde genommen zur selben Uhrzeit: Den Stunden vor dem Anbruch des Tages, der Phase des unwirklichen Hinausgleitens aus der Nacht, die man im Portugiesischen als „Madrugada“ bezeichnet. Musikalisch ist vieles beim Alten geblieben. Ein ebenso privater wie cinematischer Klang, der zum Versinken und Versenken einlädt. Unterschwellige Grooves, die Kopf und Körper zum Schwingen bringen. Die bittersüße Harmonik und das Schwebende in Oddgeir Berg's Klavierton. Und doch hat dieses Album gleich mehrere Überraschungen parat.
 
Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass das Oddgeir Berg Trio sein Debüt vorgelegt hat. Auf dem Papier war es die Initialzündung einer jungen Band. In Wahrheit steckten hinter dem Projekt drei gewachsene Session-Musiker, die in ihrer norwegischen Heimat bereits mit einigen der größten Namen gespielt hatten. Der Mut zum Ausbruch hat sich bezahlt gemacht: „Before Dawn“ erhielt weltweit Zuspruch, wurde in Magazinen wie All About Jazz, dem japanischen JazzSpace oder der Jazzthetik gefeiert. Auf der anschließenden Tour beglückte man dann all diejenigen, die sich in den ätherisch-flirrenden Sound der Platte verliebt hatten. Mit einigen gewagten Passagen zeigte man aber zugleich auch neue Wege auf.
 
„In the End of the Night“ reflektiert mit traumwandlerischer Sicherheit den Balance-Act der Konzerte. Einerseits findet man in Tracks wie „List“ das vertraute intime Zusammenspiel zwischen Berg und seinen Mitstreitern Karl-Joakim Wisløff und Klaus Blomvik. Das programmatisch betitelte „The Escape“ wiederum spielt subtil mit elektronischen Soundeffekten und lässt minimalistische Pianofiguren wie einen Electro-Bass klingen. Doch ist es der Opener „Vagabond“, der am offensichtlichsten den Willen zum Experiment belegt: Vier Minuten lang umtanzt das Trio gewohnt traumhafte Melodien, bevor Wisløff in einem apokalpytischen Finale seinen Arco-Bass durch eine Fuzz-Box laufen lässt und den Geist von Jimi Hendrix beschwört.
 
Aufgenommen wurde erneut im eigenen Bonker Studio in Oslo. Und obwohl man sich unendlich viel Zeit hätte nehmen können, spielte die Band „In the End of the Night“ in gerade einmal zwei Tagen ein. In dieser Dringlichkeit spiegelt sich die grundlegende Philosophie des Jazz wider, im spontanen Augenblick nach Momenten für die Ewigkeit zu suchen. Die Musiker des Oddgeir Berg Trios wissen aus Erfahrung, dass man diese Momente nicht erzwingen kann. Man muss auf sie warten – und wenn es bis zum Ende der Nacht dauert.

ODDGEIR BERG piano, keys
KARL-JOAKIM WISLØFF bass
LARS BERNTSEN drums



Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2019

Nach(t)kritik 

Betrachtet man dieses Konzert vom Ende her, dann war es ein umjubeltes Gastspiel, das seine Zuhörer mit dem wunderbar intimen, Trost spendenden „In the End of the Night“ in die Minusgrade einer Dezember-Nacht entließ. Das offenbar direkt aus Norwegen eingeflogene „Oddgeir Berg Trio“ hatte gleichsam seine musikalische Visitenkarte im Bosco abgegeben – doch die hatte zwei Seiten: Jene meditativ-versammelte Einfachheit, die eine Wirkung wie warmer Ingwer-Tee zu entfalten vermochte, aber auch eine harte Kehrseite, die ihre Motive manchmal bis an die akustische Schmerzgrenze ausreizte.

Pianist und Keyboarder Oddgeir Berg gibt anscheinend den recht persönlichen Ton an in dieser Dreierformation, deren weitere Bestandteile Kontrabass (Karl-Joakim Wislöff) und Drums (Klaus Blomvik) dennoch für dynamische Balance sorgen. Im Fall des Schlagzeugers Blomvik obsiegt dankenswerter Weise öfters eine sanfte, schmeichelnde Spielart wie beim Auftaktstück „Way Home“ oder auch bei der erwähnten Zugabe: Sie hält den drängenden Klavierpart im Zaum, gibt aber auch Contra, wenn sich eine Komposition mit erstaunlicher Wucht in die Höhen schwingt. Wislöffs Bass ist ebenfalls souverän genug, sich inmitten dieser Antipoden zu behaupten und sogar die Führung eines Themas zu übernehmen – das magische „Postlude“ ist so ein Beispiel. Das „Oddgeir Berg Trio“ changierte also ständig zwischen dem Ruhe-Pol und aufgepeitschten Aggregatszuständen: Hier ein geradezu „altmodisch“ präzise dahinlaufendes Uhrwerk namens „Liszt“, dort ein Stück auf der Flucht, das passender Weise „The Escape“ überschrieben ist; mal ein „Lullaby“, also Schlaflied mit viel „Moll“ für einen von Bergs Söhnen, dann wieder eine Komposition wie „Vagabonde“, die für den Kontrabass eine dramatische Streicher-Passage vorsieht und nach Rastlosigkeit schmeckt. Die Stärke und damit die Kraft dieses Trios liegt dem Hör-Erleben naxh dennoch eher in der Ruhe als in der Aufgewühltheit: Ein perpetuiert harter Piano-Anschlag allein genügt noch nicht, um in „The Travellers“ all die Möglichkeiten auszureizen, die sich im Dialog mit dem Schlagzeug durchaus hätten ergeben können. Der Gesamteindruck hier ist nicht anders als schmerzhaft und ebnet durch seinen offenkundigen Ideenmangel jede noch so gute Absicht ein. Berg sitzt noch dazu am Klavier phasenweise derart abgewandt vom Publikum, als wäre dies der zusätzliche Ausdruck eines Ego-Trips.

Um so betörender sind dann wiederum jene Stücke, welche die ganze filigrane Zartheit der drei Instrumente hervorzaubern: „Oldies“ etwa überlässt anfänglich dem Bass die Szenerie für eine längere Meditation, während das 2018 entstandene „Postlude“ mit einem der schönsten davonschleichenden Schlagzeug-Fadeouts aufwartet, die man wohl je gehört hat – ein sachte gerührter „Schneebesen“ in kalter Winternacht. Man wurde zugleich daran erinnert, dass aus Skandinavien kommender Jazz sich in seinen Motiven gerne an Naturphänomenen und daraus gespeister Folklore orientiert und entsprechende Bilder erzeugt. Die erst im Februar veröffentlichte CD „In the End of the Night“ dürfte für dieses Trio mit seinen bereits recht erfahrenen Einzelkönnern nur der Anfang einer verheißungsvollen gemeinsamen Zukunft sein: Wenn Oddgeir Berg seinen allzu harten Tasten-Anschlag etwas weniger ausufern lässt und sich mehr seinen unbestreitbar vorhandenen sanfteren Qualitäten (sowie dem Publikum) zuwendet, wäre noch viel wärmende Innerlichkeit zu gewinnen. Die erwähnte Tasse Tee zum Beispiel, nicht nur vom Ende her betrachtet.