Veranstaltungsinfo

Sa, 20.10.2018
20.00 Uhr
Kabarett
22,00 / 10,00 €*
* Karten an der Abendkasse

Philip Simon: Meisenhorst

Staatsbürgerkunde mit Philip Simon ist drastisch und unterhaltsam: In seinem neuen Programm „Meisenhorst" führt der niederländischdeutsche Kabarettist vor, dass im Grundgesetz mehr Zündstoff steckt, als Progression in bundesdeutschen Köpfen.
Rechtzeitig zum 70. Geburtstag der bundesdeutschen Staatsbibel stellt Philip Simon die entscheidende Frage: Welche Ihrer 19 Grundrechte sind Ihnen die wichtigsten? – Oder kann es sein, dass wir mehr über die zehn Gebote wissen, als über unsere Verfassung? Dafür zeigt er der Gesellschaft symbolisch den Vogel. Im „Meisenhorst“, dem kollektiven Oberstübchen der Nation, muss ein Perspektivenwechsel her.

Mit den Waffen der Sprache, punktgenau und mit jeder Menge Humor seziert Philip Simon die bewegendsten Artikel des Grundgesetzes. Philosophisch werden Kant, Nietzsche und Bruce Lee zitiert und gemeinsam mit ihnen ruft er zum bürgerlichen Widerstand gegen die Meisen in der eigenen Voliere auf. In den Köpfen seines Publikums zeichnet Philip Simon eine Welt, in der zum Schluss das Grundgesetz buchstäblich auf den Kopf gestellt wird und der Meisenhorst in seiner ganzen Pracht erscheint.

Ziehen Sie in Ihrem Gedankenstübchen mal wieder selbst die Strippen. Denn Reflexion ist mehr als nur ein unangenehmes Blitzen im Auge.

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
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2018

Nach(t)kritik 

Da meint es einer wirklich ernst, und das ist in Zeiten von Comedy und Dieter-Nuhr-Geschmeidigkeit schon mal eine Menge wert: Philip Simon, 42-jähriger Deutsch-Holländer mit kabarettistischem Sozialisationsschwerpunkt Essen, zeigt uns in seinem aktuellen Programm „Meisenhorst“ knapp zwei Stunden lang jenen Vogel, den wir mehr oder weniger alle haben. In diesem Fall wäre es natürlich allzu billig, irgendeinen Horst-Seehofer-Kalauer zu bringen, doch Simon stellt gleich zu Beginn des Abends klar, dass es um einen Nistplatz für jedweden nur denkbaren Menschheitsunsinn geht, also Dinge, die gar nicht so komisch sind, sondern eher beklagenswert. Dinge, die immer noch weitere Dinge ausbrüten. Als „geistige Verdichtung des Meisenknödels“ umschreibt er diese summarische Aussichtsplattform, die er da in unserem Oberstübchen (oder auch mal dem von Donald Trump, Beatrix von Storch oder Alexander Dobrindt) geortet hat, denn er weiß: „Die erste Diktatur wird immer im Kopf errichtet.“

Philipp Simon liefert in der Folge jede Menge Indizien oder passende Zitate (bis hin Heinz Erhardts "Kamel"-Zeilen) für selbst auferlegte Denkverbote, für die spezifisch deutsche Bereitschaft, sich von Politik und Wirtschaft dauerhaft verarschen zu lassen, aktuellstes Beispiel: Diesel-Affäre. An einer das Gesagte bündelnden Stelle seiner Bestandsaufnahme nennt er dies einen „Beitrag als Wirtschaftsfaktor für organisierte Kriminalität, unter dem Schutzschild der Politik“ - da piept die Meise schon mal ganz ordentlich. Angetreten ist Simon ganz bewusst in einem Mischdress aus Nato-Soldat und Friedensaktivist, dominante Farbe: Grün. Auf der Bosco-Bühne hat er sich eine querformatige Schiefertafel dazugestellt, die er im Laufe des Abends (und bis zur überraschenden Schluss-Pointe) mit den Ziffern von bedeutsamen Grundgesetz-Artikeln füllt, gleichsam als Moral-Kompass. Simon wirft zu Recht die Frage auf, warum „in jedem Hotelzimmer-Nachtkasten ´ne Bibel liegt und kein Grundgesetz“ - und gibt die Antwort gleich selber: „Weil unsere christliche Prägung oft stärker als unser Wissen über das Grundgesetz ist!“ Wäre ja eigentlich ein Argument, dass sich in den Nachtkästen endlich was ändert. Dem Deutsch-Holländer aber ist es nicht zu tun um wohlfeile Pointen, der gesellschaftliche Vogelkundler in ihm zielt vielmehr auf die philosophische Ebene: „Der moderne Mensch kann Demenz auf Knopfdruck“, konstatiert er, nachdem er eine ganze Litanei an Zuständen und Zumutungen aufgezählt hat, deren Erdulden nur noch mit kollektiver Vergesslichkeit erklärbar scheint. Und dann gelingen Simon auch Sätze wie in Stein gemeißelt, geschliffene Resümees, die wohlformuliert sind, sich einzelne Worte auf der Zunge zergehen lassen und ganz ruhig vorgetragen werden, ohne Effekthascherei oder allzu penetrantes Ausrufezeichen – etwa: „Ein Untersuchungsausschuss ist der Ausschuss, der nach einer Untersuchung übrig bleibt.“ Oder: „Im Zweifelsfall entscheiden wir uns fürs eigene Wohlbefinden, weil wir mit den Konsequenzen des Wachstums nichts zu tun haben wollen.“ Und dann noch: „Wissen Sie, was ein Wachstumsmarkt ist? Der für Schwimmwesten!“ Vor "Gesinnungsapplaus" ist er damit natürlich auch nicht sicher.

Dass seine früheren Programme „Ende der Schonzeit“ und „Anarchophobie“ hießen, unterstreicht Simons eher nicht so tagespolitischen Ansatz, mit dem er seinem Publikum kommt: Raus aus Komfortzone und Ohrensessel, Leute, denkt endlich mal das vermeintlich Undenkbare! Ganz gewiss nicht gemeint ist damit jene Unkultur des mangelnden Differenzierungswillens, mit der die Rechte weltweit auf dem Vormarsch ist („Donald Trump ist da Trendsetter!“) - Philip Simon hat bei den Menschen gleichwohl eine „Sehnsucht nach der Einfachheit einer dörflichen Struktur“ erkannt und tadelt sie nicht dafür: In all der globalen Unübersichtlichkeit ist das mit dem Hang zur Vereinfachung nur menschlich – und kann doch viel gefährlichen Unsinn hervorbringen. Simon analysiert durchaus fair, gibt aber auch klare Kante, wenn er über die Sprachverwahrlosung der AfD sagt: „Wer solch einen Duktus mitträgt, der macht sich auch selbst verantwortlich dafür.“ Ja, wir stehen vor dem Problem der Humanisierung des Menschen – anders ausgedrückt: „Die Meisen übernehmen mehr und mehr die Kontrolle über uns.“ Man hört es geradezu piepen. Thomas Lochte